Womöglich wird es wie beim letzten Mal sein. Da nahmen sie über Nacht Kabul ein", erzählte Ahmad Jawed, 30, aus der afghanischen Hauptstadt am vergangenen Samstag. Als die militant-islamistischen Taliban die afghanische Hauptstadt erstmals vor 25 Jahren einnahmen, war Jawed ein kleines Kind. An jenen Morgen kann er sich dennoch gut erinnern. Plötzlich waren die Taliban-Kämpfer da, während die Vertreter der Mudschaheddin-Regierung, die sich zuvor jahrelang gegenseitig bekriegt hatten, geflüchtet waren. Nun, knapp zwanzig Jahre nach Beginn der Nato-Besatzung im Land, hat sich dieses Szenario wiederholt.

Nachdem die Taliban bis Mitte August alle wichtigen Provinzhauptstädte erobern konnten, marschierten sie kurz darauf auch in Kabul ein. Armee und Polizei verließen ihre Posten bereits kurz zuvor. Der afghanische Präsident Ashraf Ghani flüchtete mitsamt seiner Entourage und verließ das Land Hals über Kopf.

Neokolonialer Statthalter

Er verhielt sich dabei wie ein neokolonialer Statthalter - und als solcher wurde er in den letzten Jahren nicht nur von den Taliban bezeichnet, sondern von vielen Afghanen, die nicht von seinem korrupten Staatsapparat profitierten. Es war im Übrigen auch Ghani, der vor wenigen Jahren meinte, keine Sympathien für afghanische Geflüchtete zu hegen.

Nach Ghanis Flucht nahmen die Taliban den Präsidentenpalast ein und posierten unter anderem vor dessen Schreibtisch. Einer der anwesenden Kommandanten meinte kurz darauf während einer "Pressekonferenz" für den katarischen Sender Al Jazeera, dass er einst von den Amerikanern acht Jahre lang in Guantanamo festgehalten und gefoltert wurde. Zufall? Wohl eher weniger. Stattdessen wurde abermals klar, dass der amerikanische "War on Terror" zahlreiche Menschen in Afghanistan radikalisiert hat - und dass viele von ihnen das bis heute nicht vergessen haben.

Emran Feroz, geboren 1991, arbeitet als freier Journalist u.a. für Al Jazeera und die "New York Times". Er berichtet aus und über Afghanistan und den Drohnenkrieg der USA. In seinem Buch "Der längste Krieg" beschreibt er das Afghanistan-Desaster aus afghansicher Perspektive.  
- © Frank May / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Emran Feroz, geboren 1991, arbeitet als freier Journalist u.a. für Al Jazeera und die "New York Times". Er berichtet aus und über Afghanistan und den Drohnenkrieg der USA. In seinem Buch "Der längste Krieg" beschreibt er das Afghanistan-Desaster aus afghansicher Perspektive. 

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Doch die Ereignisse überschlugen sich weiterhin. Massen von Menschen strömten zum Kabuler Flughafen, wo amerikanische Truppen mit der Evakuierung ihrer Staatsbürger beschäftigt waren. Auch am Tag darauf fand das Chaos am Flughafen kein Ende. Einige Menschen hielten sich an dem US-Flieger fest, während dieser abhob, und starben bei dem verzweifelten Fluchtversuch. Währenddessen schossen US-Soldaten in die afghanische Menge. Hinzu kamen ein blutiger IS-Anschlag, der rund 200 Menschen das Leben kostete, sowie zwei amerikanische Drohnenangriffe, die mindestens zehn weitere Zivilisten töteten.

Die jüngsten Szenen aus Kabul haben stärker denn je deutlich gemacht, dass der westliche Einsatz in Afghanistan gescheitert ist. Während einer Rede vor wenigen Wochen erwähnte US-Präsident Joe Biden jene Afghanen, die in den letzten zwei Jahrzehnten durch den "War on Terror" der USA getötet wurden, kein einziges Mal. Stattdessen waren seine Worte abermals von Realitätsverweigerung und Ignoranz geprägt. Die wahren Gewinner des Krieges sitzen nicht im Weißen Haus, sondern in Kabul. So stark wie jetzt waren die Taliban noch nie. Allein in den letzten Wochen haben sie zahlreiches, hochtechnologisches Kriegsgerät aus amerikanischer Produktion erobert. Mittlerweile kontrollieren die Extremisten ganz Afghanistan. Hinzu kommt ihre politische Stärke auf der internationalen Bühne, an der sie in den letzten Jahren arbeiteten.

