Madrid. Mehr militärische Präsenz im Baltikum, Aufstockung der schnellen Eingreiftruppe von 40.000 auf 300.000 Mann, mehr schwere Waffen: Schon am Dienstag war klar, dass am Nato-Gipfel in Madrid Entscheidendes beschlossen wird. Das Bündnis nimmt ein Konzept an, das Russland als die "bedeutendste und direkteste Bedrohung" für seine Sicherheit benennt. Eine Rückkehr zu Modellen aus der Zeit des Kalten Krieges wird zumindest teilweise vollzogen.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat das Bündnis zum Auftakt bereits auf verstärkte Anstrengungen zur gemeinsamen Verteidigung eingeschworen. "Der Gipfel in Madrid ist entscheidend", so Stoltenberg bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez. Das neue strategische Konzept werde zur "Blaupause der Nato in einer zunehmend gefährlichen und unberechenbaren Welt". Er kündigte fundamentale Änderungen an zur Abschreckung und Verteidigung mit Militärkräften, die weiter vorn an den Nato-Grenzen stünden und mit dort bereitstehendem Material ausgerüstet seien.


Stoltenberg kündigte weitere Hilfen für die Ukraine an, um die Selbstverteidigung des Landes zu unterstützen. "Es ist extrem wichtig, dass wir zu weiterer Unterstützung bereit sind, denn die Ukraine erlebt eine Brutalität, die wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen haben", sagte Stoltenberg.

Zugleich äußerte Stoltenberg die Erwartung, dass es Fortschritte beim Beitritt von Schweden und Finnland gibt. Diesem steht weiter die Ablehnung der Türkei im Weg.

Als Reaktion auf die von der Nato geplante Aufstockung ihrer schnellen Eingreifkräfte will Russland jetzt seine westliche Grenze weiter stärken. Vor dem Hintergrund neuer Gefahren entwickle das Verteidigungsministerium entsprechende Pläne, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Details nannte er nicht. "Die Nato ist ein aggressiver Block, ein Block, der zu Konfrontationszwecken geschaffen wurde."

Russland, das vor mehr als vier Monaten die Ukraine angegriffen hat, wirft dem westlichen Militärbündnis vor, mit seiner Infrastruktur in Richtung der russischen Grenze vorzurücken. Russland hat etwa eine mehr als 1.300 Kilometer lange Grenze zu Finnland. Das Land will ebenso wie Schweden in die Nato.

Die Türkei lenkt ein

Die Türkei hat jetzt überraschend ihren Widerstand gegen die Aufnahme von Schweden und Finnland in die Nato aufgegeben. Die Türkei werde während des Gipfels  die Einladung an die beiden nordischen Länder, Bündnismitglied zu werden, unterstützen, teilte der finnische Präsident Sauli Niinistö am Dienstagabend mit. Ankara begründete seine bisherige Blockadehaltung mit der angeblichen schwedischen und finnischen Unterstützung von "Terrororganisationen".

Vor dem Hintergrund des Nato-Gipfels in Madrid wies der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Telefongespräch mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg auf die Notwendigkeit eines Raketenabwehrsystems für sein Land hin. Mit einem leistungsfähigen System sollten Angriffe verhindert werden, schreibt Selenskyj auf Twitter. In den letzten Tagen hat es ukrainischen Angaben zufolge vermehrt russische Raketenangriffe auf die Zivilbevölkerung gegeben.