US-Präsident Joe Biden hat vor wachsender Terrorgefahr am Flughafen in Kabul gewarnt. Jeder Tag, den man wegen der Evakuierungen länger vor Ort bleibe, sei ein weiterer Tag, an dem ein örtlicher Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat versuche, den Flughafen anzugreifen, sagte Biden. Es gebe die "akute und wachsende Gefahr eines Anschlags", sagte er am Dienstag in Washington (Ortszeit) nach einer Videoschaltung der G7-Staats- und Regierungschefs zur Lage in Afghanistan.

Die USA halten daher vorerst an ihrem Plan fest, ihre Truppen bis zum 31. August aus Afghanistan abzuziehen. "Je früher wir es abschließen, desto besser", sagte Biden.

Das US-Militär reduzierte unterdessen seine Truppenpräsenz am Flughafen Kabul nach eigenen Angaben um "mehrere Hundert" Soldatinnen und Soldaten. Dies sei bei einem laufenden Einsatz Teil der normalen Entscheidungsgewalt des örtlichen Kommandeurs, erklärte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. Es handle sich dabei unter anderem um Beschäftigte der Zentrale, Spezialisten für Wartungsarbeiten und andere Soldaten, deren Mission am Flughafen abgeschlossen sei, erklärte er am Dienstag (Ortszeit). Das US-Militär hatte dort zuletzt rund 5.800 Soldaten im Einsatz.

Bedingungen für Anerkennung von Regierung

Kirby betonte, der routinemäßige Abzug einiger Truppen stelle nicht den Beginn des Abzugs aller Soldaten aus Afghanistan dar. Dies sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht befohlen worden, erklärte er.

Nach Angaben von US-Präsident Biden bestand bei den G7-Beratungen am Dienstag Einigkeit darüber, dass die Anerkennung einer künftigen Regierung in Afghanistan von zahlreichen Bedingungen abhängen würde. "Wir sind uns einig, dass niemand von uns die Taliban beim Wort nehmen wird. Wir werden sie nach ihren Taten beurteilen, und wir werden uns eng über alle Schritte abstimmen", sagte Biden. Entscheidend sei etwa, ob die Taliban internationalen Verpflichtungen nachkämen und verhinderten, dass Afghanistan erneut als "Basis für Terrorismus" genutzt werden könne.

Mit Blick auf den Ableger des Islamischen Staats (IS) sagte Biden, die Terrorgruppe sei auch ein erklärter Feind der Taliban. Mit einem Anschlag auf den Flughafen könnte der IS-Ableger die Glaubwürdigkeit der Taliban als neue Machthaber erschüttern und auch ausländische Truppen treffen, die der Gruppe verhasst sind, so die Logik. Die Taliban kontrollieren das Gebiet rund um den Flughafen.

Die militanten Islamisten haben Mitte August die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Biden ordnete daher eine Verstärkung der US-Truppen am Flughafen Kabul an, um eine Evakuierung westlicher Staatsbürger, afghanischer Ortskräfte und anderer Schutzbedürftiger zu ermöglichen. Derzeit sind dort mehr als 5.000 US-Soldaten im Einsatz.

Über 70.000 Menschen ausgeflogen

Von der US-Luftwaffe und den Verbündeten seien seit dem 14. August insgesamt 70.700 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen worden, erklärte Biden. Angesichts des Fortschritts bei den Evakuierungen solle am Abzug bis Ende August, also bis spätestens kommenden Dienstag, festgehalten werden. Biden fügte aber hinzu, er habe das Außen- und Verteidigungsministerium angewiesen, Alternativpläne zu erarbeiten, um den Zeitplan des Abzugs anzupassen, falls das nötig sein sollte. Die Fortführung des Einsatzes hänge auch von der Kooperation der Taliban ab.

Auch Deutschland plant einen baldigen Abzug aus Afghanistan. Der letzte Flug der Luftbrücke für deutsche Staatsbürger und gefährdete Ortskräfte könnte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bereits am Freitag organisiert werden. Die deutsche Regierung reagiere damit auf das Festhalten der USA an ihrem Abzugsdatum Ende August. Ein Sprecher des deutschen Verteidigungsministeriums wollte diese Angaben am Mittwoch aber weder bestätigen noch dementieren.

Einige internationale Partner hatten die USA zu einer Verlängerung des Einsatzes aufgefordert, um noch mehr Zeit für die Evakuierungen zu haben. Rund um den Flughafen harrten auch am Mittwoch weiter Tausende Menschen in der Hoffnung aus, ins Ausland gelangen zu können. So zeigen in Sozialen Medien geteilte Videos Hunderte Afghanen, die teils bis zu den Hüften in einem Wassergraben vor einer Wand zum Flughafengelände stehen und warten.

Angesichts des nahenden Endes von Evakuierungsflügen werden auch Forderungen nach einem verstärkten Engagement der Nachbarländer laut. "Iran, Pakistan und Tadschikistan sollten mehr Menschen über Land oder Luft herausholen", sagte ein in Kabul ansässiger NATO-Diplomat am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Die Länder sollten ihre Grenzen öffnen, forderte der Diplomat.

Während die USA und Deutschland offenbar ihren Abzug vorbereiten, will Russland vier Militärtransportflugzeuge zur Rettung von mehr als 500 Menschen nach Afghanistan schicken. Bei der großen Evakuierungsmission sollen neben Russen auch Bürger aus der Ukraine, aus Belarus und den zentralasiatischen Republiken Tadschikistan, Usbekistan und Kirgistan aus Afghanistan herausgeholt werden, berichtete die Staatsagentur Tass am Mittwoch. Auch Südkorea will laut dem Außenministerium in Seoul im Rahmen einer Evakuierungsaktion etwa 390 Menschen aus Afghanistan aufnehmen.

Weltbank friert Zahlungen ein

Nach der Machtübernahme der Taliban friert die Weltbank neue Auszahlungen für ihre Hilfs- und Entwicklungsprojekte in Afghanistan vorerst ein. "Wir sind tief besorgt angesichts der Lage in Afghanistan und der Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung des Landes, insbesondere für Frauen", erklärte ein Sprecher der Weltbank am Dienstag (Ortszeit). Das weitere Vorgehen werde mit der internationalen Gemeinschaft und Partnern der Entwicklungszusammenarbeit abgestimmt werden.

Es gehe darum, Wege zu finden, wie die in Afghanistan mit harter Arbeit erzielten Fortschritte bewahrt werden könnten und wie man die Menschen dort weiter unterstützen könne, erklärte der Sprecher der internationalen Organisation weiter.

Die Weltbank war für Afghanistan - eines der ärmsten Länder der Welt - bisher ein wichtiger Geldgeber für Entwicklungsprojekte. Sie unterstützte Afghanistan von 2002 bis April dieses Jahres nach eigenen Angaben mit Hilfen von fast fünf Milliarden US-Dollar. Im Februar gab es demnach zwölf Projekte in Afghanistan mit einem Volumen von rund 940 Millionen Dollar, hinzu kamen weitere Vorhaben in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Fonds für den Wiederaufbau.

Der ebenfalls in Washington ansässige Internationale Währungsfonds (IWF) hatte bereits vergangene Woche angekündigt, die Zusammenarbeit mit Afghanistan bis auf Weiteres zu pausieren. Die Taliban haben Mitte August die Macht in Afghanistan übernommen, werden bisher aber noch nicht international als neue Regierung anerkannt. (apa/dpa/afp)