Gerade einmal einen Tag war Bolívar Garzón, Leiter des Strafvollzugs, im Amt. Da war er bereits mit der größten Gefängniskrise Ecuadors konfrontiert.

Verfeindete Gangs richteten in den vergangenen Tagen in der Haftanstalt Guayas N1 nahe der ecuadorianischen Wirtschaftsmetropole Guayaquil ein Blutbad an. Bis Donnerstag kamen bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen 116 Gefangene ums Leben. Bildaufnahmen zeigen Insassen, die in Blutlachen auf dem Boden liegen. Laut Berichten sollen mehrere Opfer enthauptet worden sein. Zudem seien knapp 80 Gefangene und zwei Polizisten bei den Kämpfen verletzt worden.

Begonnen hatten die Unruhen Anfang vergangener Woche. Durch einen Tunnel waren Insassen von einem in den anderen Gefängnisflügel gekrochen, wo sie rivalisierende Bandenmitglieder attackierten. Schnell eskalierte die Situation, die Häftlinge massakrierten sich mit Schusswaffen und Sprengsätzen.

Lage bleibt angespannt

Mit Tränengas rückten Spezialeinsatzkräfte der Polizei am Mittwoch in die Haftanstalt ein, auch ein Panzer war im Einsatz. Im weiteren Umkreis patrouillierten Polizisten auf Pferden. Rund 400 Beamte waren laut Polizeichef Fausto Buenaño an dem Einsatz beteiligt, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen.

Doch auch nach dem Ende der Kämpfe bleibt die Lage angespannt. Präsident Guillermo Lasso verhängte für 60 Tage den Ausnahmezustand über den Strafvollzug im ganzen Land. "Es ist bedauerlich, dass die Banden versuchen, die Gefängnisse zu einem Schlachtfeld für ihre Machtkämpfe zu machen", sagte der Staatschef bei einer Pressekonferenz.

In Ecuadors Gefängnissen gelten nämlich eigene Regeln. Viele Strafanstalten werden von Gangs kontrolliert. Oftmals sorgen die Sicherheitskräfte lediglich dafür, dass die Gefangenen in den Haftanstalten bleiben. Innerhalb der Mauern sind sich die Häftlinge weitgehend selbst überlassen. Die Grenzen zwischen Polizei und Bandenmitgliedern sind fließend. Immer wieder wird die Polizei beschuldigt, Gewaltausbrüche gezielt zu steuern. Viele der Waffen, die bei dem Blutbad diese Woche eingesetzt wurde, wären ohne Mithilfe der Polizei kaum ins Gefängnis gelangt. Korruption prägt den Alltag wie vielerorts im Land.

Überfüllt, überfordert

Das Massaker in Guayaquil zeigt, dass der Regierung die Kontrolle über die Haftanstalten zunehmend entglitten ist. Schon seit mehr als einem Jahrzehnt steckt Ecuador in einer tiefen "Gefängniskrise". In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Seit 2010 ist die Zahl Inhaftierter enorm gestiegen. Vielerorts fehlt jedoch der Platz, die Häftlinge unterzubringen. Rund 39.000 Insassen sitzen derzeit ihre Strafe in Einrichtungen ab, die eigentlich nur für 30.000 Gefangene gedacht sind. Überall fehlt es an Vollzugsbeamten.

Lokale Medien berichteten, dass die nun erfolgten Tötungen von außerhalb des Gefängnisses angeordnet worden sein könnten. Zahlreiche inhaftierte Gangbosse steuern die Geschäfte ihrer kriminellen Organisationen aus dem Gefängnis heraus. Untergebracht sind dort etwa Insassen, die zu den "Los Choneros" gehören, eine ecuadorianische Gang mit Verbindungen zum mächtigen Sinaloa-Drogenkartell. Doch auch eine andere mexikanische Gruppierung, das Kartell "Jalisco Nuevo Generación", versucht sich mit ecuadorianischen Gangs zu verbünden, um die Kontrolle über zentrale Schmuggelrouten von Ecudaor nach Zentralamerika zu gewinnen, die von Sinaloa kontrolliert werden. Das Gefängnis in Guayaquil ist somit nur eines der Schlachtfelder in Ecuador, auf dem mexikanische Kartelle um die Vorherrschaft kämpfen.

Drehscheibe Ecuador

Das Land mit mehr als 17 Millionen Einwohnern baut selbst zwar nicht viel des Kokablatts an. Doch seine Nachbarn, Kolumbien und Peru, gehören zu den weltweit größten Drogenproduzenten. Ecuador ist dadurch eine wichtige Drehscheibe für den Drogenschmuggel in die USA und nach Europa.