US-Präsident Joe Biden trägt nach eigenen Worten stets eine Karte mit sich, auf der die aktuelle Zahl der Gefallenen im Irak und in Afghanistan steht. Am Donnerstag müssen in der Afghanistan-Spalte gleich 13 getötete US-Soldaten eingetragen werden. Seit dem umstrittenen Abkommen seines Vorgängers Donald Trump mit den Taliban im Februar vergangenen Jahres war in Afghanistan kein US-Soldat mehr gewaltsam ums Leben gekommen.

Doch unmittelbar vor dem Ende von Amerikas längstem Krieg erleiden die US-Streitkräfte nun ihre schwersten Verluste in dem Land seit mehr als einem Jahrzehnt. Das Chaos bei der Evakuierungsmission wird zur Katastrophe.

Der örtliche Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert den Angriff mit Selbstmordattentätern und Schützen am Flughafen von Kabul für sich. Laut Biden sehen auch die US-Geheimdienste den IS als Drahtzieher der Bluttat, bei der Dutzende getötet wurden. In Syrien und dem Irak hatte Trump den IS im März 2019 für besiegt erklärt, das stellte sich als verfrüht heraus. In Afghanistan haben sich dem dortigen IS-Zweig Kämpfer angeschlossen, denen selbst die militant-islamistischen Taliban nicht radikal genug waren. US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando Centcom führt, sagt, man habe bei der Evakuierungsmission in Kabul mit einem Anschlag gerechnet - "und wir rechnen damit, dass sich diese Angriffe fortsetzen werden".

"Wir werden euch jagen"

Es ist eine verkehrte Welt, die sich in den letzten Tagen des US-Einsatzes in Afghanistan darbietet: Die Taliban - die für Hunderte Selbstmordanschläge verantwortlich gewesen sind - kündigen am Donnerstag an, die Hintermänner dieses Terrorangriffs zur Rechenschaft zu ziehen. General McKenzie, zu dessen vordringlichsten Aufgaben bis vor kurzem der Kampf gegen die Taliban zählte, nennt die Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern "nützlich". Vereint sind die Kriegsgegner auch jetzt nicht, Biden betont, die Taliban seien "keine guten Kerle". Gemeinsam ist den Amerikanern und den Islamisten aber, dass sie erbitterte Feinde des IS sind. Beide eint außerdem das Ziel, dass die USA am kommenden Dienstag ihren Einsatz beenden.

Biden ist sichtlich betroffen, als er am Donnerstagabend im Weißen Haus vor die Kameras tritt, er spricht von einem "schweren Tag". Der Präsident hat versprochen, alle Amerikaner nach Hause zu holen und möglichst viele afghanische Verbündete außer Landes zu bringen. Nach Angaben des US-Außenministeriums befinden sich in Afghanistan noch immer rund 1.5000 amerikanische Staatsbürger. Jeder Einsatztag erhöht derweil das Risiko weiterer Anschläge. Der Präsident macht bei seinem halbstündigen Auftritt deutlich: "Wir werden uns von Terroristen nicht abschrecken lassen. Wir werden nicht zulassen, dass sie unsere Mission aufhalten. Wir werden die Evakuierung fortsetzen."

Für Biden haben die Kampfeinsätze von US-Soldaten eine persönliche Note, sein später verstorbener Sohn Beau war als Offizier im Irak. "Wir haben, wie viele von Ihnen, eine Ahnung davon, was die Familien dieser tapferen Helden heute fühlen", sagt Biden mit Blick auf die Angehörigen der nun getöteten US-Soldaten. "Man hat das Gefühl, als würde man in ein schwarzes Loch in der Mitte der Brust gesaugt. Es gibt keinen Ausweg. Mein Herz schmerzt für Sie." Umso wütender fällt Bidens Racheschwur aus. An die Adresse der Drahtzieher des Anschlags sagt er: "Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen. Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen."

Als wichtigstes Argument für den Truppenabzug aus Afghanistan hat Biden angeführt, dass das Terrornetzwerk Al-Kaida nicht mehr in der Lage sei, von dort aus Ziele in den USA anzugreifen. Selbst wenn das stimmen sollte: Dass der Terror in Afghanistan nicht besiegt ist, hat der Anschlag erneut deutlich gemacht. Bidens Drohung an die Adresse der Hintermänner ist angesichts von US-Drohnen und Spezialkräften sicher keine leere. Eines aber müssen Dschihadisten weltweit wohl auf absehbare Zeit nicht mehr fürchten: Einen US-geführten Einmarsch in ihrem Land. Zu solchen Interventionen dürften westliche Staaten nach ihrem Scheitern in Afghanistan so bald nicht mehr bereit sein.

Biden steht zu seiner Entscheidung

Biden sagt am Donnerstag noch etwas, was diejenigen schmerzen dürfte, die sich in den vergangenen 20 Jahren für den Aufbau der Demokratie in Afghanistan engagiert haben. "Ich war nie der Meinung, dass wir amerikanische Leben opfern sollten, um eine demokratische Regierung in Afghanistan zu etablieren." Felsenfest vertritt er weiterhin die Ansicht, dass der Abzug der US-Truppen der richtige Schritt ist, auch wenn Afghanistan damit wieder den Islamisten überlassen wird.

Biden ist überzeugt, dass die Geschichte - und mittelfristig noch viel wichtiger: der Wähler - ihm recht geben wird. Umfragen zufolge sind seine Zustimmungswerte zuletzt auf einen Tiefpunkt gefallen. Nach einer Befragung im Auftrag von "USA Today" heißt gerade einmal rund jeder Vierte Bidens Umgang mit dem Truppenabzug gut - obwohl eine Mehrheit dafür ist, die Soldaten nach Hause zu holen.

