Die geplante Rettung von Zivilisten aus umkämpften ukrainischen Städten kommt nicht voran. Moskau gab Kiew die Schuld. Die ukrainische Seite habe noch keine einzige Bedingung für die Einrichtung humanitärer Korridore erfüllt, teilte das russische Verteidigungsministerium laut Agentur Tass am Montag mit. Die ukrainische Regierung tue alles, um humanitäre Korridore für eine Evakuierung zu ermöglichen, schrieb Verteidigungsminister Oleksij Resnikow am Montag.

Doch versuchten russische Truppen, die Stadt mit einer humanitären Krise zu "ersticken". Das strategisch wichtige Mariupol am Asowschen Meer ist eine der umkämpftesten Städte. Zuvor hatte das russische Verteidigungsministerium für vier Städte solche Fluchtrouten angekündigt, darunter die nordostukrainische Millionenstadt Charkiw und die südliche Hafenstadt Mariupol.

Am Tag 12 im Ukraine-Krieg rückt die russische Armee weiter auf Kiew vor, eine dritte Verhandlungsrunde ist geplant. 
- © afp / Sergey Bobok

Am Tag 12 im Ukraine-Krieg rückt die russische Armee weiter auf Kiew vor, eine dritte Verhandlungsrunde ist geplant.

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Die ukrainische Regierung zeigte sich empört, dass die am Montag angebotenen Fluchtrouten vor allem in die Nachbarländer Russland und Belarus führen sollten. Bereits am Wochenende waren zwei Anläufe für eine Evakuierung von Einwohnern der zwei Städte gescheitert. Beide Seiten warfen einander vor, die Feuerpause ignoriert zu haben.

Rotes Kreuz: Verminte Straßen

Der Einsatzleiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Dominik Stillhart, berichtete in der BBC von der Gefahr von Minen. Einige IKRK-Mitarbeiter hätten am Sonntag versucht, Mariupol auf einer vereinbarten Route zu verlassen, hätten aber festgestellt, dass "die ihnen angezeigte Straße vermint war".

Das russische Verteidigungsministerium behauptete, ukrainische "Nationalisten" hielten die Bevölkerung unter Androhung von Gewalt zurück und setzten den Beschuss russischer Stellungen trotz der Feuerpause fort. Ähnlich äußerte sich ein Vertreter der Separatisten. "Die Menschen kommen im Moment noch nicht raus", sagte der Sprecher der prorussischen Kräfte im Gebiet Donezk, Eduard Bassurin, im russischen Staatsfernsehen. Nach Tass-Angaben überquerte ein Bus mit Geflüchteten aus Mariupol die russische Grenze.

"Die russischen Terroristen halten ihr Wort nicht. Es gibt keine Gnade, nicht einmal für Kinder und Frauen, für Verwundete. Sie beschießen Wohnviertel. Sie beschießen Zivilisten während der Evakuierung", schrieb Resnikow. Russland betont stets, nur militärische Ziele ins Visier zu nehmen.

Nach Resnikows Angaben sind bisher mehr als 140.000 Ukrainer ins Land zurückgekehrt, Zehntausende hätten sich den Selbstverteidigungskräften angeschlossen. Außerdem hätten sich bereits mehr als 20.000 ausländische Freiwillige gemeldet, um gegen die russischen Truppen zu kämpfen.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs wurden seit Kriegsbeginn am 24. Februar mehr als 11.000 russische Soldaten getötet. Knapp 300 Panzer und 1.000 weitere gepanzerte Fahrzeuge sowie mehr als 100 Kampfflugzeuge und Hubschrauber seien abgeschossen worden. Allein in der Nacht zum Montag hätten ukrainische Truppen bei einem Angriff auf einen Flugplatz nahe der südukrainischen Stadt Cherson etwa 30 russische Helikopter zerstört, teilte das Kommando der Marineinfanterie mit.

"Das Leid der Menschen wird benutzt, um die gewünschten TV-Bilder zu schaffen", hieß es zudem in einer schriftlichen Stellungnahme des Sprechers von Präsident Wolodymyr Selenskyj. "Es sind Bürger der Ukraine, sie sollten das Recht haben, in ukrainisches Territorium evakuiert zu werden."

