Die Libanesen haben inmitten der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise in der Geschichte des Landes ein neues Parlament gewählt. Vor allem viele jüngere Wähler hofften am Sonntag angesichts der schwierigen Lage auf einen Sieg oppositioneller Kandidaten. Sie machen für den Niedergang die seit Jahrzehnten regierenden Parteien verantwortlich. Es ist die erste Parlamentswahl seit der Explosionskatastrophe vor fast zwei Jahren, die Hafen und Zentrum Beiruts massiv zerstörte.

Fast vier Millionen Menschen waren aufgerufen, die 128 Mitglieder des Abgeordnetenhauses zu bestimmen. In Beirut kam es am Vormittag zu langen Staus auf den Straßen und Schlangen vor Wahllokalen. Erste vorläufige inoffizielle Ergebnisse könnte es am Sonntagabend geben.

Die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise hat im Herbst 2019 begonnen und trifft große Teile der Bevölkerung. Nach UNO-Angaben leben rund drei Viertel der Menschen im Libanon mittlerweile unter der Armutsgrenze. Die libanesische Währung hat mehr als 90 Prozent ihres Wertes verloren. Die Inflation liegt bei mehr als 200 Prozent.

Nur wenige Stunden Strom pro Tag

Im Alltag kämpfen die Libanesen mit Mangelversorgung. So haben viele Haushalte nur wenige Stunden am Tag Strom. Auch lebenswichtige Medikamente fehlen. Zuletzt wuchsen die Sorgen vor einer Brotkrise.

Wegen eines komplizierten Wahlsystems sind genauere Vorhersagen kaum möglich. Die Chancen auf einen größeren Wandel seien jedoch gering, sagte der libanesische Politikprofessor Imad Salamah. "Das Wahlsystem ist darauf zugeschnitten, das politische Establishment zu erhalten."

Viele Beobachter rechnen damit, dass die mit dem Iran verbündete schiitische Hisbollah ihre ohnehin starke Stellung festigen kann. Unklar ist, wie sich der Rückzug des bisher wichtigsten sunnitischen Politikers, Saad al-Hariri, auswirkt. Der Ex-Ministerpräsident hatte im Jänner überraschend seinen Verzicht auf eine Kandidatur verkündet.

Größer als bei früheren Wahlen ist die Zahl oppositioneller Kandidaten. Viele gehen aus den Massendemonstrationen gegen die politische Führung hervor, die 2019 ausgebrochen waren. Laut einer Umfrage im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung ist der Kampf gegen die Korruption für viele Libanesen die wichtigste Herausforderung. Viele wünschen sich demnach auch eine "neue und saubere politische Klasse".

Fragiles Gleichgewicht der Konfessionen

"Wir wollen einen Wandel", sagte ein Oppositionsanhänger vor einem Wahllokal in Beirut. "Es wird schwer, das bei einem Mal zu schaffen. Aber es muss besser werden." Jeder Wähler muss nach der Stimmabgabe einen Finger in blaue Tinte tauchen, um eine doppelte Wahl zu verhindern. Einige Gegner der regierenden Parteien nutzten das, um ein Zeichen des Protests zu setzen: Sie verbreiteten in den sozialen Medien Bilder ihres blau gefärbten ausgestreckten Mittelfingers.

Das politische System des Libanon ist bestimmt durch ein fragiles Gleichgewicht der Konfessionen. Staatsoberhaupt ist immer ein Christ, Regierungschef ein Sunnit und Parlamentspräsident ein Schiit. Kritiker bemängeln, die wichtigsten Entscheidungen würden von den führenden Politikern jedoch außerhalb des Parlaments getroffen.

Bei der Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut waren am 4. August 2020 mehr als 190 Menschen ums Leben gekommen. Rund 6.000 Menschen wurden verletzt. Die genaue Ursache der Detonation ist weiter unklar. (apa)