In der von russischen Truppen belagerten südostukrainischen Hafenstadt Mariupol sind laut Stadtverwaltung seit Beginn der russischen Offensive bereits 2.187 Einwohner getötet worden. Die russischen "Besatzer greifen zynisch und absichtlich Wohngebäude und dicht bevölkerte Gebiete an und zerstören Kinderkrankenhäuser und städtische Einrichtungen", erklärte die Stadtverwaltung am Sonntag im Internetdienst Telegram.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) berichtete von katastrophalen Bedingungen für die noch rund 300.000 in Mariupol eingeschlossenen Zivilisten. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnte vor einer "unvorstellbaren Tragödie". Die Stadt liegt etwa 55 Kilometer von der russischen Grenze und 85 Kilometer von der Separatistenhochburg Donezk entfernt. 2014 hatten pro-russische Separatisten die Hafenstadt kurzzeitig besetzt, bevor sie von der ukrainischen Armee zurückerobert wurde. Sollte Mariupol nun fallen, würde dies den Zusammenschluss der russischen Truppen mit Einheiten aus der Krim und dem Separatistengebiet im Donbass ermöglichen.

Die Stadt war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts griechisch geprägt, die Mehrheit der Bevölkerung waren auch Griechen. Heute sind diese nur mehr eine kleine Minderheit. Bei der letzten Volkszählung vor 20 Jahren bezeichneten sich mehr Menschen als russisch als ukrainisch, der überwiegende Teil der Bevölkerung spricht in Mariupol auch russisch.

Nach Angaben aus Kiew ist am Sonntag erneut ein Versuch gescheitert, Menschen Mariupol in Sicherheit und Hilfsgüter hinein zu bringen. "Es ist nicht gelungen, Mariupol zu erreichen", sagte Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk am Sonntag dem Portal strana.news. Der Konvoi sei in Berdjansk geblieben, weil es Luftangriffe auf Mariupol gegeben habe. "Aber morgen in der Früh versuchen wir es noch einmal", kündigte Wereschtschuk an.

Angriffe auf möglichen Waffenhub

Russland verübte am Sonntag auch erstmals einen folgenreichen Raketenangriff in unmittelbarer Nähe der polnischen Grenze. Am Sonntag starben mindestens 35 Menschen bei der Attacke auf einen Truppenübungsplatz unweit der Stadt Lwiw. 134 weitere wurden nach ukrainischen Angaben verletzt. Dabei könnte es sich um einen gezielten Schlag auf einen der Verteilungspunkte für ankommende Waffenlieferungen aus dem Westen an die Ukraine gehandelt haben, betonte Oberst Markus Reisner, Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie, gegenüber der APA. "Dafür spricht der Einsatz einer hohen Anzahl an seegestützten präzisen Marschflugkörpern."

Nach Meinung von Oberst Reisner zeigt "die hohe Anzahl der verwendeten Raketen, dass die Russen sicher sein wollten, das Ziel zu zerstören". Betrachte man die Verbindungsstraßen aus Polen in Richtung Lwiw, so falle auf, dass Jaworiw "verkehrstechnisch optimal für die Anlieferung der Waffen liegt". "Hier können die Transporte aus Polen umgeladen werden und in kleinen Mengen weiterverbracht werden."

Weiter Kämpfe um Kiew

 

Auch rund um die ukrainische Hauptstadt gab es nach ukrainischen Angaben heftige Kämpfe in den Ortschaften Irpin und Makariw. Ähnlich sei die Lage auch in anderen Dörfern, die humanitäre Lage werde immer schlechter. Allein am Samstag seien etwa 20.000 Menschen evakuiert worden.

Im Süden sammele sich russisches Militär an der Industriegroßstadt Krywyj Rih mit über 600.000 Einwohnern. Die Angaben waren unabhängig nicht überprüfbar. In der südukrainischen Hafenstadt Mykolajiw wurden nach Angaben des Regionalgouverneurs Witali Kim am Sonntag mindestens neun Menschen bei Luftangriffen getötet.