Am Morgen des 10. September 2001 gibt Designer Kenneth Cole bei der New York Fashion Week einen Ausblick auf die Frühjahrssaison, gegen Mittag schickt Carolina Harrera schlanke Models in Rüschenhemden über den Laufsteg, ehe die Teilzeit-Modejournalistin Catherine Underhill Fitzpatrick bei Betsey Johnsons Show über die Sexyness der gezeigten Teile staunt. Am Abend des 10. September tippt sie müde in Zimmer 801 des edlen Paramount-Hotels an der 46. Straße in ihren Laptop, was die Leser des "Milwaukee Journal Sentinel" in Wisconsin am nächsten Morgen über die Fashion Week in New York erfahren sollen.

Die opulente Schau des angesagtesten US-Designers von Marc Jacobs um 21 Uhr im Pier 54, nur ein paar Straßen vom World Trade Center entfernt, mit Gästen wie Donald Trump und Monica Lewinsky, versäumt sie ebenso wie jene von Liz Lange, die für 11. September um 9 Uhr angesetzt ist - es wird die letzte Show sein. Denn um 8.46 Uhr und um 9.03 Uhr krachen zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center.

Catherine Underhill Fitzpatrick war Journalistin und Kolumnistin und hat bisher drei Bücher geschrieben. Ihre 9/11-Erlebnisse hat sie in ihren Memoiren "The Recorder of Deeds" festgehalten, die Anfang 2022 bei erscheinen sollen. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Denver (Colorado). - © privat
Catherine Underhill Fitzpatrick war Journalistin und Kolumnistin und hat bisher drei Bücher geschrieben. Ihre 9/11-Erlebnisse hat sie in ihren Memoiren "The Recorder of Deeds" festgehalten, die Anfang 2022 bei erscheinen sollen. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Denver (Colorado). - © privat

 

Dieser Text handelt davon, wie eine Journalistin, die eigentlich von der Glitzerwelt der New Yorker Modewoche berichten sollte, die wohl größte Geschichte ihrer Karriere abliefert, in der sie von den Scherben und Trümmern der 9/11-Anschläge und von den Leben, die an diesem Tag zersplittern, erzählt. Er handelt von einer Modejournalistin, die sich, statt im sicheren Hotelzimmer zu bleiben, als eine Art Kriegskorrespondentin ins Chaos des Terrors stürzt. (red)

 

*****

 

Zweimal pro Jahr tauche ich in eine Welt ab, die nichts mit der stillen Harmonie meines Hauses in der Vorstadt oder der ungeordneten Lebensenergie der Zeitungsredaktion zu tun hat. Diese andere Welt ist zutiefst materialistisch, und doch rutscht sie ohne Vorwarnung ins Surreale ab. Jedes Jahr im Frühling und Herbst präsentieren mehr als hundert US-Designer ihre neuesten Kollektionen auf Laufstegen, die sich wie Mikado-Stäbe über New York verteilen. Seit dem Frühling 1996 bis Anfang 2003 war ich Teil der Legionen von Modejournalisten und Fotografen, die aus der ganzen Welt anreisen, um das Spektakel der Fashion Week zu dokumentieren. So auch am Tag der 9/11-Terroranschläge.

8. September 2001: Am Flughafen von Milwaukee gehe ich direkt zum Gate. Es gibt keinen Checkpoint der Verkehrssicherheitsbehörde TSA - zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich bin unterwegs nach New York, gemeinsam mit Lonnie Turner, einer Grafik-Redakteurin der Zeitung, und Rick Wood, unserem Fotografen. Vor ein paar Wochen erwähnte Lonnie mir gegenüber, dass sie gerne Skizzen der Models anfertigen würde, wie sie bei der Fashion Week über den Laufsteg gleiten. "Ich habe immer überzählige Tickets für Shows", sage ich ihr. "Es wird lustig. Man weiß nie, was einen erwartet." Das erste Mal, als ich vor mehr als fünf Jahren von der Fashion Week berichtete, stellte ich meinen Koffer im Hotelzimmer ab und sah, dass jemand Blumen geschickt hatte. Auf der Karte war eine handgeschriebene Notiz von einem Designer, der nur mit seinem Vornamen unterschreiben musste:

"Catherine, Willkommen in New York! Ralph"