Biden argumentiert, er habe nach Trumps Abkommen mit den Taliban - das einen Abzug schon zum 1. Mai vorsah - nur zwei Möglichkeiten gehabt: Die Truppen bald danach nach Hause zu holen oder Tausende neue Soldaten nach Afghanistan zu schicken, um den Krieg zu eskalieren. Er lässt unerwähnt, dass Experten durchaus Alternativen zu diesen zwei Extremen vorgeschlagen haben. Und betont auch jetzt wieder: "Es war an der Zeit, einen 20-jährigen Krieg zu beenden."

Internationaler Schulterschluss

Der Anschlag am Flughafen von Kabul hat am Donnerstag für entsetzte internationale Reaktionen geführt. Die Spitzen der EU riefen zu einer entschlossenen Fortsetzung des Kampfes gegen den Terrorismus auf. "Die internationale Gemeinschaft muss eng zusammenarbeiten, um ein Wiederaufflammen des Terrorismus in Afghanistan und an anderen Orten zu verhindern", forderte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

EU-Ratspräsident Charles Michel kommentierte: "Wir müssen sicherstellen, dass die derzeitige Instabilität nicht zu einer Wiederholung des Terrorismus führt." Beide forderten zudem, alles zu tun, um die Sicherheit der Menschen am Flughafen von Kabul zu gewährleisten. Ein sicherer Zugang bleibe unverzichtbar, so Michel. Ähnlich äußerte sich auch EU-Parlamentspräsident David Sassoli. Er schrieb über Twitter: "Die EU-Staaten müssen die Kraft finden, die europäischen Bürger und diejenigen, die sich bedroht fühlen, in Sicherheit zu bringen." Der Anschlag wurden von den EU-Spitzen als feige, menschenverachtend und grausam verurteilt.

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin erklärte, der Anschlag werde das US-Militär nicht davon abhalten, seinen Aufgaben weiter nachzukommen. Alles andere würde das von den getöteten Soldaten erbrachte Opfer entehren, teilte Austin am Donnerstag mit. Er sprach den Familienangehörigen und Kameraden der getöteten und verletzten US-Soldaten sein Beileid aus. "Wir bedauern ihren Tod. Wir werden ihre Wunden behandeln. Und wir werden die Familien unterstützen bei dem, was sicher vernichtende Trauer sein wird. Aber wird werden uns nicht von unserer Aufgabe abbringen lassen", erklärte Austin.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte die Terroranschläge in Kabul "auf das Schärfste". Der Präsident spreche den Familien der amerikanischen und afghanischen Opfer sein Beileid aus sowie den Verletzten seine Unterstützung, hieß es in einer Mitteilung des Élyséepalasts am Donnerstagabend. Zugleich hob Macron den "heldenhaften Einsatz" derjenigen hervor, die sich vor Ort um den Erfolg der Evakuierungsoperationen bemühten. "Frankreich wird sie bis zum Ende durchziehen und seine humanitären und Schutzbemühungen für die bedrohten Afghanen fortsetzen."

"Volle Solidarität im Kampf gegen Terrorismus"

Der britische Premier verurteilte die Tat als "barbarisch" und sprach den USA sowie "dem afghanischen Volk" sein Beileid aus. Der italienische Außenminister Luigi Di Maio sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid und den Verletzte seine Solidarität aus. "Italien verurteilt die Anschläge scharf", fügte Di Maio hinzu.

Auch der spanische Regierungschef Pedro Sánchez verurteilte die Anschläge auf Twitter und sprach den Opfern die "tiefempfundene Solidarität" seiner Regierung aus. "Die internationale Gemeinschaft steht an der Seite der Afghanen und garantiert ihre Rechte und ihre Würde", schrieb Sánchez.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zeigte sich entsetzt über die jüngsten Ereignisse in der afghanischen Hauptstadt. "Ich verurteile den grausamen Terroranschlag vor dem Flughafen Kabul auf das Schärfste", teilte er am Donnerstag mit. Priorität der NATO bleibe es, möglichst schnell möglichst viele Menschen in Sicherheit zu bringen. Seine Gedanken seien bei allen Betroffenen des Anschlags und ihren Angehörigen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem "absolut niederträchtiger Anschlag in einer sehr, sehr angespannten Situation". Sie gehe davon aus, dass es in der afghanischen Hauptstadt Kabul einen oder mehrere Selbstmordanschläge gegeben hat.

In Österreich zeigte sich das Außenministerium "entsetzt über den grausamen Anschlag" in Kabul. "Volle Solidarität im Kampf gegen Terrorismus und gewalttätigen Extremismus", twitterte das Außenministerium. Die außenpolitische Sprecherin der Grünen Ewa Ernst-Dziedzic sah mit den Anschlag, "die schlimmsten Befürchtungen eingetreten". Sie forderte, dass weiterhin alles darangesetzt werde, dass auch nach dem Ende der Evakuierungsflüge den Menschen geholfen wird, die dringend Schutz benötigen. Gerade jetzt müssten die Fluchtwege aus Afghanistan offengehalten werden, so Ernst-Dziedzic. Daher sollten die EU und ihre Mitgliedsstaaten ein humanitäres Aufnahmeprogramm starten und Druck auf die Nachbarstaaten Afghanistans machen, damit die Grenzen für Flüchtende nicht geschlossen würden.

(apa,dpa,afp)