Putin beherrscht Europa, oder zumindest steht Europa in seinem Bann. Die gesamte politische Debatte dreht sich derzeit darum, was der Mann im Kreml als nächstes denkt und macht. Deshalb sollte man ihm vielleicht für seine gestrige Rede, so propagandistisch sie auch war, dankbar sein.

Der russische Präsident hat nämlich ganz klar gesagt, dass er der Ukraine als eigenständigem Staat ihre Existenz aberkennt. Und er hat der ukrainischen Führung, nachdem er massiv Truppen an der Grenze stationiert hat und nun in ukrainisches Territorium einmarschiert, in einer abstrusen Täter-Opfer-Umkehr gedroht, dass sie für das künftige Blutvergießen verantwortlich sein wird.

Was auch in der Vergangenheit war und so sehr auch der Westen in seinen Beziehungen zu Russland, etwa bei der umstrittenen Nato-Osterweiterung, Porzellan zerschlagen hat – für die Zukunft sollte wahrscheinlich gelten: Lasst alle Hoffnung fahren, rechnet mit dem Schlimmsten. Putin wird die Ukraine als Staat weiter kaputt machen, so lange sie sich nicht Russland und seinem Willen ergibt. Und er hat den Boden für einen Einmarsch in die Gesamtukraine bereitet.

Für die EU stellt sich damit die Frage: Wie viel ist sie bereit, selbst zu opfern, um der Ukraine beizustehen? Und wie will sie einer Atommacht an ihrer Grenze  begegnen, deren Staatschef sein Land militärisch wieder zur Weltmacht machen will (und derzeit auch macht), und der offenbar nur noch in Stärke und Schwäche und nicht in Kompromissen denkt?

Eine erste Antwort werden die Sanktionsberatungen zeigen. Klar ist aber: Die EU, die sich als Friedensprojekt definiert, ist nun mit einem Nachbarn konfrontiert, der in ganz anderen Kategorien denkt – und der den Westen ganz offenbar als Feind sieht.