Warum müssen die gleichen Fehler immer wieder begangen werden? Dabei lautet das Sprichwort doch, dass man aus ihnen klug werde?

Dass dem nicht so ist, zeigen die USA und ihre Verbündeten erneut: Saigon, Bagdad, Kabul. Chinook-Hubschrauber evakuieren Amerikaner im letzten Moment aus den jeweiligen Ländern. Das sind die Helikopter, die zwei Rotoren haben und einen Höllenlärm in der Luft verbreiten. In ihrem Bauch verschwinden dann auch Mitglieder anderer westlicher Staaten, die mit den USA zusammen Krieg führen. Die Schmach des Rückzugs ist mit diesen Hubschraubern zum Symbol geworden. Vietnam, Irak, Afghanistan: Ein Desaster folgt dem anderen.

Das irakische Kartenhaus fiel in sich zusammen

Die Szene am Heliport in der Grünen Zone in Bagdad im Frühjahr 2005 bleibt in ewiger Erinnerung. Um ein Uhr nachts sollte ich ins nur 80 Kilometer entfernte Falludscha in der Nachbarprovinz von Bagdad geflogen werden, das durch zwei Großangriffe der US-Armee völlig zerstört wurde.

Falludscha und die Provinz Anbar waren die Hochburg des Widerstandes gegen die amerikanische Besatzung. Die erbittertsten Kämpfe in diesem Krieg fanden dort statt. Die Fahrt dorthin war auf dem Landweg zu gefährlich. Mit einer halben Stunde Verspätung donnerte der Chinook durch die Nacht auf den Heliport zu. Beeindruckt von dem herannahenden Ungeheuer, sagte die junge amerikanische Presseoffizierin, die mich begleitete: "Ich hoffe nur, dass wir hier nicht auch zu früh abziehen."

Fünf Jahre später waren die Amerikaner aus dem Irak weg, als das Land gerade begann, sich von dem verheerenden Bürgerkrieg zu erholen und an einen Aufbau zu denken war. Mit den GIs zogen auch die über 30 Mitglieder der "Allianz der Willigen" wie beispielsweise Briten und Polen ab, die die Invasion 2003 begleiteten. Und mit ihnen verließen auch alle anderen, zivilen Organisationen und -institutionen den Irak.

Keine Hilfsorganisationen, politischen Stiftungen oder Kulturvereine der Kriegsallianz blieben zurück. Auch die angebahnten Wirtschaftsbeziehungen kamen mehrheitlich zum Erliegen. Dass amerikanisches Engagement so eng mit dem Militär verbunden ist, hatte fatale Auswirkungen. Die Iraker hatten niemanden mehr, der ihnen einen Ausgleich zu ihren macht- und geldgierigen Politikern bot. Hatte der Aufbau einer Zivilgesellschaft gerade Formen angenommen, fiel alles wie ein Kartenhaus zusammen.

Genau das geschieht gerade in Afghanistan. Die Folge im Irak war der Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat. Die Amerikaner mussten zurückkommen. Gleichwohl war der Rückzug im Irak im Vergleich zu Afghanistan geordnet und gesittet, bei aller Tragik der Entscheidung. Es war sogar möglich, dass der letzte US-Soldat medienwirksam das Tor zu Kuwait schloss, als er sich auf die Militärbasis dort zurückzog. Vor den Amerikanern waren alle anderen schon gegangen. Die Briten im Jahr davor, Spanier und Polen schon drei Jahre früher.

In Afghanistan ziehen alle überhastet ab

In Afghanistan ziehen nun alle zeitgleich, überhastet ab. Das schafft Chaos. Außerdem scheint wohl niemand die Einschätzung der deutschen Botschaft in Kabul ernst genommen zu haben, schon am Freitag mit der Evakuierung zu beginnen, als sich die Lage zuspitzte. Die deutschen Beamten im Außenministerium hatten sich gerade auf das Wochenende eingestellt und reagierten erst, als es schon zu spät war - am Sonntagabend.

Sogar die Schweden werfen ihrer Regierung jetzt vor, nicht auf die Mahnung der deutschen Botschaft gehört zu haben, die ihren Lagebericht an alle Verbündeten weiterleitete. Das deutsche Debakel indes ist nicht neu. Immer wieder berichten Mitarbeiter und Diplomaten der deutschen Auslandsvertretungen von der Ignoranz ihres Ministeriums gegenüber den Einschätzungen von vor Ort, die oft keine Berücksichtigung in der Entscheidungsfindung in Berlin finden. Das ist ungefähr so, wenn Redakteure in den Heimatredaktionen besser Bescheid zu wissen glauben, als ihre Korrespondenten vor Ort.

Dabei kann sich Österreich nun entspannt zurücklehnen. Der letzte Bundesheerler wurde am 18. Juni ausgeflogen. Im April waren es noch 16 Österreicher, die zum Großteil in Mazar-i-Sharif in Nordafghanistan, im Camp der deutschen Bundeswehr, zum Einsatz kamen. Ihre Aufgaben waren beratend und unterstützend, die Soldaten beteiligten sich nicht, wie die Deutschen, aktiv an Kampfhandlungen.

Dass die Taliban keine Terrortruppe sind, glauben wohl nur die, die es glauben wollen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Das einzig Glaubwürdige, das die finsteren Gesellen in den letzten Tagen von sich gaben, ist, dass sie den Abzug der internationalen Gemeinschaft nicht behindern werden. Warum auch? Sie wollen ja, dass die Westler aus dem Land verschwinden und mit ihnen diejenigen, die die Taliban-Herrschaft in Frage stellen könnten.

Aktivisten, Journalisten und Frauen trifft es zuerst

Dass damit ein Braindrain geschieht, also ein Exodus der Elite, nehmen sie gerne in Kauf. Im Irak hat dies die schiitische Milizarmee des Klerikers Moktada al-Sadr bestellt, die mit ihren Todesschwadronen alle verfolgte, die irgendwie mit den Amerikanern oder dem vorigen Saddam-Regime kooperiert hatten.

In Afghanistan säubern die Taliban selbst. Journalisten und Menschenrechtsaktivisten trifft es zuerst, besonders Frauen. Andere Berufsgruppen wie Anwälte und Richter werden folgen, schließlich Lehrer und Universitätsmitarbeiter. Darüber hinaus haben die Gotteskrieger verkündet, ein islamisches Kalifat aus Afghanistan machen zu wollen.

Früher oder später werden sie alle Daumenschrauben gegenüber der Bevölkerung und vor allem gegenüber den Frauen anziehen, die man vom IS im Irak kennt. Denn nicht zu vergessen: die Kader des IS waren zwar alle Iraker, "genossen" aber Ausbildung und ideologische Schulung in Afghanistan und Pakistan. Als die US-geführte Allianz in Afghanistan einmarschierte, bewegten sich nicht wenige von ihnen in Richtung Irak und Syrien. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Bewegung jetzt wieder rückwärts geht.