Die am Montag in Wien beginnenden neuen Atomgespräche mit dem Iran stehen unter keinem guten Stern. Nach Angaben von Experten hat der Iran den Weg zur Atombombe nochmals deutlich verkürzt. Laut einem am 19. November veröffentlichten Bericht des Institute for Science and International Security, eines Washingtoner Think Tanks, würden dem Iran drei Wochen reichen, um genügend waffenfähiges Uran für den Bau einer Atombombe herzustellen.

Das berichtete vor wenigen Tagen die "Neue Zürcher Zeitung". Der Grund für die verkürzte sogenannte "Breakout"-Dauer liege in den stark gewachsenen iranischen Vorräten an mittelstark (20 Prozent) und hoch (60 Prozent) angereichertem Uran. Dieses Spaltmaterial lässt sich relativ schnell auf 90 Prozent anreichern und damit in waffenfähige Form bringen.

Das Institut hatte die "Breakout"-Dauer im Fall des Iran noch im Februar wesentlich länger geschätzt, auf gut drei Monate. Im damaligen Szenario hätte das Teheraner Regime bei einem allfälligen Sprint in Richtung Atombombe nur auf Vorräte an schwach angereichertem Uran zurückgreifen können, was heute nicht mehr nötig wäre.

Iran will nicht über Atomprogramm verhandeln

Der Iran betont weiterhin, dass er keine Atombombe bauen will. Aber mit der technischen Voraussetzung, eine solche im Krisenfall sehr schnell herzustellen, erlangt es nun ein starkes Machtinstrument. Über sein Atomprogramm will der Iran in Wien auch nicht verhandeln. Es ginge nur darum, ob die USA zum Atomabkommen von 2015 zurückkehren und dass die Sanktionen gegen Teheran aufgehoben werden, heißt es unisono aus der aus Hardlinern bestehenden iranischen Führungsriege.

Der Iran verweigert auch der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) die geforderte Kooperation. In zwei Mitte November durchgesickerten Berichten übte die IAEA Kritik an Teheran. Einerseits beklagt sie sich über Irans Haltung im Streit um die Überprüfung mehrerer verdächtiger Anlagen. Die Wiener Aufsichtsbehörde verlangt Erklärungen zu drei Anlagen, in denen Atominspektoren Spuren von nuklearen Stoffen entdeckt haben, und zu einer vierten, die bis jetzt nicht inspiziert werden durfte. Iran verweigert die nötige Transparenz dazu bereits seit mehr als zwei Jahren. In diesem Sinnen beklagte sich auf IAEA-Chef Rafael Grossi.

Der frühere IAEA-Chefinspektor Olli Heinonen erklärte kürzlich in einem israelischen Privatsender, der Iran könne bereits als nukleare Schwellenmacht bezeichnet werden. Das beunruhigt die Israels sehr. Der israelische Premier Naftali Bennett erklärte am Sonntag, sein Land sei "sehr besorgt", dass die Weltmächte im Gegenzug für unzureichende Obergrenzen seines Atomprogramms Sanktionen gegen den Iran aufheben könnten.

Atomarer Rüstungswettlauf?

Laut Medienberichten bereitet sich das israelische Militär bereits darauf vor, notfalls im Alleingang den Iran am Bau der Atombombe zu hindern. Das könnte die Lage in der ohnehin hochexplosiven Nahostregion weiter verschärfen. Israel hat bereits in der Vergangenheit im Bau befindliche Atomanlagen im Irak und in Syrien zerstört. Außerdem steckt Israel mutmaßlich hinter Anschlägen auf iranische Nuklearphysiker und Cyberangriffen auf Atomanlangen. Auch Saudi-Arabien und die Golfemirate fühlen sich durch den Iran bedroht.

Sollte der Iran tatsächlich eine Atombombe bauen, könnte dies einen atomaren Rüstungswettlauf in der Region auslösen. Israel besitzt nach Expertenangaben einige Hundert Atomsprengköpfe. Sollte tatsächlich ein bewaffneter Konflikt zwischen dem Iran und Israel ausbrechen, wären die Folgen unabsehbar.

Um zu verhindern, dass die Islamische Republik in absehbarer Zeit zum Atombombenbau fähig ist, wurde 2015 in Wien zwischen dem Iran, den USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland das JCPOA genannte Atomabkommen geschlossen. Nachdem die USA unter Präsident Donald Trump 2018 aus dem Abkommen ausgetreten waren, fuhr der Iran sein Atomprogramm massiv hoch. Der Westen antwortete mit verschärften Wirtschaftssanktionen.

Frage der Uran-Anreicherung

Der Hauptstreitpunkt bei den langwierigen Atomgesprächen der internationalen Gemeinschaft mit dem Iran war die Frage der Uran-Anreicherung. Sie ist die Voraussetzung für den Betrieb eines Kernkraftwerks, aber auch für die Herstellung von Atombomben. Das Regime in Teheran, das auch ein ehrgeiziges Rüstungsprogramm betreibt, wurde besonders in der Zeit von Präsident Mahmoud Ahmadinejad verdächtigt, entgegen seinen Beteuerungen mit der Urananreicherung nicht nur zivile Ziele zu verfolgen.

Für den Betrieb eines Rektors muss spaltbares Uran-235 auf etwas mehr als drei, für eine Kernwaffe aber auf rund 90 Prozent angereichert werden. Neben der Urananreicherung gibt es noch einen anderen Weg zur Atombombe: Durch die Herstellung von Plutonium. Ein Programm mit sogenanntem "schweren Wasser" (Deuteriumoxid) in Arak erweckte bei Atomexperten besonderes Misstrauen. Laut dem Wiener Atomabkommen sollten unter anderem China und Großbritannien am Umbau des Reaktors Arak von Schwer- auf Leichtwasser mitwirken und ihn damit für die Plutonium-Produktion unbrauchbar machen. (apa)