Salzburger Schnürlregen erwartet Harold James bei seinem Besuch in der Festspielstadt. Der Princeton-Historiker ist auf Einladung der Bertelsmannstiftung Gast beim jährlich dort stattfindenden Trilog, wo sich ein kleiner Kreis internationaler Persönlichkeiten trifft, um Zukunftsfragen zu erörtern.

Wiener Zeitung: Was werden wohl Historikerinnen und Chronisten in der Zukunft über unsere heutige Gegenwart denken?

Herold James: Dass wir den Spruch: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben" ernst genommen haben. Es prasseln simultane Herausforderungen mit einer Rapidität auf uns ein, dass uns ganz schwindlig wird. Wir leben auch in einer Zeit, wo das Leugnen und Ignorieren nicht mehr hilft: Der graduelle Rückzug der USA, der Zusammenbruch von kollektiver Sicherheitssystemen, der Klimawandel, Pandemien, Terrorismus - das sind alles Dinge, die nicht neu sind, die seit vielen, vielen Jahren diskutiert werden, aber es scheint oft so, dass die Menschen nicht kapieren, dass etwas passiert, bis es tatsächlich passiert. Denken Sie etwa an die Pandemie: Es gab genügend Warnungen: SARS 2002-2003 oder die Vogelgrippe. Doch als dann 2019, 2020 Covid-19 über uns hereingebrochen ist, war die Menschheit nicht gut vorbereitet.

Der Historiker Herold James beim Trilogin Salzburg. - © Thomas Seifert
Der Historiker Herold James beim Trilogin Salzburg. - © Thomas Seifert

Der Kollaps der Regierung in Afghanistan ist auch keine Überraschung . . .

Nicht wirklich. Es war hinlänglich bekannt, dass die USA nicht bis in alle Ewigkeit in Afghanistan bleiben würden. Dass der Zusammenbruch von Ashraf Ghanis Regierung so rapide vonstatten gegangen ist, ist aber freilich bemerkenswert. In Vietnam hielt sich die Südvietnamesische Regierung nach dem Abzug der US-Truppen im Jahr 1973 immerhin noch bis zum 30. April 1975.

Wie erklären Sie sich den raschen Fall Kabuls?

Sobald den Menschen in Afghanistan gedämmert ist, dass die USA eines Tages abziehen werden, ist damit die Loyalität zur von den USA unterstützen Führung in Kabul immer mehr erodiert.

Sehen Sie Parallelen in der US-Politik zwischen der Zeit nach dem Vietnamkrieg und heute?

Ich denke schon, dass man diese Ähnlichkeiten erkennen kann. Die 1970er Jahre waren eine Periode größter Schwierigkeiten für die USA. Es gab eine große Zahl von Vietnamkriegs-Veteranen, die vom Krieg gezeichnet zurückkamen und für die sich aber niemand interessierte. Jeder wollte den Krieg in Vietnam schnellstmöglich vergessen. Vietnam war natürlich eine viel gravierendere Niederlage als Afghanistan. Die 70er waren eine Periode mit hoher Inflation und Zweifel an den Institutionen. Richard Nixon sagte: "I’m not a crook - ich bin kein Gauner" und es stellt sich heraus, dass er einer war. Über Gerald Ford haben die Menschen gewitzelt, dass er nicht einmal Kaugummi kauen könnte, während er die Straße hinunterspatziert - das würde ihn bereits überfordern. Fords Nachfolger Jimmy Carter wurde als schwacher und ineffektiver Präsident bewertet. Im Juli 1979 hielt Carter eine lange Rede, in der er die Vertrauenskrise in seine Regierung direkt ansprechen musste. Heute ist das Gefühl eines in sich gespaltenen Amerikas noch größer als damals und das ist nicht allein das Erbe der Jahre der Präsidentschaft von Donald Trump und die Folge der Pandemie. Es gibt sehr viele Bruchlinien in der amerikanischen Gesellschaft. Präsident Joe Biden wird diese Brüche nicht kitten können.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Covid-19-Krise?

Die Welt ist viel resilienter und anpassungsfähiger, als man glaubt. Die Covid-19-Krise hat Lösungen zutage gefördert, die da waren, als man sie brauchte. Die Wissenschaft hat seit Jahren an mRNA-Impfstoffen gearbeitet - nun in der Covid-19-Krise haben sich diese Impfstoffe bewährt. In der Vergangenheit war es ähnlich: Die Dampfmaschine wurde 1769 patentiert, aber erst um 1840 verstand man die Bedeutung dieser Erfindung so richtig. Covid-19 hat uns die Bedeutung von Informationstechnologie so richtig vor Augen geführt.

