Die Ausbreitung einer neuen, möglicherweise sehr gefährlichen Variante des Coronavirus im südlichen Afrika hat international Besorgnis ausgelöst und zu ersten Einreisesperren in Europa geführt.

Inzwischen ist die Variante auch in Europa erstmals nachgewiesen worden. Die Untersuchung einer Virus-Probe in Belgien habe gezeigt, dass es sich um die in Südafrika aufgetauchte Variante B.1.1.529 handele, twitterte der bekannte belgische Virologe Marc Van Ranst am Freitag. Sie stamme von einem Reisenden, der am 11. November aus Ägypten zurück nach Belgien gekommen sei und am 22. November erste Symptome gezeigt habe. Van Ranst hatte zuvor erklärt, es gebe zwei auffällige Proben, die untersucht würden.

Verschärfte Einreisebestimmungen

Österreich hat am Freitag seine Einreisebestimmungen für Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini verschärft. Diese Länder würden als Virusvariantengebiete eingestuft, teilte das Gesundheitsministerium am Freitag mit. Einreisen aus diesen Staaten seien daher grundsätzlich untersagt. 

Österreichische Staatsbürger dürfen zwar noch nach Hause zurückkehren, müssen aber besonders strenge Quarantäneregelungen - zehntägige Quarantäne, PCR-Test bei der Einreise, Registrierung - einhalten. Zusätzlich werde ein Landeverbot für Flüge aus diesen sieben afrikanischen Ländern verhängt. Die Novelle tritt um Mitternacht in Kraft.

WHO: "Wir wissen noch nicht viel darüber"

Die WHO ruft angesichts der von vielen Staaten verhängten Reisebeschränkungen für das südliche Afrika zur Zurückhaltung auf. Sie sollten nicht vorschnell solche Maßnahmen wegen der neuen Corona-Variante verhängen, sagt ein WHO-Sprecher. "Die WHO empfiehlt den Ländern, bei der Umsetzung von Reisemaßnahmen weiterhin einen risikobasierten und wissenschaftlichen Ansatz zu verfolgen." Es dauere mehrere Wochen, die Übertragbarkeit der Variante B.1.1.529 und die Wirksamkeit von Impfstoffen festzustellen. "Wir wissen noch nicht viel darüber", sagt die technische Leiterin für Corona bei der WHO, Maria van Kerkhove. "Was wir wissen, ist, dass die Variante eine große Anzahl von Mutationen aufweist." Es bestehe die Sorge, dass dies das Verhalten des Virus beeinflussen könne.

Variante könnte resistenter gegen Impfstoffe sein

Experten befürchten, dass die Variante B.1.1.529 wegen ungewöhnlich vieler Mutationen nicht nur hoch ansteckend sei, sondern auch den Schutzschild der Impfstoffe leichter durchdringen könnte. 

Das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten NICD teilte am Donnerstag mit, es seien in Südafrika 22 Fälle der neuen Variante B.1.1.529 nachgewiesen worden. Mit mehr Fällen sei im Zuge der laufenden Genomanalysen zu rechnen. "Obwohl die Datenlage noch beschränkt ist, machen unsere Experten mit allen Überwachungssystemen Überstunden, um die neue Variante und die damit möglicherweise verbundenen Implikationen zu verstehen."

Südafrikas Gesundheitsminister Joe Phaahla erklärte, die neue Variante bestätige die "Tatsache, dass dieser unsichtbare Feind sehr unvorhersehbar ist". Er rief die Südafrikaner auf, Masken zu tragen, Abstand zu halten und insbesondere sich impfen zu lassen. "Wir haben auch das zusätzliche Mittel der Impfungen, das uns helfen wird, schwere Erkrankungen zu vermeiden, einschließlich, dass wir in Klinik enden oder sogar dem Virus zum Opfer fallen", sagte er.

In Südafrika ist die Impquote vergleichsweise niedrig, dennoch gibt es auf Grund der starken Corona-Wellen viele immune Menschen. In der Provinz Gauteng ist B.1.1.529 dennoch in kurzer Zeit zur dominierende Variante geworden. 
- © AFP

In Südafrika ist die Impquote vergleichsweise niedrig, dennoch gibt es auf Grund der starken Corona-Wellen viele immune Menschen. In der Provinz Gauteng ist B.1.1.529 dennoch in kurzer Zeit zur dominierende Variante geworden.

