Die Kurden haben Angst. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan plant eine Großoffensive in Nordsyrien. Dort will er die Kurden vertreiben und syrische Flüchtlinge ansiedeln. Ein Plan, den er schon seit geraumer Zeit hegt, aber durch den Widerstand Russlands und der USA nicht verwirklichen konnte.

Doch jetzt will Erdogan die Gunst der Stunde nutzen. Russland und die USA sind mit der Ukraine beschäftigt. Der türkische Präsident glaubt, jetzt freie Hand zu haben. Denn die Angriffe seiner Armee in den letzten Wochen auf kurdische Stellungen im Nordirak sind weitgehend ohne internationale Reaktionen geblieben, obwohl dies eine Verletzung des Völkerrechts darstelle, wie der Deutsche Bundestag in einem Gutachten attestiert.

Darauf wollten tausende Kurden am Wochenende in Deutschland aufmerksam machen, auch im Hinblick auf den G7-Gipfel, der derzeit in Bayern stattfindet. Unter dem Motto "Gegen türkische Besatzung und Einsatz von Chemiewaffen" versammelten sie sich in Düsseldorf und demonstrierten gegen die türkische Kriegspolitik in Kurdistan.

Angriffe "täglich"

Mit dabei war auch Michael Wilk, der mehrfach als Arzt nach Nordsyrien gereist ist, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Wilk warnte eindringlich vor den Folgen eines erneuten türkischen Angriffskrieges in Nordsyrien und berichtete davon, welche schrecklichen Ereignisse die Lokalbevölkerung bereits bei den vergangenen Offensiven der Türkei und ihrer islamistischen Partner im Norden Syriens erlebt hat. "Während die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit auf den Krieg in der Ukraine gerichtet ist, fliegen türkische Drohnen täglich Angriffe auf Rojava (Nordsyrien), Sinjar und den Nordirak", so Wilk.

Zum ersten Mal war die türkische Armee Ende Mai fast 200 Kilometer auf irakisches Territorium vorgedrungen, nach Sinjar, wo die Jesiden ihr Siedlungsgebiet haben. Bislang beschränkte sie ihre Operationen auf die Qandil-Berge im Nordosten des Irak, an der Grenze zur Türkei, wo die kurdische Terrororganisation PKK ihre Stellungen hat. Seit Jahren führt Ankara einen blutigen Krieg mit der PKK. Doch dieses Mal griffen die Türken auch die YPG-Milizionäre im Westen des Irak an, eine Schwesterorganisation der PKK, die im Kampf gegen die Dschihadisten des Islamischen Staates viele Jesiden retteten und sich mit den US-Truppen in Nordsyrien gegen den IS verbündeten. Anders als die PKK, gilt die YPG nicht als Terrororganisation. Nur Erdogan bezeichnet sie als solche.

Erfundener Vorwand

Suleiman Cafer, Mitglied des jesidischen Verbands in Syrien, sieht hinter den Angriffen der türkischen Armee in den letzten Wochen ein System. Erdogan erhoffe sich damit, zunächst die PKK auszuschalten, um dann Sinjar im Irak und Rojava, den von der YPG kontrollierten Norden Syriens, einnehmen zu können. Die zeitgleichen Angriffe auf die Qandil-Berge, Sinjar und Nordsyrien seien kein Zufall, erklärt Cafer der kurdischen Nachrichtenagentur ANF: "Der türkische Staat erfindet vor jedem Angriff einen Vorwand, mit dem er seine grenzüberschreitenden Operationen rechtfertigt."

Die Lage in Sinjar sei unendlich kompliziert, erklärt Dawood Shamoo der "Wiener Zeitung" die Gemengelage im Nordwesten des Irak. Der Jeside stammt ursprünglich aus dem kurdischen Dohuk, arbeitet in Bagdad und hat hervorragende Kontakte in die Provinz Sinjar, wo viele seiner Familienmitglieder lebten, vom IS bedroht und umgebracht wurden. Frau und Kinder hat er während der IS-Herrschaft nach Deutschland in Sicherheit gebracht. "Manche Familien, die in Flüchtlingslagern im Irak vor dem IS untergekommen sind, gehen zurück nach Sinjar, viele haben aber immer noch Angst vor der Rückkehr", weiß Shamoo. Es gäbe zu viele Machtspiele um die Kontrolle der einstigen Jesidenstadt. Die irakischen Sicherheitskräfte kämpften gegen die kurdische Autonomieregierung in Erbil, die Volksbefreiungskräfte, zu denen auch jesidische Milizionäre gehörten, arbeiteten zusammen mit der kurdischen YPG, die der türkische Präsident bekämpft. "In diesem Chaos wollte die irakische Armee sich positionieren und Stärke zeigen." Zwei Tage lang gab es Anfang Juni eine Militäroperation der Armee in der Provinz Sinjar, die gut 200 Kilometer westlich der Kurdenmetropole Erbil liegt. Allerdings habe dies dazu geführt, dass wieder Jesiden geflüchtet seien, berichtet Shamoo, "weil sie zwischen die Mühlen der unterschiedlichen Kräfte gerieten".

Jeder gegen jeden

"Es gibt einfach zu viele Mitspieler im Machtpoker", sagt auch Ali Simoqy. Der Jeside stammt aus Sinjar und hat bis zur Eskalation der Situation im Mai für die UNO dort gearbeitet. Er war dabei, als der "Plan für Sinjar" von dem irakischen Premier Mustafa al-Kadhimi verkündet wurde, den die UNO umsetzen sollte. Demnach sollte die Administration durch die Kurden und die Sicherheit durch die irakische Armee geregelt werden. Doch der seit langem währende Konflikt zwischen Bagdad und Erbil verhindert bis heute die Durchführung des Plans. Stattdessen kämpft nun jeder gegen jeden.