Mit strikten Reisebeschränkungen wollen zahlreiche Länder die Ausbreitung einer zuerst in Südafrika entdeckten neuen Corona-Virusvariante verhindern. Mehrere Länder, darunter Österreich, beschlossen die vorübergehende Einstellung des Reiseverkehrs mit mehreren Ländern im südlichen Afrika. Die WHO stufte die nun Omikron genannte Variante als "besorgniserregend" ein. Die Angst vor weitreichenden wirtschaftlichen Folgen der neuen Variante ließ die Börsen weltweit einbrechen.

Das zuständige Gremium der Weltgesundheitsorganisation stufte die nach dem griechischen Buchstaben Omikron genannte Variante als "besorgniserregend" ein, riet aber von Reisebeschränkungen ab. Der Erreger mit der wissenschaftlichen Bezeichnung B.1.1.529 "weist eine große Zahl von Mutationen auf", begründeten die Experten ihre Entscheidung.

Omikron könnte nach Angaben südafrikanischer Wissenschafter wegen der ungewöhnlich vielen Mutationen noch ansteckender sein als die derzeit grassierende Delta-Variante und die Impfstoffe weniger wirksam machen. Inzwischen wurde die Variante auch in Botswana, Hongkong, Israel sowie - als erstem EU-Land - in Belgien bei Reisenden aus Afrika nachgewiesen.

Und mittlerweile gibht es auch In Deutschland einen dringenden Verdachtsfall. Bei einem Reiserückkehrer aus Südafrika sind mehrere für Omikron typische Mutationen gefunden worden. "Es besteht also ein hochgradiger Verdacht, die Person wurde häuslich isoliert. Die vollständige Sequenzierung steht zum aktuellen Zeitpunkt noch aus", twitterte der hessische Sozialminister Kai Klose.
 

Gleich 61 positive Test aus Südafrika

Die jüngsten Nachrichten am Samstag lassen jedenfalls nichts Gutes Vermuten: Die zwei bestätigten Omikron-Infizierten in Hongkong weisen offenbar eine sehr schnell ansteigende Viruslast auf. Die PCR-Tests der zwei Männer, die wenige Tage zuvor noch negativ ausgefallen waren, enthielten einen Ct-Wert von 18 und 19. "Das ist wahnsinnig hoch, insbesondere wenn man bedenkt, dass die zwei bei den letzten PCR-Tests noch negativ waren", schreibt der Epidemiologe Eric Feigl-Ding, der lange Zeit an der Universität Harvard forschte. 

In den Niederlanden sind indes am Samstag gleich 61 Flugpassagiere aus Südafrika positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die niederländischen Behörden erklärten, die in Amsterdam positiv Getesteten würden in einem Quarantänehotel nahe des Flughafens untergebracht. Es werde nun untersucht, ob sie sich mit der neuen Virusvariante angesteckt haben.

Impfstoffe schützen "nach derzeitigem Ermessen"

Der deutsche Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich auch gegen die neue Variante B.1.1.529 des Coronavirus schützen, insbesondere gegen schwere Krankheitsverläufe. Davon sei "nach derzeitigem Ermessen" auszugehen, hieß es in einer Stellungnahme Drostens für das ZDF. Allerdings umgeht die neue Variante demnach offensichtlich zumindest teilweise die Immunantwort des Körpers.

Die EU-Kommission empfahl am Freitagabend nach Angaben eines Sprechers allen Mitgliedstaaten die vorübergehende Einstellung des Reiseverkehrs mit Südafrika, Botswana, Eswatini, Lesotho, Mosambik, Namibia und Simbabwe.

Österreich reagierte am Freitag prompt: Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini werden vom österreichischen Gesundheitsministerium als Virusvariantengebiete eingestuft und Einreisen aus diesen Ländern grundsätzlich untersagt. Zugleich spricht das Außenministerium eine Reisewarnung (Stufe 6) für die sieben afrikanischen Länder aus, teilte Außenminister Michael Linhart (ÖVP) mit. Das Außenministerium warnt somit vor allen touristischen und nicht notwendigen Reisen, einschließlich Urlaubs- und Familienbesuchsreisen in diese Länder. Außerdem gilt ein Landeverbot für die sieben Länder.

