Der russische Präsident Wladimir Putin hat die ukrainische Armee aufgefordert, die Macht in Kiew zu übernehmen und Präsident Wolodymyr Selenskyj und sein Umfeld zu stürzen. "Nehmt die Macht in Eure Hände. Mir scheint, Verhandlungen zwischen euch und uns wären einfacher", sagte Putin am Freitag in einer an die ukrainischen Streitkräfte gerichteten Rede, die im russischen Fernsehen übertragen wurde.

Die Mitglieder der ukrainischen Regierung bezeichnete Putin als "Bande von Drogenabhängigen und Neonazis" und "Terroristen".

Die russischen Truppen hatten zuvor bei ihrem Angriff auf die Ukraine nach eigenen Angaben die ukrainische Hauptstadt von Westen her blockiert. Der strategisch wichtige Flugplatz Hostomel nordwestlich von Kiew sei eingenommen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Freitag der Agentur TASS zufolge mit. Dabei seien 200 Ukrainer getötet worden. Eigene Verluste gebe es nicht, behauptete das Ministerium.

Verhaltene Stille und ausgestorbene Straßen im Zentrum von Kiew. 
- © afp / Daniel Leal

Verhaltene Stille und ausgestorbene Straßen im Zentrum von Kiew.

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Von ukrainischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung. Zuletzt hatte die Führung in Kiew mitgeteilt, Angriffe auf Hostomel zurückgeschlagen zu haben. Dabei hätten die russischen Truppen schwere Verluste erlitten. Das ukrainische Verteidigungsministerium teilte mit, bisher seien insgesamt mehr als Tausend russische Soldaten in Kämpfen in der Ukraine getötet worden.

Den russischen Angaben zufolge blockieren russische Truppen zudem die Stadt Tschernihiw unweit der Grenze zu Belarus. "Zum jetzigen Zeitpunkt haben die Einheiten der Streitkräfte der Russischen Föderation die Blockade der Stadt Tschernihiw abgeschlossen", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Er versicherte zudem, Russland werde keine Wohngebiete in Kiew angreifen. "Russische Soldaten unternehmen alle Maßnahmen, um Verluste in der Zivilbevölkerung zu verhindern."

Die russischen Truppen würden noch "Aufgaben" in Kiew und anderen Städten übernehmen. Sie hätten Tapferkeit und Heldenmut gezeigt. Der ukrainischen Führung warf das Ministerium Terrormethoden vor. Sie missbrauche Zivilisten als Schutzschilde.

Offensive fortgesetzt

Russische Streitkräfte haben ihre Offensive gegen die ukrainische Hauptstadt am Freitag fortgesetzt. Es habe "schreckliche Raketenangriffe auf Kiew" gegeben, schrieb der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba am frühen Morgen auf Twitter. "Das letzte Mal, dass unsere Hauptstadt so etwas erlebt hat, war 1941, als sie von Nazi-Deutschland angegriffen wurde." Medienberichten zufolge waren Schüsse in der Nähe des Regierungsviertels zu hören. Bürgermeister Vitali Klitschko sagte am Freitag: "Die Stadt ist im Verteidigungsmodus". Der Feind will die Hauptstadt auf die Knie zwingen und uns zerstören", sagte er in einer Pressekonferenz.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte an, in Kiew zu bleiben. Er teilte mit, bislang seien bei den Kämpfen 137 Militärangehörige und Zivilisten getötet und Hunderte Menschen verletzt worden.

Zugleich bat Selenskyj die Nato um Hilfe. "Wir brauchen eine Anti-Kriegs-Koalition", schrieb er auf Twitter. In einem Gespräch mit Polens Präsident Andrzej Duda bat Selenskyj nach eigenen Angaben um militärische Unterstützung der osteuropäischen Nato-Staaten und um Hilfe, Russland wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. In einer Video-Botschaft sagte Selenskyj, er sei sich darüber im Klaren, dass es der russische Präsident Wladimir Putin vor allem auf ihn abgesehen habe. "Der Feind hat mich zum Ziel Nummer eins erklärt", sagte er. "Meine Familie ist das Ziel Nummer zwei. Sie wollen die Ukraine politisch zerstören, indem sie das Staatsoberhaupt zerstören", sagte er und fügte hinzu: "Ich werde in der Hauptstadt bleiben. Meine Familie ist auch in der Ukraine."

