Russland hat bei seinem Krieg in der Ukraine erstmals auch einen folgenreichen Raketenangriff in unmittelbarer Nähe der polnischen Grenze verübt. Am Sonntag starben mindestens 35 Menschen bei der Attacke auf einen Truppenübungsplatz unweit der Stadt Lwiw (Lemberg). 134 weitere wurden nach ukrainischen Angaben verletzt. Unter anderem auch rund um Kiew gingen am 18. Tag der Invasion heftige Gefechte weiter. Die Lage der Einwohner der belagerten Hafenstadt Mariupol bleibt dramatisch.

Der Angriff bei Lwiw hat eine besondere Brisanz. In der Stadt sammeln sich viele Flüchtlinge. Der Übungsplatz Jaworiw ist nur rund 15 Kilometer von der Grenze zu Polen entfernt. Auf ihm waren zumindest vor dem Krieg viele Nato-Ausbilder aktiv. Videos und Fotos zeigten schwere Zerstörungen. Gebietsgouverneur Maxim Kozitsky zufolge wurden mehr als 30 Raketen abgefeuert. Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow forderte nach dem Angriff erneut eine Flugverbotszone über dem Land.

Rund um die ukrainische Hauptstadt gab es nach ukrainischen Angaben heftige Kämpfe in den Ortschaften Irpin und Makariw. Ähnlich sei die Lage auch in anderen Dörfern, die humanitäre Lage werde immer schlechter. Allein am Samstag seien etwa 20.000 Menschen evakuiert worden. In Irpin bei Kiew ist bei einem Angriff auch ein US-Journalist getötet worden. Ein weiterer US-Journalist sei verletzt worden, sagte der Chirurg Danylo Schapowalow, der als Freiwilliger vor Ort im Einsatz war. AFP-Reporter in Irpin sahen die Leiche des Getöteten.

Weitere Verschärfung der Lage erwartet

Im Südosten versuchen russische Einheiten den Angaben zufolge weiter eine Erstürmung der tagelang belagerten Hafenstadt Mariupol mit rund 400.000 Einwohnern. Nach ukrainischen Angaben starben in Mariupol bereits mehr als 1.500 Zivilisten.

Im Süden sammele sich russisches Militär an der Industriegroßstadt Krywyj Rih mit über 600.000 Einwohnern. Die Angaben waren unabhängig nicht überprüfbar. In der südukrainischen Hafenstadt Mykolajiw wurden nach Angaben des Regionalgouverneurs Witali Kim am Sonntag mindestens neun Menschen bei Luftangriffen getötet.

Die NATO erwartet eine weitere Verschärfung der Kämpfe und der humanitären Notlage. "Wir sehen mit Schrecken die steigenden Zahlen ziviler Opfer und die sinnlose Zerstörung durch die russischen Kräfte", sagte der Generalsekretär der Militärallianz, Jens Stoltenberg, der Zeitung "Welt am Sonntag". Die Menschen in der Ukraine widersetzten sich der Invasion mit Mut und Entschiedenheit, "aber die kommenden Tage werden wahrscheinlich noch größere Not bringen", warnte er.

"Wir suchen keinen Konflikt mit Russland"

Stoltenberg lehnte erneut Forderungen ab, die NATO solle eine Flugverbotszone über der Ukraine durchsetzen. Das würde bedeuten, dass russische Kräfte angegriffen werden müssten. "Und damit würde man eine direkte Konfrontation und eine unkontrollierbare Eskalation riskieren. Wir müssen diesen Krieg beenden und ihn nicht noch ausweiten." Die NATO sei eine defensive Allianz. "Wir suchen keinen Konflikt mit Russland."

