Nur wenige Tage nach dem Test von Marschflugkörpern hat Nordkorea nach Angaben des südkoreanischen Militärs zwei Kurzstreckenraketen in Richtung offenes Meer abgefeuert. Die ballistischen Raketen seien am frühen Mittwochnachmittag (Ortszeit) von Yangdok im nordkoreanischen Inland gestartet und dann etwa 800 Kilometer weit in Richtung Japanisches Meer (koreanisch: Ostmeer) geflogen, teilte Südkoreas Generalstab mit. Erst am Wochenende hatte Nordkorea Langstreckenraketen erprobt, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können.

Mit den Tests verstößt Nordkorea gegen Auflagen der Vereinten Nationen. Im Gegensatz zu Marschflugkörpern verbieten UN-Resolutionen der selbst erklärten Atommacht Nordkorea die Erprobung ballistischer Raketen, die je nach Bauart auch atomare Sprengköpfe tragen können. Die jüngsten Waffentests durch Nordkorea werden auch als eine direkte Herausforderung der Regierung von US-Präsident Joe Biden gesehen. Die Angebote Washingtons zur Wiederaufnahme der Verhandlungen ohne Vorbedingungen über das nordkoreanische Atomwaffenprogramm hatte Pjöngjang bisher abgelehnt.

Flughöhe von 60 Kilometern

Beim jetzigen Test erreichten die Raketen dem südkoreanischen Militär zufolge eine Flughöhe bis zu 60 Kilometern. Zusammen mit US-Behörden werden weitere Details noch analysiert. In Seoul wollte - wie üblich in solchen Fällen - der Nationale Sicherheitsrat über die Lage beraten. Nordkorea ist wegen seines Atomprogramms harten internationalen Sanktionen unterworfen, die auch die wirtschaftliche Entwicklung des abgeschotteten Landes hemmen.

Auch Japan ging beim jüngsten nordkoreanischen Waffentest vom Start zweier ballistischer Raketen aus. Ministerpräsident Yoshihide Suga verurteilte den Test. Dieser bedrohe "den Frieden und die Sicherheit Japans sowie der Region". Die Raketen seien außerhalb der "exklusiven Wirtschaftszone" Japans ins Meer gestürzt, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Küstenwache.

Der neuerliche Waffentest durch Nordkorea kam nach Meinung von Beobachtern nicht überraschend. Wie schon einige Monate zuvor erfolgten auch die jüngsten Waffentests nach einer gemeinsamen Militärübung der Streitkräfte der USA und Südkoreas. Die Kommandoübung, die Pjöngjang scharf kritisiert hatte, wurde nach neun Tagen am 26. August beendet. Im März hatte Nordkorea ebenfalls Marschflugkörper nach einer solchen Kommandoübung in Südkorea unternommen. Wenige Tage später folgte dann ein Test mit ballistischen Kurzstreckenraketen.

Neuartiger Typ von Marschflugkörpern

Am vergangenen Wochenende hatte Nordkorea nach eigenen Angaben einen neuartigen Typ von Marschflugkörpern "von großer strategischer Bedeutung" mit großer Reichweite getestet. Die zwei getesteten Lenkflugkörper hätten in 1.500 Kilometer Entfernung ihre Ziele im Meer getroffen. Laut Experten deutete Nordkorea an, dass der neue Marschflugkörper ebenfalls mit Atomsprengköpfen bestückt werden soll.

Südkoreas Verteidigungsminister Suh Wook hatte am Dienstag vor dem Parlament den Lenkflugkörper-Test des Nachbarlandes bestätigt. Eine genaue Analyse werde noch durchgeführt. Anders als ballistische Raketen verfügen Marschflugkörper über einen permanenten eigenen Antrieb.

Pjöngjang treibt seit Jahren die Entwicklung von Raketen voran, die nicht nur Südkorea und Japan treffen, sondern auch Atomsprengköpfe bis in die USA tragen können. Nach Schätzungen der amerikanischen Organisation Arms Control Association vom August 2020 lagern in Nordkorea 30 bis 40 Atomsprengköpfe.

Die USA, Japan und Südkorea kritisierten zwar den Einsatz der Marschflugkörper, zeigten sich aber zugleich zu Abrüstungsverhandlungen mit dem kommunistischen Land bereit. Die Abrüstungsgespräche zwischen Nordkorea und den USA, die 2018 der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un und der damalige US-Präsident Donald Trump eingeleitet hatten, stocken seit 2019. Dabei geht es um einen Abbau des nordkoreanischen Atom- und Raketenprogrammes im Gegenzug für eine Aufhebung der Sanktionen, unter denen das isolierte Land leidet. Nordkorea hat sich zwar offen für Verhandlungen gezeigt, sieht dafür bislang aber keine Grundlage, da die USA die Strafmaßnahmen nicht gelockert haben. (apa/dpa/reuters)