Bereits seit mehr als einem Jahr ist es um die Pandemielage in China deutlich besser bestellt als in vielen anderen Ländern. Das tägliche Leben und die Wirtschaft haben sich normalisiert. Die Null-Corona-Politik der Regierung hat dazu geführt, dass es fast keine Infektionen im Land gibt. Werden doch einzelne Fälle gemeldet, kann das den Lockdown einer ganzen Metropole zur Folge haben, wie derzeit die 13 Millionen Einwohner der zentralchinesischen Stadt Xi’an zu spüren bekommen. Dort waren in den vergangenen zwei Wochen rund 1.500 Infektionen aufgetreten. Schon nach den ersten Fällen durften die Menschen praktisch nicht mehr vor die Tür. Das soll so bleiben, bis es keine neuen Infektionen mehr gibt.

Mit Massentests, Ausgangssperren und strengen Quarantäne-Regeln bei der Einreise konnte China die Delta-Variante in Schach halten. Die Führung gibt sich zuversichtlich, dass dies auch bei der Omikron-Variante gelingen wird. China sei eine "uneinnehmbare Festung" für das Virus, wird in Staatsmedien kommentiert.

Doch Experten warnen vor den Folgen, sollten die Schutzmaßnahmen bei Omikron doch weniger bringen. Vor allem auf die Wirksamkeit der Impfstoffe komme es dann an, sagt Sebastian Ulbert, Impfstoff-Experte am deutschen Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie. In China werden hauptsächlich die Impfstoffe von Sinovac und Sinopharm verwendet, die abgetötete Coronaviren enthalten. Zwar liegt die Quote der vollständig Geimpften bei rund 85 Prozent. Bisher unveröffentlichte Studien hatten kürzlich jedoch Hinweise geliefert, dass die beiden Vakzine eine unzureichende Antikörperantwort gegen Omikron auslösen könnten. Ulbert verweist jedoch auf die "noch extrem dünne Datenlage", derzeit könne nur spekuliert werden.

Hinzu kommt, dass Anfang Februar die Olympischen Winterspiele in Peking starten und tausende Menschen aus aller Welt ins Land kommen. Peking will die Spiele komplett in eine "Blase" verbannen, in der es keinerlei Kontakt zum Rest der Hauptstadt geben soll. Völlig unklar ist aber, wie China vorgehen würde, sollte es innerhalb der Blase zu einem großen Ausbruch kommen.

Britische Armee hilft in Spitälern aus

Weil es im Rest der Welt einen weitaus höheren Anteil an Covid-19-Genesenen als in China gibt, geht Timo Ulrichs, Experte für Globale Gesundheit an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin, davon aus, dass die chinesische Bevölkerung nur einen sehr begrenzten Schutz vor klinischen Verläufen und noch weniger vor Infektionen hat. Das bedeute, die Ausbreitung von Omikron ließe sich noch schwerer unterbinden als etwa in Europa.

Dort macht die Variante in Großbritannien bereits 90 Prozent aller Corona-Fälle aus - bei Anzeichen für eine Abflachung der Infektionskurve. Zuletzt wurden landesweit knapp 180.000 positiv Getestete gemeldet, am Dienstag waren es noch fast 219.000. Aufgrund der Personalmängel hilft seit Freitag die Armee in Krankenhäusern aus. In den kommenden drei Wochen sollen in London 200 Militärangehörige in der britischen Hauptstadt im Einsatz sein. Außerdem sollen 32 Soldatinnen und Soldaten im Rettungsdienst aushelfen. Auch außerhalb der Hauptstadt sind Militärangehörige im Einsatz, um die Behörden bei der Bewältigung der Pandemie zu unterstützen. Strengere Einschränkungen wie Lockdowns lehnt die Regierung unter Verweis auf die verhältnismäßig geringe Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle bei Omikron ab.

Strengere Gastronomie-Regeln in Deutschland

Auch im größten Staat Europas, Deutschland, setzt sich die Variante immer stärker durch. 44 Prozent aller Corona-Fälle sind es mittlerweile, vor einer Woche waren es erst 16 Prozent. Die Impfkampagne stockt allerdings. Am Freitag meldete das staatliche Robert-Koch-Institut, dass tags zuvor rund 596.000 Impfdosen verabreicht wurden - das ist erneut weit unter dem nötigen Schnitt, um auf die von der Regierung angestrebten 30 Millionen Impfungen im Jänner zu kommen.

Ein zusätzlicher Anreiz, impfen zu gehen, soll mithilfe strengerer Regeln in der Gastronomie erzielt werden. Wer Restaurants oder Cafés besuchen möchte, aber nur doppelt geimpft ist, muss künftig auch ein negatives Testergebnis vorweisen. Dies entfällt bei Personen, die bereits ihre Boosterimpfung erhalten haben. Drauf einigten sich Kanzler Olaf Scholz (SPD) und die 16 Ministerpräsidenten bei einem Treffen am Freitag. Die Omikron-Variante werde Deutschland noch lange beschäftigen, sagte Scholz und warnte: Die Infektionszahlen würden weiter steigen. (apa, reu, dpa)