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Nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums hat Russland in den vergangenen 24 Stunden 33 zivile Ziele getroffen. Zwei Kinder seien getötet worden. Die ukrainischen Streitkräfte hätten ein feindliches Flugzeug über Kiew abgeschossen. Das Flugzeug sei in ein Wohnhaus gestürzt und habe dieses in Brand gesetzt, schrieb ein Berater des Innenministeriums, Anton Heraschtschenko, auf dem Messenger-Dienst Telegram. Für Freitags rechnete die ukrainische Regierung mit Panzerangriffen auf die Hauptstadt Kiew. "Heute wird der härteste Tag", sagte Heraschtschenko. Die Verteidiger von Kiew stünden mit Panzerabwehrraketen bereit, die von Verbündeten stammten.

Auch aus anderen Landesteilen wurden Gefechte gemeldet. Intensive Kämpfe gab es demnach in der Stadt Sumy im Nordosten des Landes. Luftalarm wurde auch in Lwiw im Westen der Ukraine ausgelöst. In Saporischschja im Südosten des Landes wurde ein Grenzposten von einer Rakete getroffen. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben. Mittlerweile sind nach Schätzungen rund 100.000 Menschen auf der Flucht. Viele versuchen in Nachbarländer wie Polen zu gelangen. Auch Deutschland stellt sich auf die Ankunft von Flüchtlingen ein.

Die ukrainische Regierung bat Hacker um Hilfe, um kritische Infrastrukturen zu schützen und russische Truppen im Cyberspace auszuspionieren, wie zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten. Eine entsprechende Anfrage der Regierung sei in Hackerforen aufgetaucht. Nach Angaben amerikanischer und ukrainischer Regierungsvertreter ist es das Ziel Russlands, Kiew einzunehmen und die Regierung zu stürzen. Das russische Präsidialamt hatte am Donnerstag erklärt, die Ukraine müsse von "Nazis" gesäubert und befreit sowie entmilitarisiert werden.

"Er muss und wird scheitern"

Die EU und andere westliche Staaten verhängten unterdessen weitere Sanktionen gegen Russland. Die EU-Finanzsanktionen zielten auf 70 Prozent des russischen Bankenmarkts und auf wichtige Staatsunternehmen ab, twitterte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach einem Krisengipfel der EU-Staats- und Regierungschefs. "Diese Ereignisse markieren den Beginn einer neuen Ära. Putin versucht, ein befreundetes europäisches Land zu unterjochen. Er versucht, die Landkarte Europas mit Gewalt neu zu zeichnen. Er muss und wird scheitern."

Uneins scheinen die EU-Staaten in der Frage, ob Russland aus dem internationalen Zahlungssystem Swift ausgeschlossen werden soll. Bundeskanzler Olaf Scholz will sich diese harte Maßnahme noch aufsparen. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) sagte, es gehe jetzt darum, scharfe Sanktionen gegen Russland umzusetzen. "Alle Optionen liegen auf dem Tisch." Es gebe schon eine Blockade russischer Banken. Weitere Schritte seien aber möglich, sagte Lindner in Paris, wo die EU-Finanzminister am Freitag beraten.

US-Präsident Joe Biden kündigte an, russischen Banken die Abwicklung von Geschäften zu erschweren. Auch Japan legte nach und nimmt bei den Strafmaßnahmen nun auch Banken ins Visier. Australien verhängte weitere Sanktionen, die auf Einzelpersonen und Abgeordnete abzielen, wie Australiens Regierungschef Scott Morrison mitteilte. Australien werde bei den Sanktionen zusammen mit seinen Partnern arbeiten und den Druck auf Russland erhöhen. Morrison kritisierte zudem China, weil die Volksrepublik derzeit die Handelsbeschränkungen mit Russland lockere. (reuters)