Die Deutschen wussten noch Montagmittag offiziell von nichts, die Franzosen ebenso wenig. Die Mitteilung aus Ankara sei nicht eingetroffen, hieß es aus den Außenministerien in Berlin und Paris. Doch allein die Ankündigung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die Botschafter Deutschlands und Frankreichs sowie weiterer acht Länder auszuweisen, hatte für Aufregung im Westen gesorgt.

Denn aus diplomatischer Sicht ist dies ein Eklat. Zwar werden Botschafter bei bilateralen Verstimmungen oder Meinungsverschiedenheiten immer wieder ins Außenamt des jeweiligen Gastlandes zitiert. Doch aus dem Land rausgeworfen zu werden, steht schon auf einer höheren Eskalationsstufe.

Erdogan hatte am Wochenende die Diplomaten zu "Personae not gratae" erklären lassen. Anlass war deren Plädoyer, den seit 2017 ohne Urteil inhaftierten Kulturförderer Osman Kavala freizulassen. Dies hatte der Europäische Menschenrechtsgerichtshof bereits 2019 gefordert.

Die Ankündigung der Botschafterausweisung sorgte – auch ohne offizielle Benachrichtigung – für Kritik. Der deutsche Regierungssprecher äußerte "Sorge" und "Unverständnis". Im Kabinett des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell wurde die Situation als "sehr ernst" eingestuft. Eine ökonomische Reaktion blieb ebenfalls nicht aus – und zwar in der Türkei selbst. Die taumelnde Landeswährung Lira fiel am Montag erneut auf Rekordtiefstände.

Nicht-Einmischung erwünscht

Ein internationaler Aufschrei der Empörung blieb dennoch aus. Vielmehr schienen die betroffenen Staaten auf Beschwichtigung zu setzen. So betonte die US-Botschaft, sich an eine Konvention zu halten, die die Nicht-Einmischung in innere Angelegenheiten eines Gastlandes beinhaltet. "Die Vereinigten Staaten stellen fest, dass sie Artikel 41 des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen einhalten", teilte sie per Twitter mit. Laut Nachrichtenagentur Reuters übernahmen Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland dies, während Kanada, die Niederlande sowie Neuseeland jeweils eine ähnliche Nachricht sendeten. Was Erdogan prompt begrüßte.

Denn eine Fortsetzung des diplomatischen Streits würde die Beziehungen zwischen der Türkei und westlichen Partnern weiter eintrüben – und das ist beiden Seiten bewusst. Für die Nato ist das Land ein gewichtiges Mitglied, und die EU sieht sich von der Türkei in der Migrationsfrage abhängig. Sie hat einen Flüchtlingsdeal geschlossen, mit dem sich Ankara unter anderem dazu verpflichtet, zum Schutz der EU-Außengrenzen beizutragen.

Rückschritte in der Demokratie

Nicht zuletzt deshalb sind die Europäer vorsichtiger bei der Verhängung von Sanktionen – obwohl erst in der Vorwoche die EU-Kommission der Türkei ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hat. Im Bereich der Demokratie und Grundrechte habe es weitere Rückschritte gegeben, konstatierte die Brüsseler Behörde.

Kavala ist einer von vielen Inhaftierten. Hunderte Journalisten, Aktivisten und Regierungskritiker sind im Visier der türkischen Justiz, manche müssen jahrelange Haftstrafen verbüßen. Auch das Vorgehen gegen die von Kurden dominierte Oppositionspartei HDP wird immer schärfer. Etliche Abgeordnete und hunderte Mitglieder wurden festgenommen, Bürgermeister im mehrheitlich von Kurden bewohnten Südosten der Türkei abgesetzt. Gegen die Partei selbst läuft ein Verbotsverfahren.

Zu all dem bezieht der Westen allerdings selten deutlich Stellung.