In der Ostukraine hat sich die militärische Lage am Freitag maßgeblich verschlechtert. Wie Reporter der Agentur AFP berichten, gab es am Freitag massive Bombardements im Donbass und in Luhansk. In Donezk ereignete sich eine heftige Detonation, ein Auto explodierte.  Nach Angaben des Chef der Donezker Separatisten, Denis Puschilin, steuert die Situation im Donbass auf einen Krieg zu. "Leider ja", sagte Puschilin in einer Sendung des Fernsehsenders "Rossija 24" und beantwortete damit die Frage, ob die Lage im Donbass auf einen ausgewachsenen Krieg zusteuere. Das berichtete die Agentur RIA Nowosti am Freitag.

Nachdem Diplomaten von den heftigsten Kämpfen seit 2015 berichteten, forderte die prorussische Führung der Separatistengebiete die Zivilbevölkerung zur Flucht nach Russland auf. Der russische Präsident Wladimir Putin sprach im Rahmen einer Pressekonferenz in Minsk von einer "Verschlechterung der Lage", sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron nannte sie "sehr besorgniserregend".

Zuerst sollten "Frauen, Kinder und ältere Leute" in Sicherheit gebracht werden, so Puschilin, in einer Ansprache. "Eine zeitweise Ausreise bewahrt Ihnen und Ihren Verwandten das Leben." Die ersten Evakuierungen nach Russland haben dabei offenbar bereits am Freitag begonnen. Die Separatisten versammelten Kinder bei einem Waisenhaus, um sie nach Russland zu bringen. In Absprache mit den russischen Behörden sollen in Rostow im Süden Russlands Unterkünfte bereitgestellt worden sein.

Nach Angaben der Agentur Reuters sollen 700.000 Menschen aus der Region nach Russland evakuiert werden. Putin ordnete an, jeder Flüchtling solle 10.000 Rubel (114 Euro) bekommen. Der Präsident habe angewiesen, dass die Menschen untergebracht werden, warmes Essen bekommen und erhielten, was sie sonst noch brauchten, darunter auch medizinische Versorgung, hieß es in einer Stellungnahme.

"Wir werden siegen"

Die Separatisten warfen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor, er wolle "in nächster Zeit" eine Offensive starten. Puschilin sagte, dass die Kampftruppen bereit seien, das "Staatsgebiet" gegen einen Angriff der Ukraine zu verteidigen. "Wir werden siegen", sagte er zum Ende der Videobotschaft.

Ähnlich wie Puschilin äußerte sich kurze Zeit später auch die Führung der zweiten Separatisten-Republik Luhansk. Auch von dort sollten Zivilisten evakuiert werden. Wenig später berichteten Augenzeugen davon, dass im Zentrum der Separatistenhauptstadt Donezk lautes Sirenengeheul zu hören war.

Der Russland-Experte Gerhard Mangott betonte jedoch, dass ein Einmarsch Russlands im Donbass strategisch wenig sinnvoll wäre. "So beunruhigend die Lage im Donbass auch ist, ein russischer militärischer Vorstoß in diesem Gebiet würde zum Ende der Gespräche mit dem Westen führen, Sanktionen würden folgen und Russland wäre seinem Ziel, die Ukraine rechtsverbindlich außerhalb der Nato zu halten, keinen Schritt näher", betonte der Innsbrucker Politologe auf Twitter.

"Moskau sucht Vorwand"

Nach Ansicht der USA war Russland zuletzt damit beschäftigt, einen Grund für einen Einmarsch in die Ukraine zu konstruieren. Laut Moskau benutzt die ukrainische Seite schwere Waffen, was gemäß Minsker Abkommen verboten ist. In Kiew hingegen heißt es, man sei von den Separatisten mit Artillerie beschossen worden und habe selbst das Feuer nicht erwidert. Auch Sabotageakte haben man keine gesetzt, heißt es hier.

Einen Abzug russischer Einheiten von der Grenze zur Ukraine, wie von Moskau behauptet, kann man in den USA indes nicht feststellen. Vielmehr habe Russland mittlerweile 168.000 bis 190.000 Soldaten in der Nähe der Ukraine zusammengetrommelt. Ende Jänner seien es erst 100.000 gewesen. Laut USA beobachte man derzeit die "umfassendste militärische Mobilmachung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges". Die russische Armee hat unterdessen ein Manöver mit Einsatz ballistischer Raketen angekündigt. Die Übung steht unter Führung des Präsidenten Wladimir Putin, Ziel ist es laut Moskau, die Zuverlässigkeit der strategischen Nuklearwaffen zu testen. Die Armee will demnach ballistische Raketen und Marschflugkörper abfeuern.

"Brauchen Waffen"

Bei der aktuellen Münchner Sicherheitskonferenz, die am Freitag startete, ist die eskalierende Krise in der Ukraine das dominante Thema. Anwesend waren unter anderen US-Außenminister Antony Blinken und die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock. "Heute, das müssen wir so deutlich sagen, droht neuer Krieg - mitten in unserem Europa", warnte Baerbock. "Russland spricht mit seinem Truppenaufmarsch eine absolut inakzeptable Drohung aus. Gegenüber der Ukraine. Aber auch gegenüber uns allen - und unserer Friedensarchitektur in Europa." Wenn es zu einem russischen Angriff auf die Ukraine komme, dann hätte dies massive Konsequenzen für Russland - finanziell, politisch und wirtschaftlich, warnte sie.

US-Außenminister Antony Blinken nahm in München Bezug auf die aktuell heftigeren Gefechte in der Ostukraine. Alles, was derzeit zu beobachten sei, sei "Teil eines Szenarios, das bereits im Gange ist: nämlich falsche Provokationen zu schaffen, dann auf diese Provokationen reagieren zu müssen und schließlich eine neue Aggression gegen die Ukraine zu begehen", so Blinken.

Kritik kam vom Kiewer Bürgermeister und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko, der in München im Publikum saß. "Gerade jetzt brauchen wir mehr Verteidigungswaffen", so Klitschko in Richtung Deutschland, das keine Offensivwaffen beisteuern will.