Mirzai kann es kaum fassen. Vor zehn Tagen hatte der Afghane, wie er es nennt, noch ein "normales Leben". Morgens sei er mit einem Sammeltaxi ins Regierungsviertel im Süden Kabuls gefahren, zu seiner Behörde, die die Rechnungskontrolle von Ministerien zur Aufgabe hatte. Nach Arbeitsschluss sei er zum Sport gegangen oder habe auch mal eine Wasserpfeife in einem Café mit Freunden geraucht, bevor er heimkehrte.

Nun aber sei alles anders, nichts davon sei heute für ihn mehr möglich. "Zehn Tage sind es jetzt, die ich arbeitslos bin", sagt er. "Ich bin ein Gefangener im eigenen Zuhause geworden." Die Tage, die Mirzai so akribisch zählt, sind die Tage seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan. Eine Zäsur für das ganze Land, politisch, aber auch wirtschaftlich. Hunderttausende Menschen, darunter praktisch alle Regierungsangestellten, aber auch Angestellte in Privatfirmen, konnten seither nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Die afghanische Wirtschaft, ohnehin bereits durch die Pandemie und zuletzt sinkende Hilfsgelder und die sich verschlechternde Sicherheitslage schwer angeschlagen, befindet sich nun im freien Fall.

Bargeld wird knapp

Seinen letzten Gehaltsscheck habe er vor rund 40 Tagen bekommen, erzählt Mirzai am Telefon weiter. Dieser habe ohnehin kaum gereicht, um die Familie zu ernähren, "und jetzt habe ich nicht mal mehr das". Die vergangenen Tage sei er in Kabul täglich Bankomaten in seinem Viertel abgelaufen, in der Hoffnung, er könne wenigstens sein bescheidenes Erspartes abheben. Doch es ging ihm wie Hunderten anderen, die völlig umsonst in den Schlangen vor den Automaten standen: Sie bekamen nur Quittungen, aber keine Afghani.

Während das Bargeld in der Stadt zunehmend ausgeht, berichten Bewohner Kabuls davon, dass die Preise stark stiegen. Lebensmittel seien mindestens um 15 Prozent teurer geworden, auch der Preis für einen Liter Benzin sei von 50 auf 69 Afghani (0,49 bzw. 0,68 Euro) hinaufgeschnellt. Die nationale Währung, der Afghani, verlor weiter an Wert gegenüber dem US-Dollar. Immer mehr Menschen können sich ihr bisheriges Leben nicht mehr leisten. Bereits jetzt lebt mehr als die Hälfte der Afghanen unter der Armutsgrenze.

Wie schnell Mirzai wieder einen Gehaltsscheck in den Händen halten wird, darüber kann er nur spekulieren. Die Taliban hätten Beamte dazu aufgerufen, zu ihren Jobs zurückzukehren. Doch er und seine Kollegen täten sich schwer, den Beteuerungen von Mäßigung und Generalamnestie Glauben zu schenken. "Ich kenne niemanden, der zu seiner Regierungsstelle zurückkehren will."

Ausländer tragen Budget

Auch für den 32-jährige Massoud, der zuletzt für eine Berufsbildungsbehörde arbeitete, ist eine Rückkehr zu seiner früheren Stelle keine Option. "Sie werden mich doch töten, wenn es nur eine Beschwerde über meine Arbeit gibt", fürchtet er. Er glaube aber auch nicht, dass die Taliban Regierungsangestellte zahlen könnten. Zuletzt wurden rund 80 Prozent des Staatshaushaltes über ausländische Geber finanziert. Erste Länder und Finanzinstitutionen haben angesichts der Machtübernahme der Islamisten bereits Geldzahlungen eingestellt.

Die Optionen im Land seien angesichts der tristen Lage sehr beschränkt, sagt Massoud. Manche seiner Kollegen und Freunde planten nun, ins Nachbarland Iran zu gehen, um dort als Tagelöhner zu arbeiten und von dort ihren Familien Geld nach Hause zu schicken. Das sei deprimierend. "Wir alle haben Bachelor- und Masterabschlüsse."

Hochrangige Vertreter der Taliban betonten und versprachen immer wieder, dass sich die Lage bald beruhigen werde. Der Taliban-Vizechef Mullah Jakub sagte, man habe "ernsthaft" damit begonnen, Regierungsstellen zu reaktivieren. Die Behörden seien bald wieder einsatzbereit und würden dann alle Fragen auch in Bezug auf Wirtschaft und Beschäftigung lösen. Doch das Vertrauen in die Wirtschaftsexpertise der Taliban hält sich, gelinde gesagt, in Grenzen.

Auch Abdul, bisher Kommandant einer Armee-Einheit, erzählt, er sitze seit der Machtübernahme nur zuhause und habe keine Ahnung, wie er seine Familie künftig ernähren solle. Er sei zu erschüttert, um mehr über die aktuelle Lage erzählen zu können. "Der Zusammenbruch hat uns alle sehr getroffen", sagt er. Man sehe, wie rasant die wirtschaftliche Lage sich verschlechtere. "Wenn es mit diesem Tempo weitergeht, werden sich die Menschen dieses Landes bald gegenseitig auffressen."(dpa)