Die drei Nomaden waren losgezogen, um Essen für ihre hungernden Familien zu besorgen. 60 Kilometer waren sie in sengender Hitze auf ihren Kamelen unterwegs, doch sämtliche mögliche Wasserstellen auf ihrem Weg in der äthiopischen Region Afar waren ausgetrocknet. Als ein Fahrer der Hilfsorganisation APDA (Afar Pastoralist Development Association) die drei Männer fand, waren zwei bereits verdurstet, der dritte befand sich im Delirium. Der Fahrer holte schnell Wasser und rettete dem Nomaden das Leben.

"Wenn man einem Verdurstenden begegnet, darf man ihm nicht sofort große Schlucke Wasser zu trinken geben. Denn dann droht ein Herzinfarkt", berichtet Valerie Browning, die Programmdirektorin von APDA. "Man muss ihn zuerst bespritzen, um seine Körpertemperatur zu kühlen. Und danach gibt man ihm nach und nach kleine Schlucke Wasser."

Das wisse so gut wie jeder Bewohner Afars, sagt Browning. Denn der Durst ist dort für viele Menschen ein quälender Begleiter. Die steinige Region ist ohnehin schon eine der heißesten noch von Menschen bewohnten der Welt, in der es im Sommer mehr als 50 Grad Celsius haben kann. Nun aber bleibt der Regen immer öfter aus, häufen sich die Dürren. Der Grund dafür ist der Klimawandel.

Leben mit Nomaden statt mit Pensionsvorsorge

Browning hat die Veränderungen miterlebt. Die gebürtige Australierin heiratete einen Afar und tauschte vor 33 Jahren ein Dasein mit Pensionsvorsorge und Sozialversicherung gegen ein Leben in einer der kargsten Regionen Afrikas ein. Seit rund 30 Jahren betreibt die gelernte Krankenschwester mit anderen Afar die Hilfsorganisation APDA. Diese sieht ihre Aufgabe darin, die Afar, die großteils Nomaden sind, derart zu stärken, dass sie in möglichst großem Maße selbst ihre Zukunft bestimmen können. Das geschieht durch wirtschaftliche Schulungen, den Aufbau von Gesundheitszentren und auch die Stärkung von Frauenrechten - so kämpft APDA schon lange gegen die weibliche Genitalverstümmelung.

Seit rund 30 Jahren unterstützt Browning mit Entwicklungsprojekten die Menschen in Afar. 
- © Sonne International

Seit rund 30 Jahren unterstützt Browning mit Entwicklungsprojekten die Menschen in Afar.

- © Sonne International

APDA ist, und das ist Browning wichtig, eine in der Region verwurzelte Organisation. "Es reicht nicht aus, einfach nur Lebensmittel abzuwerfen, ohne drauf zu achten, dass die Menschen selbst produktiv werden. Und es bringt nichts, den Menschen Konzepte von außen umzustülpen, die nicht in den Gemeinschaften selbst verankert sind", betont sie.

Das bedeutet aber nicht, dass APDA nicht mit westlichen Organisationen zusammenarbeitet, die Ressourcen und ihr Wissen zur Verfügung stellen. Und einer der wichtigsten Partner ist die österreichische NGO "Sonne International", die Browning anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens nun in Wien besuchte.

Im Zuge dessen berichtete Browning der "Wiener Zeitung", dass ihre Organisation nun immer mehr akute Nothilfe leisten muss. Denn die Klimakrise hält die Nomaden in einem Teufelskreis gefangen: Weideflächen vertrocknen und das Vieh verendet. Die Zeit von einer Dürre zur nächsten ist mittlerweile zu knapp, um den Viehbestand wieder genügend aufzustocken - zumal eine Ziege auch keine Jungen werfen kann, solange sie nicht ausreichend ernährt ist.

"Früher haben die Afar viel Fleisch gegessen und Milch getrunken", berichtet Browning. Heute verkaufen viele ihre abgemagerten Ziegen, um Getreide für ihre Familien zu besorgen. Doch auch das hält nur für ein paar Tage, und am Ende sind sie auf Lebensmittelhilfe angewiesen.