Offensive auf Mariupol und Hostomel

In Mariupol haben pro-russische Separatisten nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau eine Offensive unternommen. Der Angriff sei im Westen der Stadt erfolgt. Nach Angaben des ukrainischen Außenministeriums sind nahe der Kiewer Vorstadt Irpin bei einem Versuch zur Einrichtung eines "grünen Korridors" acht Zivilisten getötet worden. Der Bürgermeister von Butscha, Anatolij Fedortschuk, sei verletzt worden.

Der Gemeindevorsteher von Hostomel wurde nach Angaben der örtlichen Behörden getötet. Russische Truppen hätten Jurij Prylypko gezielt erschossen, teilte der Gemeinderat am Montag bei Facebook mit. "Er starb bei der Ausgabe von Brot an Hungrige und Arzneien an Kranke." Mit ihm seien zwei weitere Helfer getötet worden. Von russischer Seite gab es dazu keine Reaktion. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden. Das nordwestlich von Kiew gelegene Hostomel mit dem nahen Flugplatz ist seit Beginn des Kriegs umkämpft.

Putin: Kein Einlenken

Der russische Präsident Wladimir Putin ließ am Wochenende keine Anzeichen für ein Einlenken erkennen. "Es ist zu hoffen, dass die Vertreter der Ukraine bei der geplanten nächsten Runde von Verhandlungen einen konstruktiveren Ansatz zeigen, (und) die neu entstehende Realität voll berücksichtigen", erklärte er nach Angaben des Präsidialamtes.

Russland bezeichnet sein Vorgehen als "Spezialoperation". Ziel sei nicht die Besetzung der Ukraine, sondern die Zerstörung der militärischen Kapazitäten der Ukraine sowie die Festnahme als gefährlich eingestufter Nationalisten. Auch die Regierung in Kiew zeigte sich bisher nicht bereit, den russischen Forderungen nachzugeben.

EU: Fünf Millionen Flüchtlinge erwartet

Europa muss sich nach Einschätzung des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell auf fünf Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine einstellen. Europa müsse alle Ressourcen mobilisieren, um die Menschen aufzunehmen, sagte Borrell am Montag bei einem informellen Treffen der europäischen Entwicklungsminister im französischen Montpellier. In Polen sind nach Angaben des dortigen Grenzschutzes indes bereits über eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine angekommen.

Alle Nachbarländer der Ukraine müssten Hilfe bekommen, forderte Borrell. Dabei gehe es nicht nur um humanitäre Hilfe. "Mehr Geld, mehr Aufnahmekapazitäten, mehr Lebensmittelhilfen", sagte Borrell. Die Entwicklungsminister wollten außerdem darüber beraten, wie sie die politische Dimension der Unterstützung stärken können.

Allein am Sonntag hätten 142.300 Menschen die Grenze nach Polen passiert, teilte die Behörde am Montag per Twitter mit. Dies war der höchste Wert innerhalb eines Tages seit Kriegsbeginn. Etwa 90 Prozent der Geflüchteten seien ukrainischen Staatsbürger, die übrigen seien Staatsangehörige von Ländern aus der ganzen Welt, sagte eine Sprecherin des Grenzschutzes.

Derzeit gebe es den größten Andrang am Grenzübergang Korczowa, dort hätten bereits in der Früh 700 Menschen in der Warteschlange für die Abfertigung von Fußgängern gestanden. Bei der Einreise mit dem Auto gab es Wartezeiten von bis zu 20 Stunden.

Das Innenministerium in Deutschland spricht indes von bisher 50.294 eingereisten Kriegsflüchtlingen. Das teilte ein Sprecher am Montag in Berlin mit. "Da keine Grenzkontrollen stattfinden, kann die Zahl der nach Deutschland eingereisten Kriegsflüchtlinge tatsächlich bereits wesentlich höher sein", hieß es aber. (apa, reuters, dpa)