Die Warnung war konkret und klar: US-Handelsministerin Gina Raimondo verkündete, dass chinesische Firmen, die die Sanktionen gegen Russland unterlaufen, selbst in das Visier von Exportbeschränkungen geraten könnten. Beim Namen nannte die Politikerin in ihrem Interview mit der "New York Times" Chinas größten Chipkonzern Semiconductor Manufacturing International.

Damit zielte sie auch gleich auf Chinas wunden Punkt: Gerade im Technologiebereich braucht die Volksrepublik noch Wissen und Importe von außen. Sonst ist das selbstgesetzte Ziel, in diesem Bereich in den nächsten Jahren eine Großmacht zu werden, nicht zu erreichen.

China steckt derzeit in einem Dilemma: Peking will wegen des Krieges in der Ukraine keine massive Verschlechterung seiner Beziehungen zum Westen. Andererseits möchte Peking aber nicht Russland vor den Kopf stoßen, sieht die herrschende Kommunistische Partei doch den "strategischen Partner" als wichtigen Verbündeten an, um den Einfluss des Westens und vor allem der USA einzudämmen. So laviert China seit Kriegsbeginn herum, verurteilt Russland nicht, stellt sich aber auch nicht klar auf dessen Seite.

Indien braucht russische Waffen

Ähnlich ist das Verhalten des zweiten asiatischen Riesenstaates, nämlich Indiens. Wie China hat auch die Regierung des hindunationalistischen Premiers Narendra Modi - im Gegensatz zu 141 anderen Nationen - den Einmarsch Russlands in der Ukraine vor der UNO-Vollversammlung nicht verurteilt, sondern sich enthalten. Das hat zunächst historische Gründe: Indien war im Kalten Krieg ein blockfreier Staat, pflegte aber eine große Nähe zur Sowjetunion. Diese hat dafür -genauso wie Russland als Nachfolgestaat - Indien vor den Vereinten Nationen, etwa im Konflikt mit Pakistan, oft unterstützt. Durch Moskaus Vetorecht hatte das besonderes Gewicht.

Darüber hinaus hat Indien einen gegenwärtigen Konflikt im Auge, der immer wieder militärisch zu eskalieren droht. Das Land befindet sich in einem Grenzstreit mit China, der erst vor zwei Jahren für Gefechte mit mehreren Toten sorgte. Wenn nun China und Russland immer stärkere Bande knüpfen, fürchtet Indien, in Asien immer mehr ins Abseits zu rücken.

Zumal es ohne Russlands Unterstützung militärisch ins Hintertreffen zu geraten droht. Die enge Beziehung zur Sowjetunion brachte es mit sich, dass Indiens Armee fast gänzlich mit Sowjetwaffen ausgerüstet wurde. Diese Abhängigkeit hat sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten verringert, aber weiterhin ist das indische Heer laut Militärexperten in weiten Teilen auf Russland angewiesen. Denn es bezieht noch immer den Großteil seiner Waffen von dort und kann sein Arsenal ohne russische Ersatzteile nur noch bedingt instand halten.

Die militärische Karte ist auch einer der russischen Trümpfe in Afrika. Gleich 25 und damit fast die Hälfte der afrikanischen Staaten verzichtete vor der UN-Vollversammlung auf eine Verurteilung Russlands - Eritrea stimmte sogar gegen den Text, was sonst neben Russland selbst nur Syrien, Nordkorea und Weißrussland machten. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Russland laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri der größte Waffenlieferant im subsaharischen Afrika ist.

Zudem hat der Kreml in den vergangenen Jahren seine Kontakte nach Afrika verstärkt und dabei an Sowjetzeiten angeschlossen. Damals unterstützte Moskau etwa in Angola oder Mosambik linke Bewegungen, die nun an der Macht sind. Auch der in Südafrika regierende ANC will aufgrund der Hilfe, die er in der Vergangenheit erhalten hat, nun Russland nicht verurteilen.

In anderen Ländern bietet sich Russland als Sicherheitspartner an. In die Zentralafrikanische Republik - wo nach dem Ukraine-Einmarsch gar eine prorussische Demonstration stattfand - hat Moskau Militärberater und sogar einen Bewachungstrupp für den Präsidenten geschickt. Dafür erhielten russische Firmen Schürfrechte in den Gold- und Diamantenminen.

Prorussische Demonstration in der Zentralafrikanischen Republik. 
- © AFP / Carol Valade

Prorussische Demonstration in der Zentralafrikanischen Republik.

- © AFP / Carol Valade

In Mali und Burkina Faso wiederum werden die Militärregierungen, die sich erst kürzlich an die Macht geputscht haben und vom Westen abgelehnt werden, von Russland unterstützt.

Auch in Lateinamerika findet Russland seine Sympathisanten insbesondere in den Ländern, die sich im Konflikt mit den USA befinden. So ist Russland für Nicaragua, Kuba und Venezuela ein wichtiger Partner, damit diese Länder die westlichen Sanktionen umgehen können.

Doch hier zeichnet sich nun ein Kurswechsel der USA ab: Weil die USA sich von Ölimporten aus Russland trennen wollen, verhandeln sie plötzlich mit Venezuela, um von dort vielleicht wieder Öl zu beziehen. Dass nun eine hochrangige US-Delegation mit dem sonst geächteten Regime von Präsident Nicolas Maduro spricht, hat bei Venezuelas Opposition und in vielen südamerikanischen Ländern für Empörung gesorgt.

Für Russlands Partner gibt es eine Schmerzgrenze

Ein Blick nach Asien, Afrika und Lateinamerika zeigt, dass Wladimir Putin nicht ganz so isoliert ist, wie es im Westen scheint. Bei den Ländern, die sich nicht stärker von Russland distanzieren wollen, spielt dabei die humanitäre Lage in der Ukraine höchstens eine untergeordnete Rolle. Sie wägen vor allem ihre Interessen ab.

Für viele Staaten gibt es bei der Unterstützung Moskaus aber wohl eine Schmerzgrenze: Nämlich inwieweit sie es sich mit dem Westen verscherzen. Wenn sich nun etwa afrikanische Länder für eine hybride russische Kriegsführung gegen Europa - etwa durch das Anstoßen von Migrationsbewegungen - einspannen ließen, wäre der Unmut auf der anderen Seite des Mittelmeers enorm. Und die EU ist, abgesehen vom militärischen Komplex, noch immer ein viel größerer Investor in Afrika als Russland.

Wirtschaftlich sind Russlands Partner zu schwach, um die westlichen Sanktionen gänzlich abzufedern. Die einzigen Ausnahmen bilden hier Indien und vor allem China. Die Volksrepublik ist damit wieder einmal der entscheidendste Akteur. Sie wird bei ihren künftigen Russland-Beziehungen vor allem einen Punkt im Auge behalten: ihren eigenen strategischen Vorteil.