Der Iran ist laut einem Bericht der "New York Times" nur noch einen Monat davon entfernt, über genügend hochangereichertes, spaltbares Uran-235 für "eine einzige Atomwaffe" verfügen zu können. Diese Entwicklung könnte laut dem Blatt den Druck auf die Vereinigten Staaten erhöhen, zum Wiener Atomabkommen von 2015 mit Teheran und den Weltmächten zurückzukehren.

Laut der "New York Times" zeigen neue Daten aus dem Bericht der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) von vergangener Woche, dass Teheran die Fähigkeit erlangt hat, genug waffenfähiges Uran für eine einzelne Atomwaffe zu produzieren, obwohl der tatsächliche Bau eines Atomsprengkopfes viel länger dauern würde - vielleicht Monate oder sogar Jahre.

Voraussetzung für die Herstellung von Kernbrennstäben und Atomwaffen ist die Anreicherung. Dabei wird die gasförmige Verbindung Uranhexafluorid in Zentrifugen eingebracht, in denen das spaltbare Uran-235 abgesondert wird. Daraus kann dann metallisches Uran gewonnen werden, das bei einem Anreicherungsgrad von 90 Prozent für Atomsprengköpfe verwendet werden könnte.

Experten des Instituts für Wissenschaft und Internationale Sicherheit (ISIS) analysierten den jüngsten Bericht der IAEA und kamen zu dem Schluss, dass der Iran im extremsten Szenario in einem Monat genug angereichertes Uran für eine Atombombe, in drei Monaten genug für eine zweite Waffe und in weniger als fünf Monaten genügend Material für eine dritte produzieren könnte.

Anreicherung gesteigert

Das Atomabkommen von 2015 schränkte die Uranvorräte des Iran stark ein und begrenzte die Uran-Anreicherung auf 3,7 Prozent - ein ausreichendes Niveau für ein Kernkraftwerk. Ein Jahr nach dem 2018 erfolgten Rückzug von US-Präsident Donald Trump aus dem Atomabkommen hatte der Iran die Anreicherung jedoch massiv erhöht.

Nach Meinung der Experten könnte der Iran, wenn er sich dazu entschließe, die Anreicherung in kurzer Zeit auf 90 Prozent - also auf Atomwaffenfähigkeit - erhöhen. Der Iran habe bereits auf 20 Prozent angereichertes metallisches Uran-235 hergestellt. Zudem könnte das Land Uran-235 mit einem Reinheitsgrad von 60 Prozent herstellen. Damit habe Teheran bereits 95 Prozent der Arbeit erledigt, um Uran auf Waffenfähigkeit anreichern zu können, hatte der frühere Vize-Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Olli Heinonen, vor kurzem im israelischen Fernsehen erklärt.

Verhandlungen liegen auf Eis

Der Iran hatte am Sonntag zugestimmt, internationalen Inspektoren zu erlauben, neue Speicherkarten in Überwachungskameras an seinen sensiblen Nuklearstandorten einzubauen und dort weiter zu filmen, um möglicherweise einen diplomatischen Showdown in dieser Woche abzuwenden. Die Einigung erfolgte bei einem Besuch von IAEA-Chef Rafael Grossi in Teheran.

Letzte Woche erklärte die IAEA, dass die Bevorratung des Iran mit hochangereichertem Uran, das zur Herstellung von Atomwaffen verwendet werden könnte, gegen das Atomabkommen von 2015 verstoße. Die IAEA tadelte den Iran außerdem auch für sein anhaltendes Versäumnis, Fragen zu beantworten, unter anderem zu Uranspuren, die an nicht deklarierten Standorten gefunden wurden.

Die im April aufgenommenen Verhandlungen über einen Neustart des Atomabkommens in Wien waren nach der Wahl des Hardliners Ebrahim Raisi zum iranischen Präsidenten zum Stillstand gekommen. Bisher gibt es kein neues Datum für die Fortsetzung der Gespräche unter der neuen Regierung in Teheran. (apa)