Die Afar müssen mit der Kargheit leben. 
- © Moesinger-Photography (www.moesinger-photography.com)

Die Afar müssen mit der Kargheit leben.

- © Moesinger-Photography (www.moesinger-photography.com)

Zumal noch eine weitere Katastrophe das Leiden der Menschen in Afar verstärkt hat: Der äthiopische Bürgerkrieg hat auch auf diese Region übergriffen. Bei diesem bekämpfen sich die Zentralregierung und die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Durch Afar geht einer der wichtigsten Versorgungsstraßen des Landes, die Äthiopien mit dem Hafen von Dschibuti verbindet. Kämpfer der Afar haben diese gegen die TPLF-Rebellen verteidigt, die die Straße dadurch nicht erobern konnten.

Brennende Häuser und getötetes Vieh

Dafür sind die Kämpfer der Ethnie der Tigriner in Teile von Afar eingedrungen und begingen laut Browning schwere Übergriffe. Sie führten demnach willkürliche Tötungen durch, brannten Häuser nieder, zerstörten mutwillig Gesundheitszentren und Schulen. Darüber hinaus schnitten sie die Menschen von ihrer Versorgung ab. TPLF-Kämpfer nahmen den Nomaden ihre Ziegen, töteten diese teilweise auch oder hetzten scharfe Hunde auf sie.

"Es ist eine fürchterliche Zerstörung, die sinnlos ist", sagt Browning. Ihre Berichte decken sich mit denen anderer Augenzeugen aus der Region.

Brownings Organisation versuchte weiterhin, die Menschen zu erreichen. "Unsere Mitarbeiter sind mit der Region vertraut und bereit, Risiken auf sich zu nehmen", sagt sie. Ein Mitarbeiter wurde getötet, zwei Lastwagen wurden geraubt. Mittlerweile hat sich die TPLF aus Afar zurückgezogen, doch niemand weiß, ob der Krieg nicht zurückkehrt.

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Geblieben sind die Zerstörungen und die Not. APDA bringt weiter Wasser in die schlimmsten Dürreregionen. Doch diese Fahrten sind mittlerweile wegen der Inflation viel teurer geworden. Auch weil in Äthiopien die Kosten für Benzin massiv gestiegen sind.

Weiter Glaube an langfristige Entwicklung

Doch auch wenn die Lage derzeit äußerst düster ist, hat Browning den Glauben an eine langfristige Entwicklung nicht verloren. Die Menschen hätten nach wie vor die Möglichkeit, mit den immer schwierigeren Umständen zurechtzukommen. Es gebe im Boden noch viele Wasservorräte. Und bekämen die Nomaden Viehfutter zur Verfügung gestellt, könnten sich die Herden wieder erholen.

Es ist entscheidend, dass sich die Ernährungsgewohnheiten der Nomaden ändern. 
- © Moesinger-Photography (www.moesinger-photography.com)

Es ist entscheidend, dass sich die Ernährungsgewohnheiten der Nomaden ändern.

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Da die Viehzucht immer schwieriger werde, sei es aber auch notwendig, dass sich die sehr einseitige Ernährung der Afar verändere. Hier betreibt APDA gemeinsam mit Sonne ein von der Austrian Development Agency (ADA) mitfinanziertes Projekt, bei dem Afar aus verschiedenen Gemeinschaften damit vertraut gemacht werden, Getreide oder auch Früchte anzubauen. Beteiligt sind auch äthiopische Universitäten, um herauszufinden, welche Nahrungsmittel sich für einen Anbau in dieser schwierigen Region am besten eignen.

Browning berichtet, dass erste Gemeinschaften bereits Spinat oder Bananen angebaut haben, was freilich nur in den Nähen von Flüssen möglich ist. "Sie konnten es kaum glauben, dass das bei ihnen wachsen kann", berichtet sie. "Doch damit öffnet sich wieder eine Tür für eine bessere Entwicklung. Es ist nicht alles nur negativ."