In der südukrainischen Stadt Melitopol setzte Russland erstmals in einem eroberten Gebiet eine eigene Statthalterin ein. Die Lokalabgeordnete Halyna Daniltschenko rief die Einwohner auf, sich "an die neue Realität" anzupassen. Zugleich verlangte sie, die Menschen sollten nicht mehr gegen die russischen Besatzungstruppen demonstrieren. Melitopols Bürgermeister Iwan Fedorow war zuvor nach Kiewer Angaben von der russischen Seite verschleppt worden - wie auch der Bürgermeister der Kleinstadt Dniprorudne.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj drohte Kollaborateuren Russlands in der Ukraine mit dem Tod. Wer sich von Angeboten der russischen Besatzer in Versuchung geführt sehe, unterschreibe damit sein eigenes Urteil, sagte er in einer in der Nacht auf Sonntag veröffentlichten Videobotschaft. "Das Urteil lautet, mehr als 12.000 Besatzern zu folgen, die nicht rechtzeitig verstehen konnten, warum die Ukraine nicht angegriffen werden sollte." Zuletzt hieß es von ukrainischer Seite, dass mehr als 12.000 russische Soldaten in dem Krieg in der Ukraine getötet worden seien.

Krisensitzungen bei UNO

Bei den Vereinten Nationen sollen kommende Woche weitere Krisensitzungen zum Ukraine-Krieg stattfinden. Beim UNO-Sicherheitsrat stehen am Montag Beratungen über die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf dem Terminplan. Obwohl es sich um ein reguläres Treffen handelt, wird es laut Diplomaten wohl schwerpunktmäßig um die Ukraine gehen. In der Sitzung wird demnach voraussichtlich der polnische Außenminister Zbigniew Rau das Wort ergreifen.

Seit zwei Wochen beraten einige Mitglieder des Sicherheitsrates über einen französisch-mexikanischen Resolutionsentwurf zu humanitärer Hilfe. Sie hatten ursprünglich gehofft, Anfang März über den Text abzustimmen, bisher wurde aber noch kein Datum für eine Abstimmung festgelegt. Am Freitag hatte der chinesische UNO-Botschafter Zhang Jun gesagt, er habe noch keinen endgültigen Text gesehen.

Laut dem Entwurf, der der Nachrichtenagentur AFP vorliegt, soll der Sicherheitsrat "die schrecklichen humanitären Folgen der Feindseligkeiten gegen die Ukraine" verurteilen. Das mächtigste UNO-Gremium soll zudem eine "sofortige Einstellung" der Kampfhandlungen fordern, insbesondere der Angriffe auf Zivilisten. Gefordert wird auch Schutz von Zivilisten und humanitären Helfern.

Mit Veto Russlands wird gerechnet

Diplomaten rechnen mit einem Veto Russlands. Ende Februar hatte Russland im UNO-Sicherheitsrat mit seinem Veto eine Resolution verhindert, die den Angriff auf die Ukraine verurteilt hätte. Diplomaten haben daher vorgeschlagen, den Entwurf gleich der UNO-Vollversammlung vorzulegen. In der Vollversammlung gibt es kein Vetorecht, ihre Beschlüsse sind aber nicht bindend.

Am 2. März hatte die Vollversammlung Russland zum "sofortigen" Abzug aus der Ukraine aufgefordert. Die Resolution wurde mit großer Mehrheit verabschiedet. 114 Länder stimmten dafür. Neben Russland stimmten lediglich Belarus, Syrien, Eritrea und Nordkorea dagegen. 35 Staaten enthielten sich, darunter China.

Darüber hinaus könnte es laut Diplomaten kommende Woche noch ein seit langem gefordertes Treffen des UNO-Sicherheitsrats zu Menschenrechtsverletzungen geben. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag, Karim Khan, der an einem solchen Treffen teilnehmen würde, hatte die Kriegsparteien in der Ukraine am Freitag vor möglichen Kriegsverbrechen gewarnt. Er warnte insbesondere vor Angriffen auf die Zivilbevölkerung.

Der IStGH hat bereits Ermittlungen zur Lage in der Ukraine eingeleitet, nachdem dutzende Mitgliedstaaten dies beantragt hatten. (apa)