Etwa 170 Österreicher und Österreicherinnen sind nach Angaben des Außenministeriums derzeit als Reisende in den sieben afrikanischen Ländern registriert. Sie würden nunmehr SMS und Email erhalten, mit der Aufforderung sich zu melden, wenn sie Hilfe bräuchten, sagte eine Sprecherin von Außenminister Michael Linhart am Freitag gegenüber der APA. Den registrierten Reisenden werde dringend die Heimreise angeraten.

Drastische Einschränkungen beim Flugverkehr

Zusätzlich wird ein Landeverbot für Flüge aus diesen afrikanischen Ländern verhängt – wobei es aber ohnehin keine direkten Linienflüge gibt. Es ist fraglich, inwieweit dieses Einreiseverbot kontrolliert werden kann, da Einreisende aus den afrikanischen Staaten über Zwischenstopps ankommen: Ohne Eigenangaben der Passagiere sind die Bestimmungen daher schwer zu überprüfen. Für die Behörden ist es beispielsweise kaum möglich, auf den ersten Blick zu erkennen, wo Passagiere, die in einer Maschine aus Dubai oder Istanbul kommen, sich zuvor aufgehalten haben, erst recht, wenn die Flugtickets getrennt gebucht wurden.

Ähnlich wie Österreich reagierten andere europäische Länder: Deutschland, Frankreich, Italien oder Tschechien – ein EU-Land nach dem anderen erließ im Laufe des Freitags drastische Einreisebeschränkungen. Generell läuft es auf ein gesamteuropäisches Vorgehen hinaus: "Es ist jetzt sehr wichtig, dass wir in Europa schnell, entschlossen und einig handeln", sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. "Sämtliche Flugreisen in und aus diesen Ländern sollten unterbleiben, bis wir ein klares Verständnis darüber haben, wie gravierend die Mutationen dieser neuen Variante sind."

Auch Großbritannien setzte Flüge aus den afrikanischen Ländern vorerst aus. Großbritannien war das erste Land in Europa, in dem sich die nun vorherrschende, zuerst in Indien entdeckte Delta-Variante massiv verbreitete. Auch mit Südafrika pflegt Großbritannien einen regeren Austausch als andere europäische Länder. .

Zahlreiche weitere Länder, darunter etwa Kanada, Singapur, die Philippinen und mehrere arabische Staaten schlossen sich ebenfalls den Beschränkungen an. Israel verhängte ein Einreiseverbot für die meisten afrikanischen Länder - mit Ausnahme Nordafrikas.

In den USA gilt ab Montag ein Einreiseverbot aus den acht Staaten aus dem südlichen Afrika. Von den Beschränkungen ausgenommen seien einreisende amerikanische Staatsbürger, Menschen mit unbefristeter Aufenthaltsgenehmigung und andere Ausnahmefälle. Ähnliche Maßnahmen wurden in Kanada ergriffen. Präsident Joe Biden erklärte, andere Länder sollten dem Beispiel der USA folgen und mehr Impfdosen für ärmere Länder spenden.

Der südafrikanische Gesundheitsminister Joe Phaahla kritisierte die Einreiseverbote als "ungerechtfertigt". Außenministerin Naledi Pandor nannte die Maßnahmen "voreilig" und verwies auf den Schaden für die Tourismusindustrie und Unternehmen ihres Landes.

Auswirkungen noch unklar

Noch sind die Auswirkungen der neuen Virusvariante nicht klar. Nach den Worten eines WHO-Sprechers wird es "einige Wochen" dauern, bis Wissenschafter die Folgen verstehen können. Das deutsche Unternehmen BioNTech prüft jedoch bereits eine mögliche Anpassung seines bestehenden Corona-Impfstoffs. In spätestens zwei Wochen seien weiterführende Daten aus den Labortests zu erwarten, sagte ein Sprecher.

Sollte eine Anpassung erforderlich sein, hat Biontech nach eigenen Angaben schon vor Monaten mit seinem US-Partner Pfizer Vorbereitungen getroffen. Der mRNA-Impfstoff soll dann innerhalb von sechs Wochen angepasst werden, erste Chargen des angepassten Impfstoffs könnten innerhalb von 100 Tagen ausgeliefert werden. Das US-Unternehmen Moderna kündigte an, eine spezielle Auffrischungsimpfung gegen die Omikron-Variante zu entwickeln.

Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) äußerte sich allerdings zurückhaltender. "Die EMA hält es zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht, die Notwendigkeit eines angepassten Impfstoffs mit einer anderen Zusammensetzung zur Bekämpfung dieser neuen Variante vorauszusehen", erklärte die Behörde auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP. (apa/afp)