Kabul. Die Hoffnungen der Taliban auf baldige wirtschaftliche Hilfe aus China zum Wiederaufbau Afghanistans könnten enttäuscht werden. Nach ihrer Machtübernahme in Kabul setzen die militanten Islamisten auf den großen Nachbarn, der die "Gotteskrieger" schon früh als die neuen Herrscher des Landes diplomatisch aufgewertet hatte. Mit Chinas Hilfe planen die Taliban ein "Comeback" des schwer angeschlagenen Afghanistans.

"China ist unser wichtigster Partner und bedeutet für uns eine grundlegende und außergewöhnliche Chance, denn es ist bereit, zu investieren und unser Land neu aufzubauen", sagte ihr Sprecher Sabiullah Mujahid der italienischen Tageszeitung "La Repubblica". In dem Land gebe es "reiche Kupferminen, die dank der Chinesen wieder in Betrieb genommen und modernisiert werden können", so der Sprecher. Der Wert der Bodenschätze in Afghanistan wird tatsächlich auf eine Billion US-Dollar geschätzt. Nur fehlt es an Investitionen und Infrastruktur, um den Reichtum auch zu bergen - vor allem aber mangelt es an der nötigen Sicherheit.

Unrealistische Erwartungen

Erst einmal verspricht Peking nur humanitäre Nothilfe und Impfstoffe in einem Wert von 200 Millionen Yuan, umgerechnet 26 Millionen Euro. China ist diplomatisch aktiv, das von den USA nach ihrem Rückzug hinterlassene Machtvakuum auszufüllen. Außenminister Wang Yi spricht mit den Nachbarländern. Afghanistan ist am Donnerstag auch wichtiges Thema des BRICS-Gipfels mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, Russlands Wladimir Putin und den anderen Staats- und Regierungschefs aus Indien, Brasilien und Südafrika.

Die Erwartungen der Taliban, China könnte den Wiederaufbau maßgeblich mitfinanzieren, wirken aber unrealistisch. So hat Peking die Milliardeninvestitionen in seine Infrastrukturinitiative der "Neuen Seidenstraße" (Belt and Road Initiative) zum Aufbau neuer Handelswege schon heruntergefahren. Auch verweisen Experten in China auf die schlechte Sicherheitslage in Afghanistan und beäugen die Taliban misstrauisch.

Selbst früher, vor dem Ausbruch der Pandemie, als die Lage vergleichsweise stabil war, gab es keine größeren Investitionen Chinas. Zwei große chinesische Projekte in Afghanistan sind schon damals nicht ans Laufen gekommen. So erhielt 2008 ein Unternehmen aus China einen auf drei Milliarden US-Dollar geschätzten Zuschlag für die Entwicklung einer der größten Kupferlagerstätten weltweit in Mes Aynak. Und 2011 wollte ein chinesischer Konzern die Ölfelder am nördlichen Grenzfluss Amudarja erschließen. Nichts ist passiert.

Wieder Evakuierungen

"Deswegen denke ich, dass China gerade jetzt, wo es nicht nur potenziell, sondern tatsächlich Instabilität in fast allen Bereichen in Afghanistan gibt, nicht viel investieren wird", sagt Professor Shi Yinhong von der Pekinger Volksuniversität. "Afghanistan hat jetzt drastische Veränderungen durchgemacht", so der Experte. "Es gibt weder angemessene Sicherheit, noch kann man von nachweislicher und langfristiger Stabilität sprechen." Schon im befreundeten Pakistan, wo China im Rahmen der "Seidenstraße" rund 60 Milliarden US-Dollar in Infrastruktur für den China-Pakistan Wirtschaftskorridor investiert hat, gebe es "feindliche Kräfte", die chinesische Unternehmen und Personal attackiert haben, hebt der Professor hervor. Auch die Taliban an sich seien "komplex", sagt Shi Yinhong auf eine Frage nach rivalisierenden Gruppen.

Unterdessen haben die Taliban-Behörden einem Bericht der "Washington Post" zufolge mehr als 200 afghanischen Doppel-Staatsbürgern die Ausreise aus Afghanistan gestattet. Die Zeitung berichtete unter Berufung auf Diplomaten in Kabul, dass darunter Staatsbürger Deutschlands, der USA, Kanadas, Großbritanniens, Italiens, der Niederlande und der Ukraine seien.

Bei dem Rettungsflug handelt es sich offenbar um den ersten seit dem endgültigen Abzug der internationalen Truppen und dem Ende der Evakuierungen Ende August. Die USA haben mit den Taliban vereinbart, dass die Flüge weitergehen.(dpa)