Einen Tag nach dem verheerenden Anschlag der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) am Flughafen Kabul mit Dutzenden Toten haben einige Staaten am Freitag ihre letzten Evakuierungsflüge durchgeführt. Die USA wollen trotz anhaltender Terrorgefahr die Evakuierung von US-Bürgern und Ortskräften fortsetzen. Zugleich drohte US-Präsident Joe Biden den für den Anschlag verantwortlichen Terroristen mit Vergeltung: "Wir werden Euch jagen und Euch dafür bezahlen lassen."

Mindestens zwei Selbstmordattentäter hatten sich am Donnerstag US-Angaben zufolge in der Nähe des Flughafens in den Tod gesprengt. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums wurden 60 bis 80 afghanische Zivilisten getötet, dazu laut Pentagon 13 US-Soldaten. Dutzende weitere Menschen, darunter 18 US-Soldaten, wurden verletzt. Ex-Mitarbeiter des afghanischen Gesundheitsministeriums sprachen von 72 Todesopfern in den Krankenhäusern Kabuls. Die militant-islamistischen Taliban, die in dem Krisenstaat seit zwei Wochen die Macht haben, berichteten dagegen zunächst nur von 13 bis 20 getöteten Zivilisten.

Der in Afghanistan aktive Ableger der Terrormiliz IS reklamierte den Anschlag für sich. Biden erklärte mit Blick auf die Gruppe, die USA hätten Informationen dazu, wo sich die Drahtzieher der Anschläge aufhalten - und würden auch ohne große Militäreinsätze Möglichkeiten finden, diese zur Rechenschaft zu ziehen, "wo auch immer sie sind". Seine eindringlichen Worte an die Terroristen: "Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen."

Russland befürchtet Übergreifen der Gewalt

Eine der Detonationen hatte sich nach US-Angaben an einem Tor zum Flughafengelände ereignet, an dem US-Soldaten im Einsatz waren. Eine Reihe von IS-Kämpfern habe dann das Feuer auf Zivilisten und Soldaten eröffnet, sagte US-General Kenneth McKenzie. Er warnte vor weiteren Anschlägen. Auch Großbritannien geht von einer wachsenden Gefahr neuer Attentate aus. Russland fürchtet ein Übergreifen der Gewalt auf die Nachbarländer Afghanistans.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) verurteilte den Anschlag "aufs Schärfste" - ebenso Russland, China und das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte. Angesichts der Lage in Afghanistan kündigte das von Russland angeführte Militärbündnis CSTO Manöver mit Tausenden Soldaten in den kommenden zwei Monaten in Kirgistan und Tadschikistan an.

Der Evakuierungseinsatz der gut 5.000 US-Soldaten in Kabul soll trotz der jüngsten Ereignisse wie geplant am Dienstag kommender Woche enden, wie Biden betonte. Die Terroristen könnten die USA nicht dazu bringen, ihre "Mission" zu stoppen, so der US-Präsident mit Blick auf die im Land verbliebenen Amerikaner. "Wir werden sie finden, und wir werden sie da rausholen."

Spanien und Schweden beenden Mission

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace kündigte am Freitag in der Früh an, die Evakuierungsflüge für britische und afghanische Staatsbürger würden "in wenigen Stunden" beendet. Frankreich plante ursprünglich die Rettungsmission am Freitagabend einzustellen, allerdings erklärte ein Regierungsvertreter am Freitag, der Einsatz könne "vielleicht noch nach heute Abend" weitergehen. Spanien und Schweden beendeten am Freitag ihre Evakuierungsflüge. Auch Russland plant vorerst keine weiteren Rettungsflüge. Insgesamt sind nach Zählung der US-Regierung seit dem 14. August 105.000 Menschen aus Afghanistan evakuiert worden.

Angesichts der Terrorgefahr und der zu Ende gehenden Evakuierungsflüge wird auch eine Evakuierung der Österreicher aus Afghanistan immer schwieriger. Es gebe keine Hinweise, dass bei dem Anschlag am Donnerstag Österreicher zu Schaden gekommen seien, teilte das Außenministerium der APA am Donnerstag auf Anfrage mit. Die Bemühungen, Österreicher und Personen mit österreichischer Aufenthaltserlaubnis bei der Ausreise zu unterstützen, liefen mit Hochdruck weiter, hieß es. Nach Angaben von Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) warten "noch zwei, drei Dutzend" Menschen mit afghanischen Wurzeln auf die Ausreise nach Österreich. Laut Außenministerium kommen aber täglich neue Ansuchen hinzu. 89 Menschen wurden bis Donnerstag aus Afghanistan gebracht.

NGOs bleiben im Land

Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) erklärte, man werde nach wie vor mit mehreren hundert Mitarbeitern im Land bleiben. Die Menschen in Afghanistan seien jetzt auf Hilfe angewiesen, sagte der Sprecher von UNHCR Deutschland, Chris Melzer, im Bayerischen Rundfunk.

Die Kinderhilfsorganisation UNICEF forderte einen besseren Schutz für Kinder. Seit Beginn dieses Jahres wurden nach UNO-Angaben mehr als 550 Kinder in Afghanistan getötet und mehr als 1.400 verletzt. Fast zehn Millionen Kinder sind demnach auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Medizinisches Material zur Versorgung der Bevölkerung wird unterdessen knapp. Vorräte reichten nur noch wenige Tage, sagte Rick Brennan, WHO-Nothilfekoordinator für die Region in Genf. Grund sei, dass geplante Versorgungsflüge wegen der angespannten Sicherheitslage nicht stattfinden konnten.

Die Taliban hatten Mitte August die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Die meisten Einheiten der afghanischen Sicherheitskräfte ergaben sich kampflos, Präsident Ashraf Ghani floh außer Landes. (APA/dpa/AFP/Reuters)