Am Flughafen LaGuardia winken wir uns ein Taxi heran. Es ist ein schöner, frühherbstlicher Tag. Im Herzen der Stadt saugen wir die Eindrücke von Manhattan auf. Es wird gehupt. Busse spucken Abgase aus. Einkaufende wirbeln durch Drehtüren. Fußgänger führen Handygespräche, während sie darauf warten, dass die Ampel umspringt. An diesem Nachmittag schauen Lonnie und ich uns eine Laufstegshow mit Arbeiten von acht Designern aus Hongkong an. Um 18 Uhr sind wir wieder in den Festzelten für eine Hip-Hop-Kollektion. Durchgeschüttelt von einem Sturm an Rapmusik mache ich mir ein paar Notizen. Ich schreibe einen Artikel, der mit Stroboskoplicht, nichtssagenden Luftküssen und Medienvertretern, die drängeln und schreien, beginnt. Ich drücke auf "Absenden", warte darauf, dass mich der Nachtdienst mit Rückfragen anruft, beantworte sie und falle ins Bett.

11. September 2001: Der Morgen in Manhattan ist mehr als schön, der Himmel blau wie Gletschereis, es riecht nach Kaffee, Speck, Zigarettenrauch, Parfüm, Parkwiesen, Hundstrümmerln, Pferdeäpfeln, Busabgasen, Früchten in Körben, Blumensträußen, Kanalgas, Flussschlamm und tiefem, offenem Gewässer. Angetrieben von unendlicher Ambition, Arroganz und Hoffnung, weckt sich die Stadt auf. Für tausende Männer und Frauen beginnt der Tag mit Routine: ein Elektriker; ein Installateur; ein Architekt; eine Rezeptionistin mit mattem Haar; jemand vom Reinigungspersonal mit einer Frau und Kindern; eine Sekretärin mit einem geheimen Liebhaber; der Mann mit dem nervösen Auge, der mit Anleihen handelt; eine Hilfskraft im Restaurant, die singt; ein Buchhalter, der eine wichtige Besprechung hat; fast dreitausend Menschen - keiner von ihnen wird diesen Tag überleben.

Bis zu diesem Moment ist der Morgen noch völlig in Ordnung. In Zimmer 801 im Paramount-Hotel schaue ich mir den Zeitplan der heutigen Shows an, überlege, von welchen ich berichten und welche ich auslassen werde. In den nächsten acht Tagen sollen 130 Designer Laufstegshows ausrichten. Es ist ein Mahlwerk vom Morgengrauen zur Bettreife, das vor 9 Uhr mit Bagels und Champagner im Pressezimmer im Bryant Park Hotel beginnt. Jede beliebige Nacht könnte es entweder mit Ossobuco im Theatre District oder mit Eierspeise vom Zimmerservice und einem mitternächtlichen Anruf aus der Redaktion enden.

Terror statt Mode: Catherine Underhill Fitzpatrick im Gespräch mit Polizisten, die Ground Zero absperren. - © Rick Wood
Terror statt Mode: Catherine Underhill Fitzpatrick im Gespräch mit Polizisten, die Ground Zero absperren. - © Rick Wood

Letztlich werde ich an diesem Tag bei keiner einzigen Laufstegshow dabei sein. Sofort, als die Nachricht über die Anschläge publik wird, werde ich nach Downtown Manhattan rasen, um aus nächster Nähe von der Tragödie zu berichten, die sich dort entfaltet. Ich werde in ein tumultartiges Geschehens hineinstolpern, das die Welt verändern sollte. Während einer Odyssee, die mich fast bis an den Abgrund des Ground Zero und zurück bringen wird, werde ich Dinge sehen, die so furchtbar sind, dass sie die Grenzen des menschlichen Verstehens ausloten. Ich werde Geräusche hören, die so ohrenbetäubend sind, dass sie die Variationen der monumentalen Stadt übertönen. Bald werden die symphonischen Geräusche von New York verstummen, die Partitur wird neu geschrieben werden in eine Kakophonie aus Chaos und Angst. Später wird praktisch jeder erwachsene Amerikaner für immer eine 9/11-Geschichte haben. Sie werden begierig beschreiben, wie sie mit Horror auf einem Bildschirm im Büro zugesehen haben, wie Wolkenkratzer verschwanden. Oder sie werden erzählen, wie sie festgewurzelt vor ihrem Fernseher zu Hause gestanden sind, es von einem Nachbarn erfahren oder aus dem Radio gehört haben. Wie geschockt sie waren. Wie erschüttert. Mir fällt es schwer, ihnen Mitgefühl zu zeigen.

7:50 Uhr: Ich kaufe mir beim Café neben dem Hotel einen Muffin, Saft und Kaffee. Es ist noch früh, also spaziere ich auf dem Gehsteig, nippe an meinem Kaffee und erfreue mich am Notenblatt eines typischen Morgens in Manhattan.

