Der Name ist Programm: Truth Social nennt der frühere US-Präsident Donald Trump seine Online-Plattform. Mit diesen Schlagworten teilt der Republikaner mit, dass er und seine Mitstreiter nun eine Social-Media-Plattform zur Verfügung stellen, auf der die Wahrheit ausgesprochen werden kann und die nicht von den angeblichen "Fake News" der großen Tech- und Medienkonzerne beherrscht wird. Trump lässt so seine Version von Wahrheit viral gehen.

Die Plattform schien sich bei ihrem Start großer Beliebtheit zu erfreuen - oder sie hatte technische Probleme: Seit Montag ist es in den USA nämlich möglich, sich Truth Social im App-Store von Apple herunterzuladen - doch zahlreiche Benutzer, die das machen wollten, wurden auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet, weil der Andrang zu groß sei. Auch wurden schon Wartelisten für diejenigen eröffnet, die Truth Social später einmal über das Android-System von Google verwenden wollen.

Trump umgeht Sperre
auf Twitter und Facebook

Vom Design und der Aufmachung her ähnelt der Trumpsche Kurznachrichtendienst enorm dem Giganten Twitter. Die Buttons für Funktionen wie dem Weiterleiten und Kommentieren einer Nachricht schauen mehr oder weniger gleich aus Das zeigt ein Screenshot von Trumps erstem Post, in dem er seine Anhänger auffordert, für den neuen Dienst bereit zu sein, und den sein Sohn Donald Trump Jr. ausgerechnet auf Twitter weiterleitete.

Es ist auch der Beziehung von Trump zu dem global weitaus erfolgreichsten Kurznachrichtendienst geschuldet, dass der 75-Jährige nun seine eigene Plattform startet. Trump galt als der erste "Twitter-Präsident", so umfassend hatte er den Dienst genutzt: Er kommentierte darauf die politische Lage, pries seine Anhänger und verhöhnte seine Gegner. Und das immer wieder überraschend und explosionsartig, wobei ein besonderes Trump’sches Stilmittel die Großbuchstaben, mit denen er seine Botschaften in die Welt herausbrüllte, waren.

Trump hatte damit einen direkten Kanal, um seine Anhänger jederzeit zu mobilisieren und seine Botschaften direkt, ohne die Vermittlung klassischer Medien, zu transportieren. Twitter wiederum erhielt durch Trump jede Menge Klicks und Traffic, hatte aber in liberalen Kreisen auch mit einem Imageverlust zu kämpfen.

Doch gegen Ende der Trump-Präsidentschaft, als Twitter Kommentare des Präsidenten als "möglicherweise irreführend" kennzeichnete, bröckelte die Beziehung zusehends. Und sie zerbrach vollends, als Trump nach seiner Niederlage gegen Joe Biden die mittlerweile schon dutzendfach widerlegte Lüge, dass ihm die Wahl gestohlen wurde, in die Welt posaunte, was im Sturm seiner Anhänger auf das Kapitol gipfelte. Twitter und auch Facebook und YouTube sperrten daraufhin den Republikaner, was ihm angesichts der Marktmacht dieser Kommunikationsriesen enorm viel Öffentlichkeit nahm.

Nun will Trump seine Gegenöffentlichkeit schaffen. Er ist nicht der Erste, der das versucht. Bisher ist es alternativen Plattformen wie Gettr, Parler und Rumble aber nicht gelungen, eine große Kundschaft zu erreichen. All diesen Anbietern ist gemein, dass sie sich als Verfechter der freien Meinungsäußerung inszenieren und damit Nutzer anziehen wollen, die es angesichts des verstärkten Vorgehens gegen Hassrede und Falschinformationen immer schwerer bei den großen Technologieriesen haben.

Truth Social reiht sich hier ein - und Trump ist es zuzutrauen, dass er der Erste ist, der einen Dienst kreiert, der tatsächlich eine größere Konkurrenz zu Big Tech wird. Erstens sind offenbar die finanziellen Mittel dafür vorhanden. Hinter Truth Social steht die vom früheren US-Abgeordneten Devin Nunes geführte Trump Media & Technology Group (TMTG). Das Unternehmen hatte im Dezember bei privaten Investoren rund eine Milliarde Dollar eingesammelt, und man will auch an die Börse gehen. Zweitens steht Trumps Anhängerschaft noch immer fest hinter ihm: Laut jüngsten Umfragen glauben 70 Prozent der republikanischen Wähler Trumps Lüge vom Wahlbetrug.

Die Republikaner stehen wieder im Bann von Trump

Weil weiter so viele Anhänger so fest hinter dem Ex-Reality-TV-Star stehen, unterwirft sich ihm die Republikanische Partei wieder immer mehr. Die Republikaner haben ihre Kooperation bei der Aufarbeitung des Sturms auf das Kapitol gänzlich beendet. Stattdessen pilgert der Großteil der Abgeordneten wieder nach Mar-a-Largo, dem Luxusanwesen von Trump in Florida, und huldigt dem Ex-Präsidenten öffentlich.

Ganz besonders kann man sich dessen Gunst nun erwerben, wenn man für Truth Social wirbt. Bezeichnend dafür ist der Tweet des Kongressabgeordnete Ronny Jackson: "Ich bin bereit für TRUTH SOCIAL, und ich bin bereit, dass Donald Trump ZURÜCK ins Weiße Haus kommt!"

Der glühende Trump-Anhänger gehört damit einer Reihe von Republikanern an, die lautstark eine erneute Präsidentschaftskandidatur ihres Idols fordern. Auch Trump selbst lässt wenig Zweifel offen, dass für ihn das Kapitel Präsidentschaft noch nicht beendet ist. Mit Truth Social hat er nun ein Kampagnenwerkzeug geschaffen, das ihm bei einem erneuten Kampf um das höchste Staatsamt dienlich sein kann. Es ist wohl auch kein Zufall, wann die App gelauncht wurde. Der 21. Februar ist in den USA der "President’s Day".