Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Nuklearstreitkräfte seines Landes in Alarmbereitschaft versetzt. Das habe er wegen des aggressiven Verhaltens der Nato und der westlichen Wirtschaftssanktionen der russischen Militärführung befohlen, sagte Putin am Sonntag im Fernsehen – wiewohl die russischen Truppen auf Putins Befehl Krieg gegen die demokratische Ukraine führen.

"Wie Sie sehen können, ergreifen die westlichen Länder nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht unfreundliche Maßnahmen gegen unser Land" sagte Putin im staatlichen TV. "Ich meine die illegalen Sanktionen, die jeder sehr gut kennt." Zudem erlauben sich Spitzenvertreter der führenden Nato-Länder auch "aggressive Äußerungen gegenüber unserem Land".

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sieht die Anweisung Putins als Druckmittel gegen die Ukraine. "Wir sehen diese Ankündigung als Versuch, zusätzlichen Druck auf die ukrainische Delegation auszuüben", sagte Kuleba am Sonntag vor Journalisten. Er bezog sich damit auf Verhandlungen zwischen Russland und die Ukraine, die noch am Sonntag beginnen sollten. "Aber wir werden diesem Druck nicht nachgeben."

"Katastrophe für die gesamte Welt"

Die Ukraine sei bereit, sich Russlands Positionen anzuhören, sagte Kuleba. Für die Gespräche an der ukrainisch-belarussischen Grenze seien Kiew keine Bedingungen gestellt worden, teilte das ukrainische Präsidialamt mit. "Dann werden wir ihnen sagen, was wir darüber denken. Wir sind bereit, darüber zu diskutieren, wie wir den Krieg beenden können", sagte der Kuleba. Er betonte, die Ukraine werde weder kapitulieren noch einen Teil ihres Territoriums abgeben. Sollten Atomwaffen gegen die Ukraine eingesetzt werden, "dann habe ich eine einfache Botschaft: Es wird in einer Katastrophe für die gesamte Welt enden."

Trotz der Verweise Putins rechnete das renommierte Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri zuletzt nicht damit, dass der Ukraine-Krieg zum Einsatz von nuklearen Waffen führen wird. Aber: "Wenn Atomwaffen existieren, dann gibt es leider natürlich immer diese kleine Möglichkeit. Und das wäre katastrophal", sagte Sipri-Direktor Dan Smith. Laut Sipri-Jahresbericht verfügte Russland Anfang 2021 über 6.255 Atomwaffen, die USA über 5.550 solcher Sprengkörper. Die neun Atommächte der Erde haben schätzungsweise 13.080 Waffen in ihrem Besitz.

In einer ersten Reaktion auf Putins Ankündigung erklärten die USA, Russland eskaliere den Konflikt auf inakzeptable Weise. Das sagte die UN-Botschafterin der USA, Linda Thomas-Greenfield, dem Sender CBS. Dass Putin die Atomstreitkräfte jetzt in Alarmbereitschaft versetzt habe, folge einem Muster, sagte später die Sprecherin des Präsidialamtes in Washington, Jen Psaki. Putin konstruiere Gefahren, die es nicht gebe, um damit eine russische Aggression zu rechtfertigen. "Wir werden dem entgegentreten", so Psaki. "Wir haben die Fähigkeit, uns zu verteidigen."

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat den Alarmmodus für die russischen Atomstreitkräfte als aggressiv kritisiert. Dies sei eine "gefährliche Rhetorik", sagt er dem TV-Sender CNN. Man sei nun mit einer "neuen Normalität" für die eigene Sicherheit konfrontiert.

"Wir müssen darauf gefasst sein, dass Russland versuchen wird, noch schlimmere Waffen einzusetzen", sagte die britische Außenministerin Liz Truss. Der entschlossene Kampf der Ukrainer für ihre Souveränität und territoriale Integrität könne dazu führen, dass der Konflikt noch "mehrere Jahre andauern" werde, sagte Truss. "Dies könnte durchaus der Anfang vom Ende" für Kremlchef Wladimir Putin bedeuten, "und ich fürchte, dass er entschlossen ist, in diesem Krieg die übelsten Mittel einzusetzen."

Treffen an der ukrainisch-belarussischen Grenze

Gleichzeitig mit der russischen Drohgebärde war bekannt geworden, dass die Ukraine Friedensverhandlungen mit Russland zugestimmt hat. Eine russische und eine ukrainische Delegation würden sich an der ukrainisch-belarussischen Grenze treffen, teilte das Büro des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Sonntag mit. Es gebe keine Bedingungen.

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko habe die Verantwortung dafür übernommen, dass alle in Belarus stationierten Flugzeuge, Hubschrauber und Raketen während der Anreise der ukrainischen Delegation am Boden blieben, teilte das ukrainische Präsidialamt mit.

Ein Zeitpunkt wurde zunächst nicht genannt. Die russische Delegation hatte zuvor mitgeteilt, sie sei bereit. "Die russische Seite und die russische Delegation vor Ort sind vollständig auf die Verhandlungen vorbereitet", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Bisher hatte Selenskyj Verhandlungen in Belarus abgelehnt. Das Nachbarland sei nicht neutral, sagte er zur Begründung. Lukaschenko hatte zugegeben, dass auch von belarussischem Gebiet aus zwei Raketen auf die Ukraine gefeuert worden seien.

Später telefonierte Selenskyj dennoch mit Lukaschenko. Wie die belarussische Staatsagentur Belta meldete, schlug Lukaschenko Russlands Präsidenten Wladimir Putin anschließend in einem Telefonat vor, dass die russische Delegation länger in Gomel auf die Ukrainer warten sollte als ursprünglich geplant.

Zurückhaltend reagierte die britische Außenministerin auf den Vorschlag Russlands zu Verhandlungen mit der Ukraine. Dafür müsse Russland zunächst seine Truppen wieder aus dem Nachbarland zurückziehen, sagte sie: "Sie können nicht mit einer Schusswaffe an der Schläfe der Ukrainer verhandeln, sie müssen ihre Truppen abziehen".

Vier Tage nach Beginn des Angriffskriegs gelang es russischen Soldaten am Sonntagfrüh, ins Zentrum der Millionenstadt Charkiw vorzudringen. Am Nachmittag meldete jedoch der Gouverneur von Charkiw, dass die Ukraine wieder die vollständige Kontrolle erlangt habe. (apa, reu)