Hoffen Sie beim Klimawandel ebenfalls auf technologische Lösungen?

Der Klimawandel kommt ja nicht überraschend. Das Problem: In dem Moment, wo den Ölproduzenten dämmert, dass ihr Produkt ein Ablaufdatum hat, wollen sie noch möglichst schnell möglichst viel von dem Zeug verkaufen - solange es eben noch geht. Das ist wie beim Winterschlussverkauf.

Der ehemalige Saudische Ölminister und OPEC-Chef Scheich Ahmed Zaki Yamani warnte seine Ministerkollegen im Jahr 2000: "Die Steinzeit hat nicht geendet, weil die Steine ausgingen, und das Ölzeitalter wird enden, bevor das Öl ausgeht."

In dieser Phase wirft jeder sein Produkt noch auf den Markt: Dadurch wurden Flugreisen und Transporte sehr billig, die Autos haben sich zu Monster-SUVs aufgebläht. Die Sache ist aber für die Politik nicht so einfach: Wenn man in New York oder in San Francisco lebt, dann braucht man kein Auto, man kann die öffentlichen man nicht sehr viel mit dem Auto. Im mittleren Westen der USA ist das etwas anderes. Oder denken Sie an Frankreich: In Paris braucht man kein Auto. Als Emmanuel Macron aber die Energiesteuern angehoben hat, hat sich die Gilets jaunes - die Gelbwestenbewegung - gebildet, die gegen diese Reformen Sturm gelaufen ist. Die Lehre: Die Lasten der Energietransformation müssen gerecht verteilt werden.

Der Energie-Regime-Wechsel hat ja auch geopolitische Folgen und wird die Macht der Ölproduzenten schrumpfen lassen.

Davon kann man ausgehen. Der Wandel wird tief greifend sein: Mit Windturbinen und Photovoltaik kann nun fast überall auf der Welt Strom erzeugt werden. Für Länder, die über keine gut entwickelten Stromnetze verfügen, ist das ein Segen. Es ist ähnlich wie bei der Mobilkommunikation, die es vielen Ländern erspart hat, teure Kabel quer durchs Land zu verlegen. Dazu kommt: Durch diese Kommunikationsmöglichkeiten wurden Probleme in vielen anderen Bereichen gelöst: M-Pesa brachte den Menschen Zahlungsverkehr, wo es bisher keine Banken gab, Telemedizin brachte den Menschen ärztliche Versorgung, wo es bisher keine gab.

Sind sie enttäuscht oder überrascht, dass die Menschheit angesichts der globalen Krisen nicht zusammenrückt?

Es war wohl naiv anzunehmen, dass es diese Zusammenarbeit gibt. Die Finanzkrise hat uns wohl dazu verleitet: Damals konnte die Zusammenarbeit der Notenbanken das Schlimmste verhindern. Das war ein wirklicher Erfolg. Aber man kann nicht einfach Impfstoffe herzaubern, so wie die Notenbanken Liquidität bereitstellten. Man kann auch nicht auf Knopfdruck CO2 wegzaubern. Also wurden die Grenzen dicht gemacht und es gab Impfnationalismus, obwohl die Lieferketten für die Produktion dieser Impfstoffe immens Komplex sind. Für den Biontech-Pfizer-Impfstoff werden Komponenten in 20 Ländern produziert.

Bei der Bekämpfung des Klimawandels scheint die Menschheit zu versagen.

Leider ist der Zeithorizont in der Politik sehr kurz. Es hat sich aber in der Klima-Debatte etwas Entscheidendes geändert: Beim Klimawandel sprechen wir heute nicht mehr darüber, was unseren Kindern und Kindeskindern blühen wird, sondern wir reden von den Folgen des Klimawandels für unsere eigene Generation. Das erhöht die Motivation, endlich zu handeln.

Zu welchem Thema würden Sie einer Geschichtestudentin raten?

Ich war immer absolut fasziniert davon, wie die Menschen über die Jahrhunderte mit Mangel umgegangen sind. Thomas Robert Malthus trieb die Lebensmittelknappheit um, in den 1970er Jahren war Energieknappheit das Thema schlechthin. Und heute? Chipmangel in der Computer- und Automobilindustrie, Containermangel in der Schifffahrtsindustrie. Dieses Thema hat die Menschheit immer beschäftigt: Wie kommt man von Mangel zu Überfluss?