Selbst sein eigener Sohn hat sich offenbar bei einem Selbstmordattentat in die Luft gesprengt. Abdur Rahman, eines der Kinder von Taliban-Führer Hibatullah Achundsada, ist laut Berichten der Taliban im Sommer 2017 bei Kämpfen in Helmad mit einem mit Sprengstoff beladenen Auto in eine Gruppe afghansicher Soldaten gerast. Der Vater wusste demnach von den Plänen seines Sohnes und hat diese abgesegnet. Ob das alles im Detail so stimmt, wie es die Taliban erzählen, ist unklar. Gesichert ist aber, dass es das Attentat gab. Und klar ist auch, dass Achundsada ein religiöser Eiferer ist.

Der aus der Provinz Kandahar stammende Sohn eines Imam war im Exil in Pakistan Religionslehrer und Prediger. Als die Islamisten von 1996 bis 2001 schon einmal in Afghanistan herrschten und Frauen wegsperrten, war Achundsada einer der obersten Sittenwächter. Heute ist der Mann, um den es auch immer wieder Gerüchte gibt, er sei bereits verstorben, als "Kommandeur der Gläubigen" offiziell höchste Autorität der Taliban in Religionsfragen.

Es drohen massive interne Machtkämpfe

Die Biografie von Achundsada ist typisch für viele Taliban: Sie wurden in Koranschulen erzogen und haben selbst in diesen gepredigt. Die meisten von ihnen wurden auch zu Soldaten ausgebildet und bringen eine jahrelange Kampferfahrung mit, wie die schnelle Erstürmung fast des gesamten Landes bewiesen hat. Nun aber sollen diese Kämpfer und Prediger plötzlich ein ganzes Land regieren, und das ist eine völlig andere, hochkomplexe Aufgabe.

In den ersten Tagen in Kabul waren die selbsternannten Gotteskrieger mit dieser Aufgabe überfordert. Nicht nur am Flughafen herrschte laut Zeugen vor Ort Chaos. Das Bargeld ging aus, verschiedene Milizen mit unterschiedlichen Befehlen patrouillierten durch die Stadt und sorgten für Todesangst, die Ämter waren leergefegt und nicht funktionsfähig. Die Taliban wollen so viel Macht wie möglich für sich, werden aber gleichzeitig auf die Expertise von Fachleuten und damit auch auf Beamte der Vorgängerregierung angewiesen sein.

Darüber hinaus müssen sie sich intern einigen, wie sie die plötzlich gewonnene Macht verteilen wollen. "Die Taliban sind eine sehr inhomogene Bewegung, in der verschiedenste Gruppen Mitspracherecht haben wollen", sagt der Afghanistan-Experte Markus Gauster vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie in Wien. So wurden etwa verschiedene Milizen eingekauft und müssen weiter bedient werden, es gibt lokale Rivalitäten oder auch ethnische Spannungen zwischen Paschtunen und Tadschiken. Am Donnerstag haben die Taliban angekündigt, demnächst eine Regierung vorzustellen. Diese wird erste Aufschlüsse über die künftige Machtverteilung geben.

Außerdem sind die Taliban mit bewaffnetem Widerstand in Afghanistan konfrontiert. Das Panjshir-Tal gilt als uneinnehmbar, und erst am Donnerstag lieferten sich dort örtliche Milizen heftige Gefechte mit Taliban-Verbänden. Und ausgerechnet die Taliban, die ein Wegbereiter des islamistischen Terrors waren, werden nun vom Terrorismus bedroht, nämlich vom Islamischen Staat, der die Taliban als Verräter ansieht.

Vor allem aber braucht ein Staat, will er funktionieren, Geld. Dafür benötigt Afghanistan wiederum internationale Unterstützung. "Die Strategie der Taliban ist nun, die Anerkennung von so vielen Staaten wie nur möglich zu erhalten", sagt Gauster. Dafür bräuchten sie aber - genauso wie bei der Handhabung der internen Konflikte - "diplomatisches Geschick".

Ein erster Indikator dafür, wie sehr die Taliban dieses besitzen, wird laut dem Analysten sein, ob es ihnen gelingt, am Kabuler Flughafen wieder einen Normalbetrieb aufzunehmen. Dafür bräuchte es nicht nur technisches Wissen, sondern auch internationale Verbindungen - allein, damit Fluglinien aus dem Ausland Kabul ansteuern. Katar und die Türkei bringen sich schon ein. Würde mit der Türkei ein Nato-Land den Flughafen mit aufbauen, wäre das laut Gauster bereits eine diplomatische Aufwertung des Taliban-Regimes.

Taliban entdecken ihre Liebe zu China

Auf lange Sicht haben die Taliban aber eine ganz andere Kooperation im Auge. "China ist unser wichtigster Partner und bedeutet für uns eine grundlegende und außergewöhnliche Chance, denn es ist bereit zu investieren und unser Land neu aufzubauen", sagte Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid der italienischen Zeitung "La Repubblica".

Tatsächlich pflegt China enge Kontakte zu den Islamisten und hat großes Interesse an den Bodenschätzen Afghanistans, die Seltene Erden oder Lithium umfassen. Deshalb könnte Peking tatsächlich in die afghanische Infrastruktur investieren. Die Taliban müssten dann aber für Stabilität sorgen und dafür, dass kein Terrorismus in die chinesische Provinz Xinjiang - wo China mit harten Repressionen gegen die moslemische Minderheit der Uiguren vorgeht - sickert.

Das ist aber eine langfristige Perspektive. Kurzfristig benötigen die Taliban jede Hilfe, die sie erhalten können. "Der Winter naht bereits, und eine Hungerkrise zeichnet sich ab", berichtet Gauster. Sollte es den Islamisten nicht gelingen, die Versorgungslage schnell zu verbessern, "dann kann der Widerstand auf allen Ebenen wachsen".

Dabei sind die Islamisten von derzeit großteils gesperrten Entwicklungsgelder aus dem Westen abhängig. Derart sind auch ihre Zusagen, Frauenrechte insofern zu achten, als dass diese etwa weiter arbeiten dürfen, zu werten: als taktisches Manöver.