Dass Wladimir Putin es wagt, war für die allermeisten Analytiker bis zuletzt nur schwer vorstellbar gewesen. Zu hoch schien der Preis, um einen großflächigen Einmarsch in die Ukraine rational rechtfertigen zu können, zu gering die mögliche Beute, mit der er am Ende davonkommen würde.

Überrascht hat westliche Strategieexperten aber nicht nur, dass Putin für seine Träume von einer Auferstehung Russlands als Imperium alles auf eine Karte setzen würde. Fast ebenso unerwartet kam für viele, wie schwer sich Russland in den vergangenen Tagen damit getan hat, seine militärischen Ziele zu erreichen. Denn nach der Papierform ist die russische Armee der ukrainischen klar überlegen. So hat Putin in den Wochen vor Invasionsbeginn nicht nur knapp 190.000 Soldaten in den Grenzgebieten aufmarschieren lassen, die russische Armee hat im vergangenen Jahrzehnt auch enorme Mittel bekommen, um ihre in die Jahre gekommenen Waffenbestände und Strukturen zu modernisieren.

Die britische NLAW funktioniert ähnlich wie die Javelin - sie ist aber einfacher und nochmals kostengünstiger. - © afp
Die britische NLAW funktioniert ähnlich wie die Javelin - sie ist aber einfacher und nochmals kostengünstiger. - © afp

Gescheitert ist vor allem Russlands Versuch eines Blitzkrieges, also des schnellen Vorstoßes von Norden auf Kiew und die anschließende Umzingelung der Stadt. Am Mittwochmorgen standen die russischen Truppen noch immer viele Kilometer von Kiew entfernt, die Tage davor hatten keinen substanziellen Geländegewinn gebracht.

Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt hausgemachte Probleme. So listet der frühere australische Generalmajor Mick Ryan, der im "Sydney Morning Herald" und auf diversen Social-Media-Kanälen täglich die Geschehnisse an der Front analysiert, eine ganze Reihe von teils katastrophalen Planungsfehlern und Unzulänglichkeiten auf - vom zu schnellen Vorstoß, mit dem der Nachschub nicht mithalten kann, über das nicht vorhandene Zusammenwirken der einzelnen Waffengattungen bis hin zur niedrigen Moral der russischen Truppen, von denen viele offenbar erst im letzten Moment über die Invasionspläne informiert wurden und die nun Schwierigkeiten haben zu verstehen, warum sie auf das ukrainische Brudervolk schießen sollen.

Effizient und kostengünstig

Den russischen Vormarsch nachhaltig gebremst haben allerdings nicht nur die eigenen Fehler, sondern vor allem auch die unerwartet hohe Kampfkraft der ukrainischen Armee. So hat Russland nach einer Aufstellung des Verteidigungsministeriums in Kiew bisher mehr als 200 Panzer und knapp 870 gepanzerte Fahrzeuge verloren. Die Videos der zahllosen ausgebrannten Panzer am Straßenrand gehören neben den Fotos vom unsagbaren Leid der Zivilbevölkerung mit zu den eindrücklichsten Bilddokumenten, die derzeit aus der Ukraine kommen.

Die Zahlen des Verteidigungsministeriums in Kiew lassen sich zwar nicht unabhängig überprüfen, doch völlig unplausibel erscheinen sie auch westlichen Militärexperten nicht. Denn zusätzlich zu einer extrem hohen Kampfmoral verfügen die ukrainischen Truppen mittlerweile auch über zahlreiche Waffensysteme aus dem Nato-Arsenal, die es ihnen erlauben, auch schwer gepanzerten Einheiten mit vergleichsweise geringem Mitteleinsatz verheerende Schäden zuzufügen. Die neuen High-Tech-Waffen sind leicht und mobil, aber vor allem so kostengünstig, dass sie in großer Stückzahl angeschafft und verteilt werden können.

Als besonders effektiv im Kampf gegen russische Panzer haben sich in den ersten Tagen vor allem die amerikanische "Javelin"-Panzerabwehrraketen erwiesen, die die Ukraine bereits seit 2018 in ihren Beständen hat. Denn das wiederverwendbare Waffensystem ist mit 23 Kilo nicht nur so leicht, dass es von einem einzelnen Soldaten fast überall hin transportiert werden kann, sondern nutzt auch die Schwachstellen der gegnerischen Panzer gezielt aus. So fliegt die Javelin, die in zwei Stufen gezündet wird, um auch einen Abschuss aus Gebäuden zu ermöglichen, zuerst in hohem Bogen nach oben, um den Panzer dann im Sturzflug am Turm zu treffen - seiner schwächsten Stelle. Die Javelin ist zudem ein Fire-and-Forget-Waffensystem, das heißt, nach der ersten optischen Zielansprache muss das gegnerische Objekt nicht weiter verfolgt werden. Kleine Soldatentrupps können damit aus dem Hinterhalt zuschlagen und wieder verschwinden, noch bevor sie entdeckt werden.

Ganz ähnlich wie die Javelin funktionieren auch die britisch-schwedischen NLAWs, von denen die Ukraine zuletzt 2.000 Stück von der Regierung in London geliefert bekommen hat. Die NLAWs sind simpler und verfügen über eine geringere Reichweite, dafür sind sie aber auch billiger und schneller zu ersetzen.

Die Bayraktar kam schon im Krieg um Bergkarabach zum Einsatz. In der Ukraine profitiert sie von der Absenz russischer Jets. - © afp / Birol Bebek
Die Bayraktar kam schon im Krieg um Bergkarabach zum Einsatz. In der Ukraine profitiert sie von der Absenz russischer Jets. - © afp / Birol Bebek

Neue Drohnen aus der Türkei

Als überraschend effektiv hat sich in den vergangenen Tagen aber auch die mit Bomben und Raketen bestückbare türkische Drohne Bayraktar TB2 erwiesen. Das unbemannte Flugzeug, das mit weniger als zwei Millionen Dollar den Bruchteil eines Kampfjets kostet, hat sich schon 2020 im Krieg um Bergkarabach als Game-Changer für die aserische Seite erwiesen. Im aktuellen Konflikt dürfte die für gegnerische Luftangriffe anfällige Bayraktar aber vor allem davon profitieren, dass Russland ohne ersichtlichen Grund bisher darauf verzichtet hat, seine Luftwaffe großflächig zum Einsatz zu bringen. In der Türkei produzierte Drohnen dürfte es dagegen bald mehr am ukrainischen Himmel geben. "Die neuen Bayraktar sind angekommen und bereits im Einsatz", schrieb der ukrainische Verteidigungsminister Oleksii Reznikow am Mittwoch auf Twitter.