Der Andrang war groß. Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kürzlich zu einem Afrika-Gipfel lud, gaben sich die afrikanischen Staatschefs bei persönlichen Gesprächen mit dem türkischen Präsidenten im einstigen Sultanspalast Dolmabahce in Istanbul die Türklinke in die Hand. Interessiert waren die Besucher dabei nicht nur an Infrastrukturprojekten, sondern auch und vor allem an türkischen Kampfdrohnen, die schon Aserbaidschan jüngst im Krieg mit Armenien eine klare Überlegenheit verschafft hatten.

Einer von Erdogans Gästen war Äthiopiens Premier Abiy Ahmed. Wie wichtig ihm dieser Termin war, zeigte allein schon der Umstand, dass Abiy persönlich gekommen war – befindet sich doch sein Land gerade im Bürgerkrieg und der aus dem Militär stammende Abiy ist als oberster Feldherr eigentlich unabkömmlich.

Tatsächlich haben nun offenbar Kampfdrohnen dem Konflikt zugunsten der äthiopischen Armee und mit ihr verbündeter Milizen eine Wende gegeben. Die Rebellen aus der nördlichen Region Tigray (TPLF), die vor ein paar Wochen noch bis knapp vor die Hauptstadt Addis Abeba marschiert waren, haben fast all ihre Geländegewinne wieder verloren und mussten sich in ihre Heimatregion zurückziehen. Während die TPLF von einem freiwilligen Rückzug sprach, verkündete Äthiopiens Regierung, dass man die TPLF aus den Regionen Afar und Amhara vertrieben hätte.

Kritik der USA am Drohnenexport

Äthiopiens Streitkräfte waren den Tigray-Rebellen – in deren Reihen sich zahlreiche erfahrene, frühere Armeekommandanten befinden – am Boden unterlegen gewesen. Doch setzte die Armee zuletzt verschiedenen Berichten zufolge massiv Kampfdrohen ein und trieb plötzlich die TPLF vor sich her. Schon im Oktober hatte Äthiopien laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters Drohen in der Türkei gekauft. Dies kritisierten nun die USA, die "humanitäre Bedenken" äußerten.

Die TPLF scheint nun nicht mehr daran zu glauben, dass sie dem Konflikt militärisch abermals eine Wende geben kann. Wollte sie bis vor kurzem noch Abiy stürzen, ruft sie nun nach einer internationalen Vermittlung.

TPLF-Anführer Debretsion Gebremichael forderte in einem Brief an die UNO, dass über Tigray eine Flugverbotszone verhängt wird als auch ein Waffenembargo gegen Äthiopien und das Nachbarland Eritrea, das Soldaten entsandt hat, um die äthiopische Armee zu unterstützen. Die Antwort der äthiopischen Regierung kam prompt: Debretsion hätte gar nicht mal das Mandat, eine derartigen Brief an die Vereinten Nationen zu versenden.

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Der Friedensnobelpreisträger Abiy – er bekam die Auszeichnung für die Beendigung des Konflikts mit dem einstigen Erzfeind Eritrea – hat zuletzt mit martialischen Worten die Kriegsstimmung in seinem Land angeheizt und will nun offenbar die TPLF endgültig besiegen. Diese hatte sich als größter Gegner seiner Präsidentschaft erwiesen.

Die TPLF hat vor dem Amtsantritt Abiys als führende Kraft der aus mehreren politischen Gruppierungen zusammengesetzten Staatspartei Äthiopien dominiert. Angehörige der Ethnie der Tigriner besetzten viele der höchsten Posten in Verwaltung, in Wirtschaft und Militär. Abyi, der Halb-Amhara und Halb-Oromo ist, hat die Tigriner nach und nach entmachtet, was diese wiederum empörte. Der Konflikt schaukelte sich hoch, bis es zur bewaffneten Eskalation kam – wobei beide Seiten einander die Schuld für den Ausbruch der Kriegshandlungen gaben.

Wie der Konflikt auch enden mag – der ostafrikanische Staat zahlt einen hohen Preis dafür. Die Kämpfe haben auch tausenden Zivilisten das Leben gekostet – wobei beiden Seiten schwere Übergriffe auf Unbewaffnete vorgeworfen werden. Der Krieg hat noch einmal den ethnischen Hass angeheizt, wobei Tigriner unter Generalverdacht gestellt wurden, mit der TPLF zu kollaborieren.

Darüber hinaus ist Äthiopien mit einer humanitären Katastrophe konfrontiert. Etwa 400.000 Bürgern in Tigray droht eine Hungersnot und mehr als neun Millionen Menschen benötigen Lebensmittelhilfe. (klh)