Es ist eine äußerst umstrittene Umsiedelung: Bangladesch will zehntausende aus Myanmar (Burma) geflohene Rohingya auf eine abgelegene Insel bringen, die noch dazu überschwemmungsgefährdet ist. Nachdem die Regierung von Bangladesch die Übersiedlung nach internationalen Bedenken und Protesten zeitweise ausgesetzt hatte, will sie nun wieder damit beginnen.

Der stellvertretende Flüchtlingskommissar des Landes, Moozzem Hossain, teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, dass demnächst 2000 Rohingya auf die Insel Bhashan Char gebracht werden sollen. Bisher wurden fast 20.000 Rohingya auf die Insel überführt. Die letzte Gruppe wurde allerdings vor mehr als sechs Monaten auf die 60 Kilometer vom Festland Bangladeschs entfernte Insel umgesiedelt. Diese liegt in einem Gebiet, in dem es häufig starke Wirbelstürme gibt. Hunderte Menschen sind nach ihrer Umsiedlung wieder von der Insel geflohen - was oft aber auch damit zusammenhing, dass sie zu ihren Familien, von denen sie teilweise getrennt wurden, zurück wollten. Bangladesch will letztlich 100.000 der rund 900.000 Rohingya-Flüchtlinge auf der Insel unterbringen. Diese leben bisher in beengten Flüchtlingslagern auf dem Festland.

Flüchtlinge berichten, dass sie nicht freiwillig gehen

Behördenvertreter Hossain meinte, dass alle Umsiedlungen völlig freiwillig seien. Mehrere Flüchtlinge sagten hingegen, sie würden gezwungen, dorthin zu ziehen. "Wir wollen nicht nach Bhashan Char", sagte eine Rohingya, die anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. Sie erklärte, ein Anführer der Rohingya-Gemeinschaft in ihrem Lager habe ihren Namen ohne ihre Zustimmung auf die Liste gesetzt. Ein Anführer der Rohingya-Gemeinschaft, der ebenfalls anonym bleiben wollte, sagte, die Behörden hätten ihn und seine Kollegen aufgefordert, jeweils Listen mit mindestens fünf umzusiedelnden Familien vorzulegen.

International wird das Projekt ambivalent betrachtet. Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) hatte im vergangenen Monat mit den Behörden von Bangladesch eine Vereinbarung über die Bereitstellung von Hilfe und Schutz für die Flüchtlinge auf der Insel unterzeichnet - und damit dem Projekt auf gewisse Weise zugestimmt.


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Das Rote Kreuz wiederum hat vor "großen Problemen" gewarnt. Alexander Matheou, der Asien-Pazifik-Direktor der Organisation, sagte nach einem Besuch der Insel, dass die Wohnmöglichkeiten dort zwar gut organisiert seien. Gleichzeitig gebe es aber nicht genügend Jobs und auch keine ausreichende medizinische Versorgung. Das könnte "die Leute abschrecken, in größerer Zahl auf die Insel zu kommen", sagte Matheou der Nachrichtenagentur Reuters. Zudem würde die Flüchtlinge sehr bewegen, dass es keine Verbindungen zum Festland gebe, die es ihnen ermöglichen, am Festland verbliebene Familienmitglieder wiederzusehen.

Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Wacht" (HRW) forderte Bangladesch auf, weitere Umsiedlungen zu stoppen, bis den Flüchtlingen Bewegungsfreiheit garantiert werden könne. "Bangladeschs Abkommen mit der UNO vom Oktober bietet keinen Freifahrtschein für die Zwangsumsiedlung von Rohingya-Flüchtlingen", erklärte Bill Frelick, Direktor für Flüchtlings- und Migrantenrechte bei HRW.

Die Rohingya befinden sich in einer ausweglosen Situation, sie sind nämlich staatenlos. Obwohl sie über Generationen in Rakhine, einem Teilstaat von Myanmar gelebt haben, erkennt sie die Regierung nicht als Staatsbürger an.

Bangladesch wiederum will unbedingt den Eindruck vermeiden, es sei mit einer dauerhaften Ansiedelung der Rohingya einverstanden. Das dicht besiedelte, sehr arme Land, in dem auf der doppelten Fläche von Österreich 164 Millionen Einwohner leben, hat mit rund 900.000 Rohingya etwa ebenso viele Flüchtlinge aufgenommen wie Deutschland 2015, dabei aber auch internationale Hilfe bekommen.

Allein 650.000 Rohingya leben in dem Flüchtlingscamp Kutupalong, das damit eines der größten der Welt ist. Bangladesch fordert, dass Myanmar die Rohingya zurücknimmt. Doch die dort herrschende Militärjunta will davon nichts wissen und schert sich auch nicht um internationale Appelle.

Dörfer der Rohingya wurden niedergebrannt

Der Exodus der Rohingya aus Myanmar setzte im Sommer 2017 ein. Nachdem damals eine Rebellengruppe der Rohingya Grenz- und Polizeiposten angegriffen und dabei rund ein Dutzend Sicherheitskräfte getötet hatte, kam es zu einer gewalttätigen Antwort, bei der kein Unterschied zwischen Zivilisten und Untergrundkämpfern gemacht wurde. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt, was durch Luftaufnahmen dokumentiert ist, Flüchtlinge berichteten unabhängig voneinander von Plünderungen, Morden und Vergewaltigungen - sowohl durch das Militär als auch durch buddhistische Bürgermilizen.

Rohingya-Vertreter fordern daher für eine Rückkehr nach Myanmar umfassende Sicherheitsgarantien, in deren Bereitstellung und Überwachung die internationale Gemeinschaft eingebunden sein soll.(klh/apa/afp/reuters)