Die Muskelspiele sind diesmal ein Stück weit kleiner ausgefallen. Statt der 39 Militärmaschinen, die China am 23. Jänner in die taiwanesischen Luftverteidigungszone geschickt hat, waren es zu Beginn dieser Woche nur 13 Flugzeuge, die die von Taiwan kontrollierten Pratas-Inseln überflogen.

Dass die seit zwei Jahren mehr oder weniger regelmäßig stattfindenden chinesischen Überflüge zuletzt nicht nur mit weniger Jets durchgeführt wurden, sondern auch deutlich seltener zu beobachten waren, hat bei der Regierung in Taipeh allerdings nicht für Beruhigung gesorgt. Angesichts der Eskalation in der Ukraine hat auch Taiwan, das seit jeher eine militärische Intervention der Volksrepublik auf seinem Staatsgebiet fürchtet, die Alarmstufe angehoben. Auf keinen Fall wollte man - während die Welt mit allen Augen auf den russischen Angriffskrieg blickt - auf dem falschen Fuß erwischt werden.

David gegen Goliath

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Der Überfall auf die Ukraine wird in Taiwan aber nicht nur wegen der möglichen Auswirkungen auf die chinesische Politik genau beobachtet. Die taiwanesischen Militärstrategen sehen im bisher unerwartet erfolgreichen Abwehrkampf der ukrainischen Armee auch eine mögliche Blaupause für das eigene Vorgehen im Fall eines chinesischen Angriffs. Denn ebenso wie die Ukraine Russland zahlenmäßig unterlegen ist und über deutlich weniger Kriegsgerät verfügt, hat auch Taiwan auf dem Papier keine Chance gegen die aufstrebende Supermacht China. So verfügt die Volksrepublik, die jährlich fast 180 Milliarden Dollar für Verteidigung ausgibt, über knapp 1.200 Kampfjets, während die taiwanesische Luftwaffe nur knapp 300 davon besitzt. Noch eklatanter wird der Größenunterschied bei der Zahl der Soldaten: Chinas aktive Truppenstärke liegt bei über zwei Millionen Mann, das von Peking als abtrünnigen Provinz betrachtete Taiwan kommt auf nicht einmal 170.000. Die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-wen befürwortet deshalb eine "asymmetrische Kriegsführung", um die eigenen Streitkräfte mobiler und schwerer angreifbar zu machen. Im Fokus stehen dabei ebenso wie in der Ukraine leichte und kostengünstige Lenkwaffen, mit denen kleine bewegliche Trupps auch größere Fahrzeugverbände ausschalten können. Entsprechende Waffen hat Taiwan in der Vergangenheit auch bereits entwickelt. So soll etwa die im Land hergestellte Kestrel-Schulterrakete Panzer auf eine Entfernung von bis 400 Metern wirkungsvoll bekämpfen können. "Angesichts des gezeigten Leistungsvermögens dieser Waffensysteme in der Ukraine können wir nun noch zuversichtlicher sein", sagt Ma Cheng-Kun, Direktor des Institute of China Military Affairs Studies an der nationalen Verteidigungsakademie, der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist genau das, was unsere Streitkräfte entwickelt haben."

Insellage als Vorteil

Taiwan besitzt aber nicht nur zahlreiche Panzerabwehrwaffen und viele vergleichsweise gut ausgebildete Soldaten. Durch seine Insellage verfügt der 24-Millionen-Einwohner-Staat auch über einen nicht zu unterschätzenden strategischen Vorteil. Konnte die Ukraine, die eine lange Landgrenze mit Russland verbindet, von drei Seiten gleichzeitig in die Zange genommen werden, muss vor einem Angriff auf Taiwan zunächst die mehr als 150 Kilometer breite Formosastraße überwunden werden. Eine groß angelegte Landungsoperation mit vielen hunderten Schiffen wäre aber nicht nur relativ einfach und frühzeitig zu entdecken, die über die Meerenge kommenden Verbände könnte wohl auch relativ leicht von taiwanesischen Raketen bekämpft werden. "China hat hier ein viel größeres Risiko", sagt Su Tzu-yun, der an Taiwans führender militärischer Denkfabrik, dem Institute for National Defence and Security Research, forscht.

In einem möglichen Krieg zwischen Taiwan und China geht es allerdings nicht nur um die Kampfkraft der beiden unmittelbar beteiligten Parteien. Über dem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt schwebt vor allem die Frage, ob die US-Streitkräfte Taiwan im Falle eines chinesischen Angriffs tatsächlich zu Hilfe kommen würden. Die Regierung in Washington übt sich in dieser Frage seit jeher vor allem in "strategischer Ambiguität" und vermeidet klare Aussagen sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung. Dass die USA aus Sorge vor einer direkten Konfrontation mit Russland ein militärisches Eingreifen in der Ukraine ausgeschlossen haben, hat das Unbehagen in Taiwan in den vergangenen Tagen jedenfalls nicht weniger werden lassen.