Santiago de Chile. Die Wahlschlacht in Chile zwischen links und rechts, die das Land emotional aufgewühlt hat, ist geschlagen: In der Stichwahl um den Präsidentensessel hat sich mit Gabriel Boric der Kandidat des linken Wahlbündnisses "Apruebo Dignidad" (Ich stimme der Würde zu) durchgesetzt. Der erst 35 Jahre alte ehemalige Studentenführer, der auf 56 Prozent der Stimmen kam, wird damit ab März zum jüngsten Präsidenten in der Geschichte Chiles. Sein Gegenkandidat, der 55-jährige Jose Antonio Kast, der im ersten Wahlgang noch vorne lag, hatte mit 44 Prozent das Nachsehen.

Damit ist in Chile, einer relativ wohlhabenden Präsidialdemokratie, eine politische Richtungsentscheidung getroffen. Boric hatte sich im Wahlkampf für ein besseres öffentliches Bildungs- und Gesundheitswesen nach europäischem Vorbild eingesetzt und versprach zudem mehr Rechte für Migranten, Indigene und Homosexuelle. Sein rechter Gegenspieler, der deutschstämmige Kast, setzte hingegen auf Steuersenkungen, einen Grenzgraben gegen illegale Einwanderung und ein hartes Vorgehen gegen Kriminelle. Der neunfache Vater und strenggläubige Katholik von der Republikanischen Partei gilt außerdem als Sympathisant des früheren Diktators Augusto Pinochet. Im Wahlkampf sagte er: "Wenn Pinochet noch lebte, würde er mich wählen." Am Wahlsonntag erklärte Kast zudem, dass er eine knappe Niederlage anfechten werde. Wenn der Unterschied weniger als 40.000 Stimmen betrage, würde die Wahl "von den Wahlgerichten entschieden werden".

Neue Generation

Dazu ist es dann freilich nicht gekommen: Anders als von manchen befürchtet, gestand Kast nach der Stimmauszählung seine Niederlage ein und gratulierte Boric zum Wahlsieg: "Seit heute ist er der gewählte Präsident von Chile und verdient unseren Respekt und unsere konstruktive Mitwirkung", schrieb er auf Twitter. Auch der konservative Noch-Präsident Sebastian Pinera gratulierte per Twitter und wünschte Boric den "allergrößten Erfolg". Dieser werde "der Präsident aller Chilenen sein" und den Auftrag haben, "alle unsere Landsleute zusammenzuführen".

Das Überbrücken der Gräben zwischen links und rechts versprach auch Boric am Wahlabend vor jubelnden Anhängern. Der aus Punta Arenas an der Südspitze des Landes stammende Jungpolitiker hatte 2011 die Studentenproteste in Chile angeführt und war 2013 zum Abgeordneten gewählt worden. Er steht für eine neue Generation von Linkspolitikern, die in Chile vor allem seit den Protesten 2019 stark gewachsen ist. Damals gingen über Wochen hinweg jeden Tag Tausende auf die Straße, um soziale Reformen und den Rücktritt von Präsident Sebastian Pinera zu fordern. Eine ihrer wichtigsten Forderungen, die auch Boric unterstützte, konnten sie bereits durchsetzen: Derzeit arbeitet ein Konvent eine neue Verfassung aus. Der aktuelle Text stammt noch aus der Zeit der Militärdiktatur von Pinochet (1973-1990).

In Lateinamerika gilt Chile zwar als eine Art Musterbeispiel. Linke und rechte Staatschefs wechselten sich in den vergangenen Jahren ab, das Land und die Demokratie blieben stabil. Chile hat zudem das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Südamerika. Die Armut konnte in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesenkt werden. Doch die soziale Schere klafft immer noch weit auseinander. Weite Teile des Gesundheits- und Bildungswesens sind privatisiert, immer mehr Bürger fühlen sich abgehängt.(apa/leg)