Franz-Stefan Gady analysiert täglich das militärische Lagebild in der Ukraine. Jeden Morgen teilt er via Twitter seine Einschätzungen und durch ihn bekommt das Publikum einen Einblick in den Diskurs der Militärexpertinnen und -experten, die sich den Kopf über diesen Krieg zerbrechen.

"Wiener Zeitung": Ist Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine in eine neue Phase eingetreten?

Franz-Stefan Gady: Ich stimme der Aussage, dass der russische Blitzkrieg gegen die Ukraine vorerst gescheitert ist, nicht zu. Ich würde sagen: Die russische Version der Shock-and-Awe-Doktrin ist gescheitert. Die Führung in Moskau hat ja nicht wirklich geplant, dass das eine konventionelle Operation im großen Rahmen sein wird. Schon der ursprüngliche Kampagnenplan war viel zu ambitiös - mit zu vielen Angriffsachsen -, aber auch die unrealistischen politischen Ziele, die dann die militärische Kampagne diktiert haben. Das möchte ich nur vorausschicken, weil jetzt jeder sagt, dass die russische Armee völlig versagt hat. Wir leben außerdem im ukrainischen Narrativ dieses Krieges, weil diese Seite eben viel besser und viel aktiver mit uns kommuniziert.

Franz-Stefan Gady ist Politikberater und Analyst am Institute for International Strategic Studies (IISS) in London. Er berät Regierungen und Streitkräfte in Europa und den Vereinigten Staaten zu Themen der Strukturreform, organisatorische, doktrinelle Weiterentwicklung, sowie der Zukunft des Krieges. In Wien ist er beim Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES) zu finden. Gady
Franz-Stefan Gady ist Politikberater und Analyst am Institute for International Strategic Studies (IISS) in London. Er berät Regierungen und Streitkräfte in Europa und den Vereinigten Staaten zu Themen der Strukturreform, organisatorische, doktrinelle Weiterentwicklung, sowie der Zukunft des Krieges. In Wien ist er beim Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES) zu finden. Gady

Was sind die derzeitigen Hotspots in diesem Krieg?

Mich treibt die Frage um, wie die Lage der ukrainischen Streitkräfte im Donbass ist. Wie ist die Lage an der Kontaktlinie beziehungsweise dort, wo die line of contact einmal war?

Was passiert dort?

Von Mariupol stoßen russische Truppen nach Norden vor und von Richtung Charkiw versuchen russische Verbände nach Süden vorzustoßen. Mit diesem Manöver wollen die russischen Truppen die ukrainischen Verbände vom Hinterland weiter westlich abschneiden und so verhindern, dass sich diese Verbände zurückziehen und dann wieder westlich des Dnepr neu gruppieren.

Wie steht es um Kiew?

Das ist immer noch ein Hauptziel der russischen Streitkräfte. Da haben die russischen Truppen enorme Schwierigkeiten, diese Stadt vor allem im Süden abzuschließen. Ob es den russischen Truppen gelingt, diesen Belagerungsring zu schließen, ist derzeit schwer abzuschätzen. Was wir aber jedenfalls sehen, ist, dass sich das Tempo des russischen Vormarschs dort deutlich verlangsamt hat. Die russische Armee wird nun davon auszugehen haben, dass sie rund um Kiew auf Grabensysteme, Minenfelder und andere, robuste Verteidigungsanlagen treffen wird. Eines ist klar: Die russische Armee verfügt nicht über genügend Soldaten, um Kiew im Häuserkampf anzugreifen und zu erobern. Einen Frontalangriff auf Kiew halte ich daher für sehr, sehr unwahrscheinlich. Mag sein, dass die russische Armee verstärkt auf Artillerie setzen wird - und das bedeutet, dass eine hohe Anzahl ziviler Opfer zu erwarten ist.

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Im Moment sieht es für mich so aus, als wäre Kiew ein Faustpfand, mit der Wladimir Putin versucht, der ukrainischen Regierung von Wolodymyr Selenskyj entsprechende Konzessionen abzupressen. All das sage ich mit dem Wissen, dass unser Blick durch den sogenannten "Nebel des Krieges" getrübt ist. Im Krieg gibt es keine Sicherheiten, es gibt keine zwingende Logik, das Kampfgeschehen verändert sich, mutiert ständig und somit muss allen Analysten - auch mir - klar sein, dass man stets bereit sein muss, die eigenen Hypothesen über den Haufen zu werfen. Das gesagt habend, bin ich immer noch der Überzeugung, dass es das Ziel der russischen Streitkräfte bleibt, diesen Belagerungsring rund um Kiew weiter zuzuschnüren. Wobei das schwierig sein wird, solange es im Westen des Landes intakte ukrainische Einheiten gibt, die versuchen können, diesen Belagerungsring - sollte er entsprechend gezogen werden - von außen aufzubrechen.

Wie schlimm wird es in Kiew noch?

