Jetzt sollen auch noch die Syrer kommen. Nachdem die tschetschenischen Söldner wohl nicht den erhofften Erfolg für die Russen im Krieg gegen die Ukraine gebracht haben, will Wladimir Putin nun Kämpfer aus dem zerstörten Bürgerkriegsland schicken. Rund 16.000 "Bewerber" aus dem Nahen Osten sollen sich "freiwillig" gemeldet haben, um in der Ukraine auf russischer Seite zu kämpfen, verkündete der Kreml-Chef vor wenigen Tagen.

Syrische Soldaten hat Putin bereits im Kampf in Libyen eingespannt, wo er auf der Seite von Khalifa Haftar steht. Gaddafis Ex-General hat im Osten des Landes sein Imperium geschaffen und verteidigt dies mit aller Härte - und mit Putins Unterstützung. Syrische Söldner bilden dort das personelle Rückgrat der sogenannte "Wagner Truppe", einer halb-privaten russischen Spezialeinheit für Auslandseinsätze, und nicht wenige von ihnen dürften nun bereits einen Marschbefehl für eine Verlegung in die Ukraine in der Tasche haben.

Der Krieg in Syrien dürfte für Putin aber auch die Blaupause für das sein, was er jetzt in der Ukraine anrichtet. Denn im Bürgerkriegsland hat Putin seit Jahren erfolgreich seine eigenen Interessen durchgesetzt - mit hohem Blutzoll und ohne die geringste Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung. Kristin Hellberg, Syrien-Expertin und langjährige Nahostkorrespondentin, kommentiert in ihrem Buch "Der Syrien-Krieg" das Vorgehen Putins so: "Der russische Präsident will mit den Mächtigen dieser Welt auf Augenhöhe kommunizieren. Er führt ein Imperium und möchte entsprechend behandelt werden. Genau das hat er in Syrien erreicht - mit diplomatischem Gewicht, militärischer Stärke und Propaganda."

Folgenlose rote Linien

Syrien ist zum Game-Changer für den Kreml-Herrscher geworden, zum Wendepunkt im Streben nach Geltung und Macht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war Russland an die Peripherie gedrängt, mit wenig Einfluss auf der internationalen Bühne. So bezeichnete Ex-US-Präsident Barack Obama Putins Russland im März 2014 herablassend als "Regionalmacht", was eine tiefe Wunde in seine Seele gerissen haben dürfte.

Mit Syrien bekam Putin die Chance, wieder ganz vorne mitzuspielen. Als Obama das Überschreiten seiner zuvor gezogenen "Roten Linie" bei einem Giftgasangriff des syrischen Diktators Bashar al-Assad auf seine Landsleute ohne Folgen zuließ, sah der russische Präsident seine Stunde gekommen. Ab Sommer 2015 schickte Putin auf Bitten Assads Truppen und militärisches Gerät und änderte damit den Verlauf des Bürgerkriegs.

In der syrischen Hafenstadt Tartus verfügt Moskau bereits seit 1977 über eine Basis - die letzte im fernen Ausland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Doch mit der russischen Militärintervention wurden die Verflechtungen zwischen dem Assad-Regime und Russland noch einmal enger. Damaskus gewährte Moskau die kostenlose und unbefristete Nutzung des Flughafens Hmeimin südöstlich von Latakia, den Putin zu einem russischen Luftwaffenstützpunkt ausbauen ließ, auf dem inzwischen nuklearfähige Bomber landen können.

Völkerrecht missachtet

Wie sehr sich Russland wieder als Großmacht und zentraler Spieler im Nahen Osten begreift, war auch bei der Pressekonferenz von Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag in Moskau zu sehen, als dieser seinen Kollegen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zu Gast hatte. Lawrow nahm staatsmännisch zu allen Krisen der Region Stellung: Jemen, Libyen, Syrien, Mali. Sollte heißen: Überall redet Russland mit. Syrien solle wieder in den Kreis der arabischen Länder aufgenommen werden, sagte Lawrow und blickte Scheich Abdullah bin Zayed Al Nahyan von der Seite an. Dieser nickte zustimmend. Die VAE, die derzeit einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat innehaben, hatten sich bei der Abstimmung über den Ukraine-Krieg enthalten - zugunsten Russlands, wie dieses Votum interpretiert wird. Und es ist gut vorstellbar, dass die Golfemirate bei der Reintegration von Assad eine führende Rolle spielen werden und genügend Geld lockermachen, um das in Trümmern liegende Land wieder aufzubauen. Was Europäer und Amerikaner ablehnen, erledigen möglicherweise die Machthaber vom Golf.

Zumindest formal gibt es aber dennoch Unterschiede zwischen dem Einsatz in Syrien und dem Überfall auf die Ukraine. Weil Putin auf Damaskus’ Einladung interveniert hat, ist sein Einsatz in Syrien - anders als der jetzige Angriffskrieg gegen den kleineren Nachbarstaat - nicht völkerrechtswidrig. Trotzdem missachten die Russen auch in Syrien konsequent das Völkerrecht. Ohne Rücksicht auf Zivilisten bombardiert die russische Luftwaffe in Syrien Wohngebiete, ihre gezielten Angriffe auf Krankenhäuser, Schulen und Märkte sowie der Einsatz von Brandbomben, Streumunition und Vakuumbomben in ziviler Umgebung sind vielfach belegt und verheißen für die Menschen in der Ukraine nichts Gutes. Die monatelange Belagerung Aleppos, Syriens zweitgrößte Stadt und Weltkulturerbe, brachte unendliche Zerstörung und bis heute anhaltendes Leid über die Bevölkerung.

Russlands Interessen im Nahen Osten wurden mit Flächenbombardements und vielen Toten gesichert. Und bei allen Unterschieden und anders gelagerten Hintergründen in Syrien und in der Ukraine, scheint doch eines offensichtlich: Syrien hat Wladimir Putin stark gemacht und ihn dazu verleitet, seine Großmachtsträume ohne Rücksicht auf die menschlichen Kosten weiter zu verfolgen.