Wenige Tage vor dem voraussichtlichen Ende der internationalen Evakuierungsmissionen in Kabul haben mehrere beteiligte Staaten erhöhte Terrorgefahr um den Flughafen gemeldet. Die Sicherheitslage rund um den Flughafen spitze sich zu, warnte die US-Botschaft in der Nacht auf Donnerstag. Die USA, Großbritannien und Australien warnten ihre Staatsbürger, das Gebiet zu meiden. Deutschland und Frankreich wollen am Donnerstag bzw. Freitag ihren letzten Evakuierungsflug starten.

"Aufgrund der Sicherheitsbedrohungen vor den Toren des Flughafens Kabul raten wir US-Bürgern, derzeit nicht zum Flughafen zu reisen und die Tore des Flughafens zu meiden", teilte die US-Botschaft mit, ohne die Bedrohungslage genauer zu benennen. Gleichzeitig schwindet die Zeit für Evakuierungen. US-Bürger, die sich derzeit am Abbey Gate, East Gate oder North Gate aufhielten, sollten das Gebiet "sofort" verlassen, warnte die US-Vertretung in Kabul

Die britische Regierung forderte Bürgerinnen und Bürger in der Nähe des Flughafens auf, sich an einen sicheren Ort zu begeben und auf weitere Anweisungen zu warten. Sie sprach in ihren Reisehinweisen am Mittwoch von einer "weiterhin hohen Bedrohung durch Terroranschläge". Die deutsche Botschaft warnte in einem Schreiben an deutsche Staatsbürger vor Schießereien und Terroranschlägen.

Zunehmend potenzielle Selbstmordattentäter

Die deutsche Bundeswehr hatte bereits am Dienstag berichtet, das zunehmend potenzielle Selbstmordattentäter der Terrororganisation "Islamischer Staat" in Kabul unterwegs seien. Ähnlich hatte sich US-Präsident Joe Biden geäußert. Praktisch täglich versuche ein örtlicher Ableger des IS, den Flughafen anzugreifen, hatte er erklärt. Die Terrormiliz sei auch ein "erklärter Feind" der militant-islamistischen Taliban.

Die USA halten unterdessen weiter an ihrem Truppenabzug bis zum 31. August fest. Das bedeutet ein Ende der internationalen Evakuierungsflüge schon in den kommenden Tagen. Laut dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" (Donnerstag) soll bereits am Donnerstag der letzte Evakuierungsflug der deutschen Bundeswehr starten. Die deutschen A400M-Maschinen haben nach Angaben der Bundeswehr bisher 5.193 Menschen in Sicherheit gebracht. Allein am Mittwoch seien es 539 Personen gewesen. Es habe insgesamt 34 Flüge gegeben. "Wir evakuieren bis zur letzten Sekunde", hieß es.

Auch Frankreich werde seine Evakuierungsflüge nur mehr bis Freitagabend fortsetzen, teilte Premierminister Jean Castex am Freitag RTL Radio mit. Belgien stellte seine Luftbrücke bereits am Mittwoch ein. Laut dem "Spiegel"-Bericht ist es inzwischen fast unmöglich, noch weitere Schutzbedürftige zum Flughafen zu bringen.

Auch Türkei zieht Soldaten ab

Auch die Türkei hat bereits damit begonnen, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Damit dürfte auch die zeitweise besprochene Option vom Tisch sein, dass türkische Truppen den internationalen Flughafen in Kabul über das Ende des NATO-Einsatzes hinaus sichern. Unklar ist, ob Menschen auch nach dem 31. August über den Flughafen ausreisen können.

Obwohl seit dem 14. August bereits fast 90.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen wurden, harren noch immer tausende verzweifelte Menschen vor den Flughafentoren aus und hoffen auf einen Platz auf einem Evakuierungsflug. Mindestens acht Menschen starben in dem Chaos vor den Toren des Flughafens. Wie Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) am Mittwochabend mitteilte, würden auch "noch zwei, drei Dutzend" Menschen mit afghanischen Wurzeln auf die Ausreise nach Österreich warten. "Es melden sich fast täglich neue", sagte der Minister in der ORF-"ZiB2". 87 Menschen seien bereits herausgebracht worden.

Die US-Regierung betonte, dass es keine "Frist" für ihre Bemühungen gebe, ausreisewilligen US-Amerikanern oder Afghanen zu helfen. Die Taliban hätten sich verpflichtet, Menschen über den 31. August hinaus sicheres Geleit zu ermöglichen, sagte Außenminister Antony Blinken. "Und wir haben sicherlich Anreize und Druckmittel gegenüber einer zukünftigen afghanischen Regierung, um sicherzustellen, dass dies geschieht", sagte Blinken weiter ohne ins Detail zu gehen.

Noch maximal 1.500 US-Amerikaner in Afghanistan

Auch nach Angaben der deutschen Regierung haben die Taliban zugesagt, dass Afghanen auch nach dem 31. August das Land verlassen dürfen. Berlin will weiterhin deutsche Staatsbürger und schutzbedürftige Afghanen mit zivilen Flügen von Kabul aus außer Landes bringen. Es geht um mehrere tausend Menschen.

Die USA gingen mit Stand Mittwochnachmittag (Ortszeit) davon aus, dass noch maximal 1.500 US-Amerikaner in Afghanistan sind. Davon seien 500 bereits mit konkreten Anweisungen zu ihrer baldigen Evakuierung versorgt worden, erklärte das Außenministerium. Regierungsmitarbeiter versuchten weiter intensiv, die übrigen etwa 1.000 Personen zu kontaktieren. Das Ministerium betonte, dass diese Zahl auch deutlich niedriger sein könnte. Biden hatte allen ausreisewilligen Amerikanern in Afghanistan die Ausreise aus dem Land versprochen und zugesichert, sie "nach Hause zu bringen". (APA/dpa/Reuters/AFP)