Man muss sich das vorstellen: Beim Sturm auf Berlin waren 1945 1,5 Millionen Sowjetsoldaten im Einsatz. Da ging es im Häuserkampf Haus um Haus, Mann gegen Mann. Diese 1,5 Millionen Soldaten der Roten Armee wurden von der Stadt quasi verschluckt. Eine Schlacht um Kiew - das kann man sich gar nicht vorstellen. Es gibt beim Militär in manchen Fällen eine recht simple Arithmetik: Im offenen Feld sollte bei einem Gefecht das Angreifer-Verteidiger-Verhältnis drei zu eins sein, um als Angreifer eine Chance auf Erfolg zu haben. Im urbanen Gelände verschiebt sich dieses Verhältnis auf fünf zu eins. Ich wage aber zu sagen, dass dieses Verhältnis in der derzeitigen Situation mit den Manpads - also Stinger-Flugabwehrraketen und Ähnliches - und panzerbrechenden Lenkwaffen, über die die ukrainische Armee verfügt, sich deutlich verschiebt. Das Verhältnis verschiebt sich dadurch auf sieben zu eins oder acht zu eins. Die Ukrainer hatten auch zuletzt Zeit, ihre Verteidigungsanlagen auszubauen. Das bringt mich zu dem Schluss, dass die russische Armee in der jetzigen Phase nicht in der Lage ist, die Stadt zu nehmen. Zumindest solange es in Russland keine Mobilmachung gibt, um dem Krieg - sagen wir - weitere 100.000 Mann zuzuführen. Gibt es schlicht nicht genügend Personal dafür. Zudem: Wenn das politische Ziel, die Selenskyj-Regierung zu stürzen, aufgegeben wurde, dann hat es auch keinen Sinn, dass so viele militärische Ressourcen rund um Kiew gebunden sind. Mir fällt es übrigens immer noch schwer zu glauben, dass es wirklich Plan war, Territorium zu annektieren. Im Moment sucht die russische Führung nach dem Scheitern des Initial-Plans nach Ad-hoc-Lösungen, um weiterzumachen.

Eine weitere Hypothese, die unter anderem der österreichische Militärexperte Gustav Gressel vertritt, lautet, dass am 1. April die neuen Rekruten in die russische Armee einrücken und man den Jahrgang der Wehrpflichtigen, die man im Gegenzug eigentlich entlassen hätte, als Vertragsbedienstete für weitere Monate übernimmt. Das verschafft der russischen Armee von Mitte bis Ende April eine Personalreserve, denn die Einheiten, die abgedient haben, könnte man dann nutzen, um sich einen größeren Brocken Territorium einzuverleiben, bevor es zu Verhandlungen kommt.

Hat sie die Performance der russischen Armee überrascht?

Wir haben immer gewusst, dass die russische Logistik mit der derzeit bestehenden Streitkräftestruktur schwierig sein wird. Die Taktischen Bataillonsgruppen haben viel zu wenig Logistikelemente und Unterstützungseinheiten und auch einen viel größeren Munitionsverbrauch als westliche Armeen der Nato. Das war nicht überraschend. Dazu kommt, dass die russischen Streitkräfte nicht für "tiefe Operationen ins Feindesland" - wie das heißt - konzipiert sind. Die Armee ist auf Operationen eingestellt, bei denen sie defensiv-offensive Missionen im eigenen Land erfüllt und sich auf das russische Eisenbahnnetz stützen kann. Denn die Logistik der russischen Armee kreist um die Eisenbahn. Das ist auch der Grund, warum Charkiw so umkämpft ist, weil sich dort ein sehr wichtiger Eisenbahnknoten befindet. Dass die russischen Einheiten im Nordwesten festgesessen sind, geht darauf zurück, dass es dort keine Nord-Süd-Eisenbahnverbindung gibt. All das hat die Expertinnen und Experten nicht überrascht. Aber: Dass die Armee im Kampf der verbundenen Waffen nicht funktioniert, war schon überraschend. Die Erklärung ist, dass die ganze Operation nie so geplant war, die russischen Einheiten sind ja teilweise wie in Friedenszeiten vorgerückt. Mich erinnert das ein wenig daran, wie die Amerikaner 2003 im Irak einmarschiert sind - mit Humvees ohne Panzerung und völlig unvorbereitet darauf, was sie da mittelfristig erwartet. Dieses schlechte Beispiel hat man sich offenbar zum Vorbild genommen. Daher können wir nicht von einem Blitzkrieg, der da gescheitert ist, sprechen. Es war kein Blitzkrieg der verbundenen Waffen. Die Fragen, die sich nun stellen: Wie schnell können sich die russischen Truppen auf die Situation einstellen, wie schnell kommt Verstärkung?

Kann Russland sich in der Ukraine überhaupt als Okkupationsarmee festsetzen?

Es sieht nicht danach aus, als wäre die Bevölkerung bereit zur Kooperation. Ich kann mir daher schwer vorstellen, dass Russland sich größere Gebiete ins Staatsgebiet einverleibt, ohne dass es zu größeren Aufständen der Bevölkerung kommt. Freilich: Man kann nicht ausschließen, dass Russland plant, diese Gebiete wie damals Grosny in die Unterwerfung zu bomben. Ich glaube, realistischerweise bleibt nur eine Verhandlungslösung, denn die russischen Streitkräfte würden sich in der Ukraine abnutzen. Das kann nicht im Interesse der Strategen in Moskau sein, die ihren Hauptfeind weiter in der Nato sehen.

Welches Exit-Szenario sehen Sie für Russland?

Etwas, das an Richard Nixons "peace with honor" in Vietnam erinnert. Also irgendetwas, wo Putin einen Sieg beanspruchen kann.