Auch für Fußballer wurden keine Ausnahmen gemacht. Der chinesische Klub Shanghai Port FC kann heuer nicht an der asiatischen Champions League teilnehmen. Denn auch die Sportprofis rund um den brasilianisschen Star Oscar mussten in Quarantäne und durften nicht ausreisen.

Seit etwas mehr als drei Wochen befindet sich Shanghai in einem harten Lockdown, der es dem Großteil der Bewohner verbietet, ihre Wohnblocks zu verlassen. Doch nun gibt es Hoffnung auf eine Wende. Die Behörden meldeten am Mittwoch keine neuen Infektionsfälle in zwei Stadtbezirken. Die strengen Ausgangsbeschränkungen wurden teilweise bereits gelockert und zumindest einzelne Fabriken nehmen allmählich wieder ihre Arbeit auf. So ließ etwa der Elektroautobauer Tesla seine Bänder wieder anlaufen. Der US-Konzern steht auf einer Liste von 666 Unternehmen, die bei der Wiedereröffnung oder Aufrechterhaltung ihres Betriebs in Shangahi bevorzugt werden sollen. Insgesamt dürfen von den 26 Millionen Einwohnern Shanghais rund sieben Millionen wieder ihre Wohnungen verlassen.

Gescheitertes Experiment

Somit versucht die Wirtschaftsmetropole, nach und nach in die Normalität zurückzukehren. Auch der Lockdown erfolgte Schritt für Schritt - und wurde zum gescheiterten Experiment. Die Behörden wollten zeigen, dass man einen Corona-Ausbruch auch bewältigen kann, ohne eine gesamte Stadt lahmzulegen. So wurden bei den ersten Fällen nur die ersten Wohnblocks abgeriegelt, danach einzelne Stadtviertel. Doch als die Zahlen immer mehr stiegen, wurde die gesamte Metropole in den Lockdown geschickt.

Das bedeutete aber auch, dass die Behörden 26 Millionen Menschen versorgen mussten - und darauf waren sie offenbar nicht genügend vorbereitet. Bewohner von Shanghai berichteten, dass sie nicht genug Lebensmittelvorräte hatten, aber auch nicht genug Nachschub bekamen.

Wer Corona hatte, wurde sofort in eines der Quarantäne-Zentren gebracht - meist waren das improvisierte Bettenlager, die teils in Messehallen errichtet wurden. Dabei gingen die Behörden drastisch vor - selbst infizierte Kleinkinder wurden von ihren Eltern getrennt. Weil das wütende Proteste hervorrief, versprachen die Verantwortlichen aber, diese Maßnahme wieder zurückzunehmen.

Generell gab es in Shanghai für chinesische Verhältnisse viel Protest gegen die wochenlange Wegsperrung. Das belegen zahlreiche Videos, die es teilweise sogar in die chinesischen sozialen Netzwerke geschafft haben, bevor die Zensoren sie löschten. So zeigt eines eine Hochhaus-Siedlung bei Nacht, in der Menschen an ihren Fenstern stehen und rufen: "Wir haben Hunger", und: "Lasst uns frei". Über den Häusern kreisen Polizeidrohnen, die über Lautsprecher an die einzuhaltenden Corona-Maßnahmen erinnern.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Berichte darüber, dass die Nachbarschaftskomitees in den Wohnanlagen scharf über die Einhaltung der Maßnahmen wachen. Und dass auch viele Bürger hinter den staatlichen Verordnungen stehen, renitentes Verhalten als unpatriotisch erachten und dieses auch den Behörden melden.

Sie liegen damit ganz auf Linie der Kommunitischen Partei (KP), die zu einem "Volkskrieg" gegen Corona aufgerufen hat. Passend dazu hat Staats- und Parteichef Xi Jinping verkündet, dass zur Rechenschaft gezogen wird, wer im Kampf gegen Corona seine Pflichten nicht einhält.

Auffallend wenige Tote

Das ist auch eine politische Anweisung, die innerhalb des chinesischen Apparates massiven Druck erzeugt, der von oben nach unten weitergegeben wird. Mit entsprechendem Eifer versuchen die Behördenvertreter, die Zahlen in ihrem Zuständigkeitsbereich unten zu halten.

Deshalb ist diesen Zahlen nur bedingt zu trauen. Erst in den vergangenen drei Tagen wurden in Shanghai 17 Tote eingeräumt. Allerdings wird offenbar oft, wenn möglich, eine andere Todesursache genannt. Zudem sind dabei nicht die zahlreichen Toten genannt, die aufgrund der harten Corona-Maßnahmen starben. Denn viel Kranke, die nicht Corona haben, sitzen unbehandelt in ihren Wohnungen fest. "Du darfst an allem sterben, nur nicht an Corona", lautet ein Witz, der gerade kursiert.

Die Lahmlegung der Stadt, die für vier Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts sorgt, hat gravierende Folgen. Fabriken stehen still und im Frachthafen können zahlreiche Schiffe nicht auslaufen - was bald auch die Weltwirtschaft zu spüren bekommen wird.

Trotzdem will Xi auch bei der hochansteckenden Omikron-Variante an der Null-Covid-Strategie festhalten. Es gibt hier auch nur noch schwer ein Zurück, weil sie propagandistisch eines der wichtigsten Instrumente der Partei ist. Die niedrigen Zahlen an Toten und Infizierten zeigen demnach die Überlegenheit des chinesischen Systems gegenüber dem dekadenten Westen.(klh)