Ottawa. Kanadas Premier Justin Trudeau wollte mit einer von ihm ausgerufenen Neuwahl am 20. September zielsicher nach der absoluten Mehrheit greifen und hoffte auf Rückenwind wegen seiner vergleichsweise erfolgreichen Corona-Politik und der hohen Impfrate. Er dürfte sich getäuscht haben: Die Umfragen sehen die Liberalen im flächenmäßig zweitgrößten Land der Erde zwar vorne, allerdings mit dem gleichen Vorsprung an Sitzen vor den Konservativen wie bei der gegenwärtigen Minderheitsregierung.

In der Tat kämpft Trudeau mit Gegenwind: Angesichts einer vierten Corona-Welle fragen sich viele der 38 Millionen Kanadier, ob teure und potenziell gesundheitsgefährdende Neuwahlen wirklich nötig sind - Trudeau lieferte dazu keine klare Antwort und erscheint machthungrig statt dienstbeflissen. Der konservative Gegner Erin O’Toole stach bei der letzten TV-Debatte in die Wunde: "Sie haben damit Ihre eigenen politischen Interessen über das Wohlergehen von Tausenden von Menschen gestellt. Führung bedeutet, andere an die erste Stelle zu setzen, nicht sich selbst."

Der politische Kommentator Peter Donolo sieht das Problem, dass er Premier von vielen Kanadiern als Showman mit (zu) perfekt einstudierten Presse-Statements wahrgenommen wird. 2015 hatte Trudeau den Konservativen Stephen Harper mit einem ganz deutlichen Sieg aus dem Amt geworfen. Damals versprach er "sonnige Wege" - mehr Leichtigkeit, Moderne und Jugend. Es mag in der Natur des täglichen Regierungsgeschäfts liegen, dass der Glanz angesichts schmerzhafter Kompromisse und politischer Niederlagen verblasst.

O’Toole kann punkten

"Trudeau kandidierte als Mann des politischen Generationswechsels, um Politik anders zu machen. Eine Weile glaubten die Leute das, dann stauten sich die Dinge auf und sie glaubten es nicht mehr", analysiert der politische Experte David Moscrop die Stimmung.

Auf der Bühne punktete eher der Konservative O’Toole, der den moderaten Kanadiern mit einer Politik der Mitte entgegenkommen will und durch seine "Harmlosigkeit" überzeugt, wie Donolo sagt. So erwähnt O’Toole bei jeder Gelegenheit, dass er ein Unterstützer der LGBTQ-Gemeinde und kein Abtreibungsgegner sei.

Eine Wiederholung der fetten ersten vier Jahre mit absoluter Mehrheit sieht Peter Donolo für Trudeau jedenfalls nicht.(dpa)