Russland treibt die militärische Offensive in der Ukraine weiter voran, stößt aber nach wie vor auf heftigen Widerstand. Die Kämpfe konzentrieren sich auf die südukrainische Stadt Cherson und nach wie vor auf die zweitgrößte Stadt des Landes Charkiw im Nordosten. Auch die Hafenstadt Mariupol lag unter Beschuss, aus Kiew wurden vereinzelte Angriffe gemeldet. Der erwartete Großangriff der russischen Streitkräfte, die sich vor Kiew zusammengezogen haben, blieb noch aus.

Der Generalstab in Moskau vermeldete am Mittwochvormittag, dass russischen Streitkräfte das südukrainische Cherson mit rund 250.000 Einwohnern eingenommen hätten. Die Stadt liegt nordwestlich der von Russland 2014 annektierten ukrainischen Halbinsel Krim. Die örtlichen Behörden meldeten dagegen, Cherson sei von russischen Truppen vollständig umzingelt.

Vororte von Kiew liegen in Schutt und Asche. Der Vorstoß in das Zentrum ist noch ausgeblieben. 
- © afp / Aris Messinis

Vororte von Kiew liegen in Schutt und Asche. Der Vorstoß in das Zentrum ist noch ausgeblieben.

- © afp / Aris Messinis

Der ukrainische Bürgermeister der Stadt, Ihor Kolychajew wandte kurz nach 11 Uhr Ortszeit mit einem verzweifeltem Appell an internationale Medien: "Ich bitte Sie, Ihre Möglichkeiten als Vierte Gewalt zu verwenden, damit ein 'Grüner Korridor' für den Transport von Verletzten sowie von Leichen und Medikamente sowie Nahrung in die Stadt gebracht werden kann". Ohne diese Möglichkeit würde die Stadt sterben, erklärte er mit Verweis auf eine herannahende humanitäre Katastrophe.

Truppen rücken auf Kiew vor

Von einer völligen russischen Besetzung der Stadt konnte am Mittwochvormittag laut eines Gesprächspartners der APA in der Stadt noch keine Rede sein. Die Russen seien einmarschiert und konzentrierten sich auf zwei Stadtteile. Er vermute, dass russische Truppen, die Probleme mit größeren Landeoperationen in Mykolajiw und Odessa hätten, nun im Hafen von Cherson größere Truppenteile an Land bringen könnten.

Unterdessen kommen die russischen Truppen Kiew immer näher. Das russische Militär ziehe immer mehr Kräfte zusammen, erklärte Bürgermeister Vitali Klitschko in sozialen Medien. "Wir bereiten uns vor und werden Kiew verteidigen!. Kiew steht und wird stehen."

In der Millionenstadt Charkiw meldeten Rettungskräfte nach erneuten Bombardements mindestens vier Tote. Neun weitere seien bei den Angriffen auf den Sitz der Sicherheitsdienste und eine Universität Mittwochfrüh verletzt worden, hieß es. Es gebe "praktisch kein Gebiet mehr in Charkiw, in dem noch keine Artilleriegranate eingeschlagen ist", erklärte der Berater des ukrainischen Innenministers auf Telegram. Am Dienstag waren bei Angriffen auf die 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt im Osten des Landes bereits 21 Menschen getötet worden.

Charkiw will sich jedenfalls nicht ergeben. "Wir haben niemals erwartet, dass das geschehen könnte: totale Zerstörung, Vernichtung, Völkermord am ukrainischen Volk", sagt Bürgermeister Ihor Terechow. "Das ist unverzeihlich." In Charkiw werde Russisch gesprochen, jeder vierte Einwohner habe Verwandte in der Russischen Föderation. Die im Nordosten der Ukraine gelegene Stadt wird seinen Angaben zufolge mit Raketen und aus der Luft beschossen. Auch Wohngebiete würden getroffen. Rettungsdienste teilen mit, dass am Mittwochmorgen vier Menschen getötet und neun verletzt wurden.

Zahlreiche Opfer und Wasserausfall

Mariupol am Asowschen Meer beklagt laut Bürgermeister Wadym Boitschenko ununterbrochene Angriffe russischer Streitkräfte, zahlreiche Opfer und einen Wasserausfall. Es sei unmöglich, Verletzte aus der Stadt herauszubringen. "Die feindlichen Besatzungstruppen der Russischen Föderation haben alles getan, um den Ausgang der Zivilbevölkerung aus der Stadt mit einer halben Million Einwohner zu blockieren", sagt er in einer Live-Sendung im ukrainischen Fernsehen. Eine genaue Opferzahl nennt er nicht.

Mariopul gilt als strategisch wichtiger Ort für Russland, das offenbar versucht, zwischen dem Kernland eine Landschneise zur Krim zu schlagen. Der Generalstab in Moskau hatte zuvor erklärt, dass die ukrainischen Streitkräfte keinen Zugang mehr zur Küste des Asowschen Meeres hätten.

Nach Angaben aus Moskau haben russische Einheiten auch das Gebiet um das größte Atomkraftwerk in der Ukraine unter ihre Kontrolle gebracht. Dies hätten russische Diplomaten der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien mitgeteilt, berichtete IAEA-Chef Rafael Grossi am Mittwoch. Laut dem Brief der russischen Botschaft an die IAEA sorgen die Mitarbeiter im nun eingenommenen AKW Saporischschja weiterhin für den sicheren Betrieb. Die Strahlenwerte seien normal. Am Mittwoch tagt der Gouverneursrat der IAEA, um die Lage zu besprechen.

Nach Angaben des Beraters des ukrainischen Innenministeriums wollen russische Kräfte zudem das Kernkraftwerk Süd-Ukraine rund 350 Kilometer westlich von Saporischschja einnehmen. Mehrere Hubschrauber seien gesehen worden, die in die Richtung unterwegs seien.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte unterdessen mit, dass fast 6.000 russische Soldaten seien in den sechs Tagen des Krieges getötet worden seien. Russland könne die Ukraine nicht mit Bomben, Angriffen und Raketen gewinnen. Russland hat sich bisher nicht konkret zu den erlittenen Verlusten in dem Krieg geäußert. Selenskyj rief zudem dazu auf, die Bewerbung seines Landes für einen Beitritt zu Europäischen Union zu unterstützen. Es sei nicht die Zeit, neutral zu sein.

Nach dem russischen Angriff auf den Fernsehturm in Kiew, bei dem auch die Gedenkstätte Babyn Jar beschädigt wurde, warf Selenskyj den russischen Truppen vor, sie wollten sein Land und dessen Geschichte auslöschen. In Babyn Jar verübten im Zweiten Weltkrieg deutsche Besatzungstruppen und deren ukrainische Helfer ein Massaker an der jüdischen Bevölkerung. "Dieser Angriff zeigt, dass für viele Menschen in Russland unser Kiew absolut fremd ist", sagte Selenskyj in einer Video-Botschaft. "Sie wissen gar nichts über Kiew, über unsere Geschichte. Aber sie alle haben den Befehl, unsere Geschichte, unser Land, uns alle auszulöschen."

Uno verurteilt Einmarsch

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat am Mittwoch den russischen Einmarsch in die Ukraine verurteilt und Russland zum Ende seiner Aggression aufgefordert. Die mit großer Mehrheit getroffene Abstimmung kann nicht durch ein Veto eines der Länder des Sicherheitsrates blockiert werden. 141 UNO-Mitgliedstaaten stimmten in New York für eine entsprechende Resolution. 35 Länder enthielten sich, 5 lehnten den Beschluss ab. Auch Österreich hatte angekündigt, dafür zu stimmen. (apa,reuters)