- © AFP

Einige Experten hegen aber bereits Zweifel, ob die Impfung auch gegen die neue Variante noch so gut funktioniert wie gegen den Delta-Stamm. Die derzeit verfügbaren Corona-Impfstoffe seien "fast sicher" weniger effektiv gegen B.1.1.529, sagte James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford, in der Radiosendung BBC 4 Today am Freitag. Auch der österreichische Virologe Florian Krammer, der an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York lehrt, hält es für nicht unwahrscheinlich, dass die neue Variante erstmals eine Anpassung der Impfstoffe notwendig macht. Zur Einschätzung brauche es aber noch mehr Daten. "Es ist zu früh, da etwas zu sagen", betont Krammer. Panik sei nicht angebracht, letztlich müsse man in Laborversuchen zeigen, wie gut die Impfstoffe dagegen wirken.

EU für massive Einreisesperren

Wegen der Ausbreitung einer neuen möglicherweise gefährlicheren Variante will die EU-Kommission Reisen aus dem südlichen Afrika in die EU auf ein absolutes Minimum beschränken. Die Brüsseler Behörde werde den EU-Staaten vorschlagen, die dafür vorgesehene Notbremse auszulösen um den Luftverkehr auszusetzen, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter mit. Die Echtheit des Tweet wurde der Deutschen Presse-Agentur bestätigt.

Mehrere Staaten schränkten bereits vorsorglich den Flugverkehr in die Staaten der Region ein - darunter neben Österreich auch Großbritannien und Israel. In Israel wurde bei einigen Personen die neue Südafrika-Variante aber bereits entdeckt.

Deutschland wird Südafrika ebenfalls  zum Virusvariantengebiet erklären, wie der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn Freitagfrüh mitteilte. Die Regelung trete heute Nacht in Kraft, Fluggesellschaften dürften dann nur noch deutsche Staatsbürger nach Deutschland befördern.

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, äußert sich beunruhigt wegen der in Südafrika aufgetretenen neuen Virusvariante. "Wir sind tatsächlich in sehr großer Sorge", sagt Wieler in Berlin. Bislang sei nach seiner Kenntnis aber noch kein Fall in Deutschland oder Europa festgestellt worden. Er ergänzt, die Gefährlichkeit könne noch nicht eingeschätzt werden.

Im Fokus steht aber vor allem die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien. Bisher wurden dort keine Fälle mit der neuen Variante festgestellt, die etwa 30 Mutationen aufweisen soll. Doch täglich kommen laut der Nachrichtenagentur PA 500 bis 700 Menschen allein aus Südafrika in dem Land an. Über die Weihnachtszeit wird mit einer höheren Zahl gerechnet. PA zitierte einen Experten der britischen Behörde für Sicherheit im Gesundheitswesen mit der Einschätzung, bei B.1.1.529 handele es sich um "die schlimmste Variante", die bisher gesehen wurde.  

Aktienmärkte unter Druck

Aus Furcht vor einem Rückschlag für die Weltwirtschaft durch die neue Coronavirus-Variante fliehen Anleger aus den Aktienmärktem. Der deutsche Leitindex Dax brach zur Eröffnung am Freitag um 3,4 Prozent auf 15.376 Punkte ein, so stark wie zuletzt vor einem Jahr. Der Wiener Aktienmarkt hat den Handel am Freitag ebenfalls mit deutlichen Kursverlusten begonnen. Der heimische Leitindex ATX rutschte kurz nach Sitzungsbeginn 3,9 Prozent auf 3.642,87 Zählern ab.

Besonders stark betroffen war dabei der Index der europäischen Reise- und Tourismuswerte, der um bis zu 7,3 Prozent einbrach. Zu den größten Verlierern zählte hier die Lufthansa, die mit einem Minus von zeitweise knapp 16 Prozent auf den größten Tagesverlust seit mindestens 30 Jahren zusteuerten.

"Solange man über Ansteckungsraten und Impfschutz nichts weiß, regiert an der Börse die Unsicherheit, und es wird verkauft", sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. "Und eine neue Variante, die durch Impfstoffe nicht bekämpft werden kann, ist wie ein neues Virus." (apa, reuters, dpa)