Heidenreichstein. Liao Yiwu wird in China nicht gelesen. Der Schriftsteller steht seit 1987 auf der schwarzen Liste verbotener Autoren. 1989, knapp vor dem blutigen Ende der Protestbewegung in Peking, verfasste er das Gedicht "Massaker", wofür er vier Jahre in Haft musste. 2011 gelang ihm die Flucht nach Deutschland.

Jetzt war der Dissident Ehrengast beim Festival "Literatur im Nebel" im niederösterreichischen Heidenreichstein, wo die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller die Besonderheit in seinem Werk hervorhob: "Liao Yiwus Sprache wird körperlich, weil sie körperlich erlitten ist."

Der Autor bezeichnet Hunger, Hausbesetzung, Obdachlosigkeit und Gefängnis als seine "vier Lehrmeister", in den Büchern des 1958 in Sichuan Geborenen kommt der "Bodensatz" der chinesischen Gesellschaft, die Ausgestoßenen - Bettler, Prostituierte, Gefängnisinsassen und Obdachlose - zu Wort. Zu seinen Werken zählen "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten", "Für ein Lied und hundert Lieder: Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen", "Gott ist rot", "Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch: Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit".

Lockdown ohne Gnade

Im Gespräch mit Lektor Hans Jürgen Balmes vom S. Fischer-Verlag ging es in Heidenreichstein vor allem um Yiwus Roman "Wuhan", dessen deutsche Übersetzung im Jänner erscheinen wird. Im Zentrum des im Exil entstandenen Buches steht der Historiker Chris, der nach Wuhan reist, um dort der Frage nach dem Ursprung des Coronavirus nachzugehen. Wenig überraschend wird er verhaftet, ist mit Dunkelheit und Ungewissheit konfrontiert und wartet auf seinen Untergang.

Wobei der Roman "nicht fiktiv" ist, wie Lektor Balmes vor dem Publikum betonte. Liao Yiwu, der die Ereignisse aus der Entfernung mitverfolgt, fühlt sich beim Lockdown in Wuhan und bei den systematischen Abriegelungen an 1989 und die Niederschlagung der Protestbewegung erinnert.

Es habe zahllose Verhaftungen gegeben, berichtet Yiwu, auf Menschen aus Wuhan sei "überall Jagd gemacht" worden. Bürger jener Stadt, in der sich das Virus zunächst ausbreitete, hätten sich wie Exilanten im eigenen Land gefühlt. So seien in China Plakate mit der Aufschrift "Wir wollen keine Wuhaner" zu sehen gewesen.

Wobei die Abschottungspolitik der chinesischen Behörden durchaus Löcher aufweist - so war es Yiwu möglich, an viele Informationen zu kommen, die den Chinesen im Land zensurbedingt nicht zur Verfügung standen. Westliche Reporter wurden reihenweise ausgewiesen, "niemand weiß, was dort passiert", so der Ehrengast.

"Dokumentarisch genau"

"‚Wuhan‘" seziert das Sicherheitssystem in China, die permanente Videoüberwachung", erklärt Lektor Balmes, der Roman sei "dokumentarisch genau". "Man darf in China kein Interesse am Virus haben", sagt Yiwu, die Polizei könne jeden inhaftieren - wobei die Familie dann oft über ein Jahr nichts über den Verbleib des Eingesperrten erfahre. Manchmal reiche schon ein unbotmäßiger Kommentar zu einem Beitrag im Internet, um die Sicherheitskräfte tätig werden zu lassen.