8:46 Uhr: Der American-Airlines-Flug 11 mit 92 Seelen an Bord schlitzt den Nordturm des World Trade Center auf. Flüssiges Feuer schließt die Innenräume vom 93. bis zum 99. Stock ein. Zum Zeitpunkt des Einschlags befinden sich fast 9.000 Menschen im Nordturm.

Der Nordturm stürzt ein. - © Rick Wood
Der Nordturm stürzt ein. - © Rick Wood

8:48 Uhr: Knapp 6,5 Kilometer nördlich des World Trade Center kehre ich ins Paramount Hotel zurück und starte meinen Laptop. Ich schalte auch die "Today Show" ein. Der Ton ist zu leise, und man hört nicht das übliche Geplauder von Matt und Katie. Ich schaue auf den Fernseher. Hinter den Nachrichtensprechern ist ein Video eingeblendet. Darin sieht man einen gleißenden Wolkenkratzer oder zwei. Aber irgendetwas stimmt nicht. Ich schaue genauer hin und sehe ein ausgefranstes Loch in einem der Türme. Unter dem Bildkasten stehen die Worte "World Trade Center". Wohl der Jahrestag der Bombe in einem Lastwagen bei den Türmen vor sieben oder acht Jahren, denke ich und nehme wieder das Programm für die Fashion Show in die Hand. Aber etwas irritiert mich. Ich wende mich wieder dem Fernseher zu und schalte lauter. Es ist echt. Es passiert jetzt gerade, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es wichtig ist.

Ich rufe die Vermittlung des "Milwaukee Journal Sentinel" an. Niemand hebt ab. Ich rufe die Redakteurin daheim an. Sie hebt sofort ab. "Catherine hier. Es ist ein Großfeuer in einem hohen Gebäude hier ausgebrochen. Glaubst du, dass ich darüber berichten soll?" - "Geh! Geh! Geh!" Ich rufe schnell Rick an. "Wir treffen uns in fünf Minuten in der Lobby", sagt er. "Wenn du nicht da bist, kann ich nicht auf dich warten." Ich werfe in eine Tragetasche alles, was ich für einen brandheißen Morgen auf den Straßen von New York zu brauchen glaube: Presseausweis, Notizbücher, Stifte, ein Handy, Taschentücher, eine Wasserflasche, Führerschein, Kreditkarte und etwa 100 Dollar in bar.

Die Journalistin führt Kurzinterviews für ihre 9/11-Reportage. 
- © Rick Wood

Die Journalistin führt Kurzinterviews für ihre 9/11-Reportage.

- © Rick Wood

Mein Mann ist in Virginia auf Dienstreise. Mir kommt es nicht in den Sinn, ihn anzurufen. Wozu auch? Ich werde nur über ein Feuer berichten und dann zurück zu den Shows gehen. Das brauche ich ihm nicht zu erzählen. Ich rufe auch nicht meine Tochter Claire in Chicago an oder meine Tochter Meg in London oder meine Eltern in St. Louis.

9:03 Uhr: Der United-Airlines-Flug 175 pflügt in den Südturm und explodiert beim Aufprall. Feuer verschlingt die Stockwerke 77 bis 85. In und über der Feuerzone sind 600 Menschen entweder tot oder eingeschlossen. F15-Kampfflugzeuge sind noch kilometerweit weg.

9:07 Uhr: Rick und ich laufen in Richtung Times Square. Wir wissen noch nichts vom Angriff auf den Südturm.

9:14 Uhr: Ein Taxi, das in Richtung Süden fährt, hält an. Zwei Blocks weit schleichen wir dahin, dann steht der Broadway still. Via Autoradio erfahren wir, dass es vom Feuer in Downtown Brandschutt in angrenzende Straßen regnet. Fahrer lassen ihre Wagen auf den Fahrbahnen stehen, und der Verkehrsstillstand breitet sich rasant aus.

9:18 Uhr: Das Taxi ist vom Verkehr verschluckt. Rick und ich steigen aus und laufen zur U-Bahn. Wir schaffen es gerade noch in den nächsten Zug, bevor sich die Türen schließen.

9:32 Uhr: Unser Zug hält bei der Station 14th Street/Eighth Avenue. Seltsamerweise bleiben die Waggontüren zu.

9:37 Uhr: Der American-Airlines-Flug 77 pflügt ins Pentagon.

