Knapp einen Monat nach der Rückkehr der militant-islamistischen Taliban an die Macht in Afghanistan hält die internationale Gemeinschaft am Montag in Genf eine Geberkonferenz ab. Ziel des Treffens unter dem Dach der Vereinten Nationen ist, den Hunger in dem zentralasiatischen Land zu bekämpfen und das öffentliche Leben vor dem Zusammenbruch zu bewahren. UNO-Hilfsorganisationen haben einen Finanzbedarf von 606 Millionen Dollar (513 Millionen Euro) bis Dezember angemeldet.

Viele Länder sind zu humanitärer Hilfe bereit, wollen daran aber Bedingungen knüpfen. Zu der Konferenz werden etwa 40 Minister erwartet, darunter - wie viele andere Teilnehmer auch per Videoschaltung - Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP). Weiters nehmen der deutsche Außenminister Heiko Maas und UNO-Generalsekretär Antonio Guterres teil.

Humanitäre Hilfe

Die Taliban sind in Afghanistan seit Mitte August wieder an der Macht. Die internationalen Truppen, die sie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA gestürzt hatten, haben das Land nach annähernd 20-jährigem Einsatz nahezu vollständig wieder verlassen. Das damalige Taliban-Regime hatten den Führern des Terrornetzwerks Al-Kaida, das für die 9/11-Anschläge verantwortlich zeichnete, Unterschlupf geboten.

Nach Einschätzung von UNO-Behörden steht die Grundversorgung in Afghanistan vor dem Zusammenbruch. Mit humanitärer Hilfe sollen medizinische Leistungen, Wasserversorgung und sanitäre Einrichtungen aufrechterhalten werden. Zudem sollen Schutzmaßnahmen für Kinder und Frauen, Notunterkünfte für Vertriebene sowie Bildungsprojekte finanziert werden. Außerdem brauchen die Vereinten Nationen Geld für Nahrungsmittelhilfe. Nach UNO-Zahlen haben 93 Prozent der Haushalte in Afghanistan nicht genug zu essen.

Österreich hilft mit 18 Millionen Euro

Die österreichische Regierung hat in der vorigen Woche zur Bekämpfung der humanitären Krise in Afghanistan und der Region im Ministerrat 18 Millionen Euro Soforthilfe beschlossen. Die Mittel des Auslandskatastrophenfonds (AKF) sollen "sofort und unbürokratisch" zur Verfügung stehen, teilte das Außenministerium in einer Aussendung dazu mit. Zehn Millionen Euro davon gehen an das UNO-Flüchtlingskommissariat (UNHCR), fünf Millionen Euro an UN Women und 3 Millionen Euro an das UNO-Welternährungsprogramm. "Es ist besonders wichtig, dass ein beträchtlicher Teil dieses Hilfspakets gezielt für Frauen und Mädchen in Afghanistan und in der Region eingesetzt wird", wurde Frauenministerin Raab in einer Aussendung anlässlich der Geberkonferenz zitiert.

Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller forderte vor der ersten internationalen Afghanistan-Geberkonferenz seit der Rückkehr der militant-islamistischen Taliban einen UNO-Nothilfefonds von zehn Milliarden Euro. UNO-Hilfsorganisationen stünden weltweit bereit, doch fehle es immer wieder an der Finanzierung von Hilfe, kritisierte Müller am Montag. "Die Nahrungsmittelreserven des Welternährungsprogramms reichen für Afghanistan nur bis Ende September. Im Jemen wurden Hilfen gekürzt. Das können wir nicht akzeptieren, nur weil die Gelder nicht da sind", sagte Müller. Eine Reform sei grundsätzlich notwendig, mahnte der Minister. Die UNO und ihre Hilfswerke dürften nicht dauerhaft zum Bittsteller werden. Sie müssten vorausschauend handeln können und dafür ausreichend finanziert werden.

Taliban brechen Versprechen

Die Menschenrechtskommissarin der Vereinten Nationen, Michelle Bachelet, warf den Taliban am Montag vor, ihre Versprechen zur Wahrung der Freiheitsrechte in Afghanistan gebrochen zu haben. Vor allem bei den Frauenrechten entsprächen die Realitäten vor Ort nicht den Zusagen. "Im Gegensatz zu den Zusicherungen der Taliban, die Rechte der Frauen zu wahren, wurden die Frauen in den vergangenen drei Wochen zunehmend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen", sagte Bachelet auf einer Sitzung des UNO-Menschenrechtsrats in Genf. Sie verwies darauf, dass in der neuen Taliban-Regierung keine Frauen vertreten sind. Mitarbeiter von UNO-Organisationen in Afghanistan seien zudem seit der Machtübernahme der Taliban immer öfter Angriffen und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Die Islamisten hätten ferner weitere Zusagen nicht eingehalten, wie die Amnestie für Beamte der vorherigen Regierung und das Verbot von Hausdurchsuchungen. Afghanistan befinde sich in einer "neuen und gefährlichen Phase", in der viele Frauen und Angehörige ethnischer Gruppen und religiöser Gemeinschaften sehr besorgt um ihre Rechte seien, sagte Bachelet.

Kurz vor Beginn einer UNO-Konferenz für Afghanistan in Genf ist UNHCR-Chef Filippo Grandi in der afghanischen Hauptstadt Kabul eingetroffen. Am Flughafen wurde er vom amtierenden afghanischen Flüchtlingsminister der Taliban, Khalil Haqqani, empfangen, wie ein am Montag auf Twitter veröffentlichtes Foto zeigte. (dpa/Reuters)