Im Sudan spielen sich gerade dramatische Ereignisse ab, die über die Zukunft des afrikanischen Landes entscheiden: Das Militär hat geputscht, die Regierung entlassen und den Ausnahmezustand ausgerufen. Gleichzeitig ist es mit heftigem Widerstand konfrontiert. Es soll laut Augenzeugen bereits erste Auseinandersetzungen zwischen der Armee und Demonstranten geben.

Die Lage war schon lange angespannt: Nach dem Sturz von Langzeitdiktator Omar al-Bashir wird das Land seit 2019 von einer Übergangsregierung geführt, die aus Zvilisten und Militärs besteht und den Sudan 2023 in Wahlen führen sollte. Doch zwischen den militärischen und zivilen Vertretern gab es zuletzt immer heftigere Konflikte. Schon im September gab es einen Putschversuch von Teilen des Militärs. Diesmal will die Armee offenbar nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern wieder die gesamte Macht an sich  reißen.

Gleich Montagfrüh nahmen Soldaten zahlreiche  Kabinettsmitglieder sowie Ministerpräsident Abdalla Hamdok fest. Diese sollen teilweise an unbekannte Orte verschleppt worden sein. Hamdok habe sich zuvor geweigert, den "Putsch" der Soldaten zu unterstützen, teilte das Informationsministerium mit. 

Auch sonst ging das Militär so vor, wie es das Drehbuch eines Putsches vorschreibt: Es legte Internet, Mobilfunk und Teile des Festnetzes lahm, stürmte Fernsehsender und sperrte den Flughafen der Hauptstadt Khartum. Zudem bezogen Militärkräfte und paramilitärische Einheiten auf den Straßen Khartums Stellung.

General Abdel Fattah al-Burhan kündigte auch die Auflösung der Regierung und des Souveränen Rates an, der bislang den Übergang zur Demokratie leitete. Burhan war selbst bis zuletzt Vorsitzender des Rates, den er soeben aufgelöst hat. Allerdings hätte er demnächst den Vorsitz an einen Zvilisten weitergeben sollen. Burhan begründete den Staatsstreich damit, dass Frieden und Sicherheit im Sudan gefährdet gewesen seien. Das Militär habe handeln müssen, um die Sicherheit des Landes zu schützen. Er verprach, dass die Armee den Übergang zur Demokratie fortsetzen werde.

Eine Ankündigung, die viele nicht für glaubwürdig hielten - waren doch gerade Vertreter der Demokratiebewegung und Zivilisten verhaftet worden.  Und auch wenn 2023 tatsächlich Wahlen stattfinden, glaubt kaum jemand, dass diese frei und fair sein werden, wenn sie das Militär orchestriert.

Aufrufe zum Ungehorsam

Allerdings ist es dem Militär zunächst nicht gelungen, das Informationsministerium unter Kontrolle zu bringen. Der Facebook-Mitteilung des Ministeriums zufolge hat der verschleppte Premier Hamdok die sudanesische Bevölkerung aufgerufen, "am Frieden festzuhalten und die Straßen zu besetzen, um die Revolution zu verteidigen". 

Gewerkschafts-und Berufsverbände riefen auf Facebook ebenfalls  zum Widerstand auf. Auch über die Lautsprecher der lokalen Moschee sei zum zivilen Widerstand aufgerufen worden, sagte ein Zeuge.

Sofort versammelten sich Gegner des Militärs, um gegen den Putsch zu demonstrieren. 
- © AFP

Sofort versammelten sich Gegner des Militärs, um gegen den Putsch zu demonstrieren.

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Und tatsächlich haben sich laut Berichten vor Ort zehntausende Demonstranten versammelt und einige von ihnen sind vor das Hauptquartier der Armee gezogen. Auch wird von brennenden Autoreifen und Protesten in verschiedenen Stadtvierteln berichtet.  Offenbar hat es bereits die ersten Zusammenstöße gegeben, der Verband der sudanesischen Mediziner berichtete von mehreren Verletzten. Auch Schüsse waren laut Berichten von Zeugen in Khartum, zu hören.

EU und USA alarmiert

Das Militär rechtfertigte sich in einer ersten Stellungnahme damit, dass es das Land beschützen müsse. Der Außenbeauftragte der Europäischen Union, Josep Borrell, erklärte, er verfolge die Geschehnisse mit "größter Besorgnis". Die USA zeigten sich nach den ersten Berichten über den Umsturzversuch "zutiefst alarmiert" und drohten mit der Aussetzung von Hilfsmitteln. Ein gewaltsamer Umsturz würde die demokratischen Bestrebungen des sudanesischen Volkes untergraben und sei "vollkommen inakzeptabel", schrieb der US-Sondergesandte für die Region, Jeffrey Feltman, auf Twitter. Auch der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Sudan, Volker Perthes, zeigte sich in einer Mitteilung "zutiefst besorgt" und rief beide Seiten zum Dialog auf. Zudem forderten zahlreiche Staaten die sofortige Freilassung aller nun festgenommenen Politiker.

Allerdings pflegt der Sudan enge Beziehungen zu China, das schon lange Erdöl aus dem ostafrikanischen Land bezieht. Auch mit vielen arabischen Staaten sollte sich ein sudanesisches Militärregime, wenn es denn die Macht behält, arrangieren können.

Entscheidend, wie groß der Widerstand ist

Eine entscheidende Frage ist nun, ob die gesamte Armee hinter dem Putsch steht oder ob es sich um eine Aktion einzelner Einheiten handelt. Zudem wird entscheidend sein, wie stark der Widerstand gegen den Putsch sein wird und wie lange er anhält.  Beim Sturz Bashirs hat sich die Bevölkerung von einer Gewaltkampagne der Armee nicht einschüchtern lassen und trotz Dutzender Todesopfer so lange protestiert, bis der Langzeitdiktator abgesetzt war. (red/reuters/apa)