Kiew/Warschau/Brüssel. Es war der nächste polnische Vorstoß, der für Aufregung sorgte. In der Vorwoche hatte der Vorschlag aus Warschau, Kampfjets in die Ukraine zu schicken, Unmut bei den Nato-Verbündeten in Washington ausgelöst. Nun stößt die Idee einer internationalen Friedensmission der Nato zur Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland auf geteiltes Echo. Lanciert hat sie der polnische Vizepremier und Vorsitzende der Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit), Jaroslaw Kaczynski. Diese Mission solle, von Streitkräften geschützt, mit Zustimmung der Ukrainer auf deren Territorium agieren, erklärte er.

Skeptische Kommentare kamen prompt aus mehreren Staaten der westlichen Militärallianz, unter anderem aus den Niederlanden, Großbritannien und Kanada. "Ich fürchte, es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen", meinte etwa die niederländische Verteidigungsministerin Kajsa Ollongren am Rande eines Nato-Treffens, das am Mittwoch in Brüssel stattfand. Es müsse zunächst einen Waffenstillstand geben, fügte sie hinzu.

Öffentlich aufgeschlossen zeigte sich hingegen Estland. Eine Friedensmission sei eine der Möglichkeiten, um die Ukraine zu unterstützen, befand Verteidigungsminister Kalle Laanet. Solch ein Vorhaben sollte allerdings vom UNO-Sicherheitsrat entschieden werden.

Ruf nach Waffenlieferungen

Kaczynskis Überlegungen waren Folge eines Besuchs in Kiew. Der Politiker war am Dienstag gemeinsam mit den Ministerpräsidenten Polens, Tschechiens und Sloweniens, Mateusz Morawiecki, Petr Fiala und Janez Jansa, am Dienstag per Zug in die ukrainische Hauptstadt gereist, um dort unter anderem Präsident Wolodymyr Selenskyj zu treffen. Es sollte vor allem ein Signal der Solidarität sein. "Ihr seid nicht allein", betonte Fiala daher. Die Ukrainer würden um ihr Leben und ihr Land kämpfen: "Wir wissen, dass Ihr auch um unser Leben kämpft."

Ähnlich äußerte sich Morawiecki. Er wiederholte außerdem seine Forderung, der Ukraine rasch den Status eines EU-Beitrittskandidaten zu gewähren - und jene nach Waffenlieferungen an das osteuropäische Land.

Auch nach Angaben seines tschechischen Kollegen benötige die Ukraine vor allem mehr Waffen. Daneben sei es bei den Gesprächen in Kiew ebenfalls um Sanktionen, humanitäre Hilfe und mögliche weitere diplomatische Schritte gegangen, berichtete Fiala nach seiner Rückkehr nach Prag. Der Ruf nach militärischer Unterstützung kommt ebenso immer wieder aus der ukrainischen Führung selbst.

Erinnerung an Pearl Harbor

So richtete Präsident Selenskyj am Mittwoch per Video einen Appell an den US-Kongress. Wenn die Forderung nach einer Flugverbotszone zu viel verlangt sei, dann brauche sein Land Flugzeuge und Flugabwehrsysteme, stellte er fest. Er habe eine Pflicht: "Ich muss unseren Luftraum schützen."

"Wir brauchen Sie jetzt", rief Selenskyj den US-Kongressabgeordneten zu - und erinnerte diese an zwei Ereignisse. Er verwies zum einen auf den Überraschungsangriff Japans auf die US-Pazifikflotte im Dezember 1941: "Denken Sie an Pearl Harbor." Zum anderen: "Wenn Sie an die Ukraine denken, dann erinnern Sie sich an die Angriffe vom 11. September 2001."