9:43 Uhr: "Meine Damen und Herren, wir haben Verspätung aufgrund eines Problems beim World Trade Center." Die Zugtüren öffnen sich. Rick und ich schließen uns einer Pendlerschlange an, die die Stufenpyramiden hinauf in Richtung Tageslicht steigt. Zurück im gleißenden Sonnenschein sind wir noch etwa 40 Blocks nördlich vom World Trade Center. Wir können die Türme nicht sehen. Wir wissen nicht, dass ein Flugzeug ins Pentagon geflogen ist.

Die Luft ist geladen mit dem pulsierenden Geräuschpegel einer Krise. Sirenen der Einsatzfahrzeuge heulen über den Hafen hinüber zur Freiheitsstatue und mischen sich mit den Nebelhörnern der Tourboote, die Passagiere rasch zu den Anlegestellen zurückbringen. In ein paar Stunden, wenn die Sirenen endlich verstummt sein werden, wird diese Stille mit heftiger Schwere auf die Ohren einstürzen. Bei der Kreuzung Hudson/ Bleeker sehen wir es: die oberen Stockwerke von zwei unmöglich hohen Wolkenkratzern, die dicke, schwarze Rauchsäulen ausstoßen. Ich schreibe in mein Notizbuch das Erste, was mir in den Sinn kommt: "Herannahendes Gewitter."

Chaos auf den Straßen von New York. - © afp / Stan Honda
Chaos auf den Straßen von New York. - © afp / Stan Honda

9:59 Uhr: Als der Südturm in sich zusammenbricht, höre ich nur ein leises Geräusch und mein eigenes Ausatmen, das sich mit den Seufzern der Menschen neben mir verbindet zu einem kollektiven menschlichen Heulen ob der unglaublichen Traurigkeit des Ereignisses. In diesen Momenten wandere ich vom Existenziellen zum Surrealen. Ins Notizbuch schreibe ich fünf Worte:

"Entsetzt Armageddon Menschen Sprachlos Weinen"

Ich versuche, die Redaktion anzurufen. Kein Netz. "Es sind die Antennen", sagt ein Mann, der sich durch die Menge kämpft. "Sie waren auf dem Dach." Rick und ich laufen in Richtung Ground Zero. Jedes Mal, wenn ich stehenbleibe, um etwas zu notieren, falle ich ein Stückchen weiter zurück. Wir trennen uns, und ich laufe zurück in Richtung Innenstadt. Mehrmals an diesem Tag biete ich Menschen, die eine Handyverbindung haben, Geld an und bitte sie mit gefalteten Händen um ihr Telefon, damit ich der Redaktion Updates geben kann. Mehrfach beenden Menschen ihr Gespräch und warten, bis ich ein, zwei Absätze diktiert habe. Nur eine Frau nimmt das Geld und lässt mich dann im Hinterzimmer ihrer Bodega auf einer Getränkekiste telefonieren. Ich bitte eine Kollegin, meine Familie anzurufen.

Von den Zwillingstürmen sind nur Gerippe übrig geblieben. - © afp / Doug Kanter
Von den Zwillingstürmen sind nur Gerippe übrig geblieben. - © afp / Doug Kanter

10:28 Uhr: Wieder auf der Straße, bewege ich mich in westliche Richtung vom Ground Zero. Ich weiß nicht, warum. In einer Bar führe ich ein paar Interviews. Dann bitte ich eine Kellnerin, mich das Telefon benutzen zu lassen. Während ich der Redaktion in Wisconsin meine Notizen durchgebe, ändern sich die Hintergrundgeräusche dramatisch. Das Lokal hat sich geleert, eine Küchenhilfe ruft: "Gasleck!" Der Junge schiebt mich bei der Tür hinaus, und ich falle über eine Laderampe. Auf die Liste der kleinen Miseren dieses Tages kommen ein paar weitere Kratzer und blaue Flecken.

14. September: Ich leide an einem posttraumatischem Stresssyndrom, aber ich weiß es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und ich bin müde bis in alle Knochen.

15. September: Lonnie ist schon abgefahren. Ich glaube, sie hat den Zug genommen. Rick und ich haben Tickets für den ersten Flug zu Mittag von Philadelphia weg. Der Taxifahrer will 300 Dollar für die Fahrt zum Flughafen. Wir verziehen keine Miene. Es ist ein Schnäppchen. Irgendwo auf der Autobahn I-95 schreibe ich meinen Artikel über die Mahnwache im Union Square Park am Vorabend fertig. Ich rufe eine Journalistin in der Feuilleton-Redaktion an und diktiere ihr, was ich geschrieben habe. Trotz Autobahnlärm höre ich sie weinen, als sie meine Worte abtippt.

Übersetzung: Barbara Ottawa