Russische Soldaten, die gar nicht wissen, dass sie in den Krieg ziehen und nicht in ein Manöver; die unter Umständen absichtlich daneben schießen, um ihre ukrainischen Gegner zu schonen, und die nicht bereit sind, in einem Krieg, den Präsident Wladimir Putin vom Zaun gebrochen hat, ihr Leben zu geben: Neben logistischen und finanziellen Problemen ist es vor allem die fehlende Kampfmoral, die den Invasoren in der Ukraine zu schaffen macht. Meldungen des britischen Geheimdienstes legen nahe, dass viele russische Soldaten verwirrt und unentschlossen sind, während die ukrainische Seite mit dem Mut der Verzweiflung kämpft.

Sieg um jeden Preis

Die Verluste aufseiten der Angreifer sind auch deshalb so hoch, der Vormarsch ist nach anfänglichen Erfolgen zum Stillstand gekommen. Putin sieht sich blamiert, er will den Sieg um jeden Preis. Angriffe auf zivile Ziele sollen die ukrainische Bevölkerung zermürben, daneben greift der Kremlherr auf Söldnermilizen zurück: Menschen, die keine Skrupel haben, Ukrainer zu töten, und dernen Leben einzig aus Krieg besteht. Die Führung in Moskau rekrutiert dieses Personal derzeit aus jenen Regionen, die Russland zuvor in blutigen Angriffskriegen niedergeworfen hat: Tschetschenien und in Syrien, wo Präsident Bashar Assad die Rebellen nur mit Hilfe Moskaus verdrängt hat.

Tschetschenien wurde ab 1994 in zwei Kriegen verwüstet, insgesamt starben dort mehr als 50.000 Menschen, bevor die wichtigsten Anführer liquidiert und der russlandtreue Präsident Ramsan Kadyrow installiert werden konnte. Tschetschenische Söldner sind seit Jahren auf Schlachtfeldern überall auf der Welt zu finden, jetzt ist ihre Stunde in der Ukraine gekommen. Sie kämpften schon 2014 in der Ostukraine - vorwiegend aufseiten der prorussischen Separatisten, fallweise aber auch für die Ukrainer.

Folge der mörderischen Kriege in Tschetschenien ist eine in weiten Teilen brutalisierte und entwurzelte junge männliche Bevölkerung - was sie auf der anderen Seite zu effizienten Kriegern und immer und überall einsetzbaren Söldnern macht. Hier ist keine Sympathie für ein "ukrainisches Brudervolk" vorhanden.

Das weiß Putin und das nutzt er aus. Wie viele Tschetschenen derzeit rund um Kiew und Mariupol kämpfen, ist unklar, es könnten tausende sein und es könnten noch mehr werden. Der Vorteil für die russische Militärführung liegt darin, dass viele Tschetschenen Krieg als einzigen Zweck ihres Daseins betrachten. Im Fall ihres Todes gibt es keine trauernden russischen Soldatenmütter, die Fragen stellen. Gefallene tschetschenische Kämpfer "verschwinden" auch deshalb einfach, weil sie, über keine familiären Verbindungen mehr verfügen; weil Eltern und Geschwister in Folge der Kriege der 1990er-Jahre tot sind.

Im Zusammenhang mit jungen männlichen tschetschenischen Flüchtlingen in Europa war von einer "verlorenen Generation" die Rede. Krieg und Ehre spielen eine große Rolle, die ursprünglich vorhandenen Moralbegriffe sind durch die Ereignisse der 90er-Jahre fast komplett verschwunden. Was hier zu hören ist, ist die Faustregel: Wer nicht kämpft, ist kein Mann.

Bei den Gefechten 2014 im Osten der Ukraine hieß es, dass 30 Tschetschenen mit 3.000 Ukrainern fertig würden. Eine Mär, wie sich erst vor wenigen Tagen herausstellte, als ein tschetschenischer Stoßtrupp bei Kiew von den Verteidigern fast komplett aufgerieben und der kommandierende General offenbar getötet wurde. Auch das ist wahrscheinlich ein Resultat der allgemeinen russischen Fehlplanungen.

Wobei Tschetschenen-Präsident Kadyrow vor kurzem behauptete, selbst in der Ukraine unweit von Kiew zu sein. In einem über die sozialen Medien verbreiteten Video sind neben dem 45-Jährigen mehrere Männer in Uniformen und mit Waffen zu sehen, die einen Plan auf einem Tisch studieren. "Neulich waren wir etwa 20 Kilometer von Ihnen entfernt, Kiewer Nazis, und jetzt sind wir noch näher, und raten Sie mal, wie nahe wir gekommen sind", droht Kadyrow der ukrainischen Führung. "Besser, ihr ergebt euch und stellt euch neben uns, wie ich schon mehrmals vorgeschlagen habe, oder Euer Ende steht bevor."

Kadyrow, Anführer von Todesschwadronen, ist Putins perfekter Vasall, brutal und seinem Herren treu ergeben. Er steht als Chef an der Spitze jener zahllosen Tschetschenen, die "den Kampf und das Töten als einziges Mittel erfahren haben, um sich gut zu fühlen", wie der deutsche Psychologe Thomas Elbert weiß.

Von Syrien in die Ukraine

Während tausende Freiwillige aus dem Westen auf ukrainischer Seite kämpfen wollen - darunter altgediente Soldaten genauso wie militärisch unerfahrene Träumer - rekrutiert die russische Armeeführung jetzt auch in Syrien.

Dort ist Moskau ebenfalls seit Jahren militärisch aktiv, dort liegt ein Land nach einem Bürgerkrieg in Trümmern, und in Syrien ist wie in Tschetschenien eine junge Generation herangewachsen, die außer Krieg und Zerstörung nicht viel erlebt hat. Offenbar haben sich bereits tausende Syrer "freiwillig" bei den russischen Rekrutierungszentren für den Einsatz in der Ukraine gemeldet und sollen der berüchtigten Söldnergruppe Wagner zugeteilt werden. Viele von ihnen haben in der syrischen Armee gedient und kennen den Häuserkampf. Eine Fertigkeit, die bei der Einnahme von Städten wie Mariupol und Kiew wichtig sein wird. Wobei klar ist, dass sie alle von Russland Geld bekommen. Die Rede ist von 3.000 Dollar für Ukraine-Kämpfer, wobei nicht klar ist, für welchen Zeitraum.

Das ist nichts gegen das, was westliche Söldner, sogenannte "private contractors", etwa in den Kriegen im Irak oder in Afghanistan verdienten. Hier waren 10.000 bis 15.000 Dollar pro Monat - fallweise auch mehr - durchaus üblich.