Zahlreiche Analysen und Prognosen bezüglich einer Machtübernahme der Taliban mussten korrigiert werden. Der US-Geheimdienst CIA ging etwa kurz vor dem Fall Kabuls davon aus, dass die Stadt in den nächsten dreißig bis neunzig Tagen erobert werden könnte. Am Ende geschah alles innerhalb von vierundzwanzig Stunden.

Unbekanntes Land

Es gibt mehrere Gründe, warum all dies passieren konnte. Viele von ihnen wurden jahrelang verdrängt und ignoriert - nicht nur, weil man im Westen das eigene Gesicht wahren wollte, sondern weil man Afghanistan nach all den Jahren immer noch nicht kannte. Praktisch alle Distrikte jener Provinzhauptstädte, die vor Kabul fielen, werden bereits seit Jahren von den Taliban kontrolliert. Die Taliban hatten sich hier festgesetzt und im Schatten agiert und regiert. In diesen ländlichen Regionen konnten die Extremisten früh Fuß fassen, unter anderem aufgrund der massiven Korruption in der Hauptstadt sowie der zahlreichen Militäroperationen der Nato und ihrer afghanischen Verbündeten. Drohnenangriffe und brutale, nächtliche Razzien verursachten regelmäßig zahlreiche zivile Opfer in den afghanischen Dörfern. Viele ihrer Hinterbliebenen schlossen sich den Taliban in irgendeiner Art und Weise an. Dies war de facto auch vor den Toren Kabuls der Fall. Lange vor den jüngsten Entwicklungen reichte eine zwanzig- bis dreißigminütige Fahrt aus, um ins Taliban-Gebiet zu gelangen.

Mit derartigen Realitäten wollten sich die Verantwortlichen allerdings nicht auseinandersetzen. Stattdessen fand die große Selbstbeweihräucherung statt. Man sprach von den ach so tollen, eigenen Werten und fokussierte sie sich auf vermeintliche Errungenschaften, die seit 2001 in Afghanistan errichtet wurden. Man sprach von Demokratie, obwohl in den letzten zwanzig Jahren kein einziger demokratischer Machttransfer in Afghanistan stattgefunden hat.

Dies hatte gewiss nicht mit jenen Afghanen zu tun, die ihr Leben riskierten und tatsächlich zur Wahlurne schritten, sondern in erster Linie mit jenen korrupten Eliten, die in Kabul von den USA an die Macht gebracht wurden. Männer wie Hamid Karzai oder der geflüchtete Ashraf Ghani höhlten das neue System für ihre eigenen Zwecke aus und machten stets von Wahlfälschungen Gebrauch, um an die Macht zu bleiben.

Ähnlich verhielten sich auch andere innerafghanische Akteure, darunter etwa zahlreiche bekannte Kriegsfürsten und Drogenbarone, die zu den engsten Verbündeten des Westens am Hindukusch wurden. Sie bereicherten sich dank der zahlreichen, ausländischen Hilfsgelder persönlich und schafften Milliarden von Dollar ins Ausland. Gleichzeitig gehörten sie auch zu den größten Kriegsprofiteuren, etwa dank privater Sicherheitsunternehmen, die sie selbst schufen, um Anschläge auf Nato-Truppen zu fingieren. Im Nachhinein wurden aufgrund der vermeintlichen Terrorgefahr lukrative Verträge unterzeichnet.

Die Fehler waren bekannt

Spätestens seit Ende 2019 ist bekannt, dass man in Washington und anderswo über all diese Fehlentwicklungen Bescheid wusste. Damals wurden von der "Washington Post" die sogenannten "Afghanistan Papers" veröffentlicht, in denen rund 400 hochrangige US-Offizielle ihr Versagen in Afghanistan mehr oder weniger zugaben. Die entsprechenden Details wurden jahrelang unter Verschluss gehalten.

Doch auch darüber will heute niemand sprechen. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass die Taliban aus dem Nichts heraus Afghanistan und den Westen überrumpelt haben. Man habe allem Anschein nach mit bestem Wissen und Gewissen versucht, doch daraus wurde nun leider nichts. Nach einer zwanzigjährigen Fehlintervention, die hunderttausenden von Afghanen das Leben kostete und Millionen von ihnen zu Geflüchteten machte und in die Armut trieb, hat der Westen nicht nur sein Interesse an Afghanistan verloren, sondern fühlt sich für die Misere nicht mitverantwortlich. "Die sind eben so. Das ist nicht unsere Schuld", lautet der kulturrelativistische Tenor. Besonders in diesen Tagen hallt er laut.