Öl und Gas als  Waffe, als Mittel der Machtausübung, als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln - das ist nichts Neues. Öl bringt Reichtum und Vermögen lässt sich wiederum in Macht ummünzen.

Das weiß der russische Präsident Wladimir Putin nur zu gut. Um im Ringen um die Ukraine seine Interessen durchzusetzen, richtet er die Gaswaffe gegen Europa und droht unverhohlen damit, Europa den Gashahn abzudrehen. Die Massenpanikwaffe Gasembargo zeigt die vom Kreml erwünschte Wirkung: Die Märkte spielen verrückt, in der Europäischen Union geht das Gespenst eines kalten, dunklen Winters um.

WZ-Montage: getty / Alexander Nemenov - © WZ-Montage: getty / Alexander Nemenov
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Wladimir Putin weiß auch, wie die Ölwaffe einst gegen die Sowjetunion in Stellung gebracht wurde. Denn in der Zeit der Präsidentschaft von Ronald Reagan (1981-1989) begannen die USA die Sowjetunion wirtschaftlich in die Zange zu nehmen: Als Antwort auf die Erklärung des Kriegsrechts in Polen unter dem Druck des Kreml im Dezember 1981 verhängten die USA schwere Sanktionen gegen die Sowjetunion. Washington nahm das Jamal-Pipeline-Projekt, das Gas von der sibirischen Halbinsel nach Europa bringen sollte, ins Fadenkreuz (übrigens eine interessante Parallele zu Washingtons Gegnerschaft zur Nord-Stream-2-Pipeline).

Als wirksamste Waffe erwies sich, die Sowjetunion mithilfe Saudi-Arabiens aus dem Ölmarkt zu spülen. Mitte der 80er Jahre bewegten die USA Saudi-Arabien dazu, die Ölproduktion massiv zu erhöhen - und zwar von zwei Millionen Barrel auf 10 Millionen Barrel. Der Ölpreis verfiel daraufhin dramatisch: Dieser stürzte von 32 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) auf rund 10 US-Dollar pro Barrel ab. Ein vernichtender Schlag für die Wirtschaft der UdSSR, die dadurch alleine im Jahr 1986 rund 20 Milliarden Dollar an Einnahmen verlor (rund 7,5 Prozent der Gesamteinnahmen dieses Jahres). Die Sowjetunion taumelte daraufhin in eine schwere Rezession, die letztlich auch das Ende der sowjetischen Kommandowirtschaft bedeutete.

Doch die Frage ist, ob Wladimir Putin Europa mit der Gaswaffe so in die Knie zwingen kann, wie damals die USA - mit tatkräftiger Unterstützung Saudi-Arabiens - die Sowjets im Kalten Krieg besiegten?

Das Opec-Embargo nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 - bietet Anschauungsmaterial, das in eine andere Richtung deutet. Das Embargo ließ zwar den Ölpreis nach oben schnellen, doch mittelfristig erholte sich dieser wieder. Denn der hohe Ölpreis führte dazu, dass sich sparsamere Autos am Markt etablierten und Energiesparen zum Thema wurde.

Die Ideen in Bücher wie "Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß" von Ernst Friedrich Schuhmacher oder "Die Grenzen des Wachstums" von Dennis L. Meadows, Donella Meadows und Jørgen Randers fielen auf fruchtbaren Boden, das bedingungslose Wachstumsparadigma, das seit den Wirtschaftswunderjahren dominiert hatte, wurde plötzlich hinterfragt.

Den Opec-Ölministern dämmerte, dass ein zu hoher Ölpreis dazu führen könnte, dass die Suche nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen intensiviert wird. Ein Abwürgen der Weltwirtschaft erwies sich ebenfalls nicht im Interesse der Produzentenländer: Denn damit würden auch die Einkünfte aus dem Öl- und Gasgeschäft nicht mehr so munter sprudeln. Immerhin: Die Staaten am Golf hatten den großen Vorteil, dass ihr Öl und Gas in der Produktion viel billiger ist und viel leichter an die Märkte zu bringen ist, als die russische Konkurrenz. Und so war es aus Sicht der Opec sinnvoll, zu versuchen, den Sowjets Marktanteile abzunehmen.

Seit dieser Zeit war die Opec stets bestrebt, die Entwicklung des Ölpreises so zu beeinflussen, dass er hoch genug ist, um den Mitgliedern stattliche Einkünfte zu sichern, aber dieser nicht durch die Decke geht und damit fossile Energieträger im Vergleich zu Erneuerbaren an Konkurrenzfähigkeit einbüßen.

Wladimir Putin hintertreibt mit seinem Angriff auf die Ukraine und dem Drehen am Gashahn die langjährige Opec-Linie. Denn nun gilt: Wem Greta Thunberg bisher als Stichwortgeberin für einen Ausstieg aus Öl und Gas und einer Hinwendung zu erneuerbaren Energieträgern nicht gereicht hat - das schafft jetzt Wladimir Putin. Die Anschaffung einer Wärmepumpe und eines Elektroautos, die Installation von Fotovoltaik und der Bau von Windfarmen war noch nie so attraktiv wie heute.

Eine Geschichte von Gier,
Krieg, Macht und Geld

Der Aufstieg und Fall der großen Imperien ist mit der Verfügbarkeit von Energieträgern verbunden. Die Evolutionslinie ist deutlich sichtbar: Die Macht des britischen Imperiums bassierte darauf, dass das Empire mit der Erfindung der Dampfmaschine im Jahr 1712 alle Konkurrenten aus dem Feld schlug.

In Europa verschob sich die Machtbalance hin zu jenen Mächten, die über Zugang zu Kohlelagerstätten verfügten: Großbritannien war führend, Deutschland, Frankreich und Österreich-Ungarn zogen nach. In China waren die Kohlelagerstätten weit von den Bevölkerungs- und Produktionsstätten entfernt, also wurden Holz und Holzkohle verfeuert, was zu einer Übernutzung der Wälder führte. Die Wirtschaft Asiens - bis dorthin der Schwerpunkt globaler Produktion - wurde von der europäischen Konkurrenz an die Wand gedrückt.

Dann der nächste Evolutionssprung: Die USA verdankt ihren Aufstieg zur Weltmacht nicht der Kohle, sondern Öl: 1859 wurde in Titusville, Pennsylvania, Öl gefunden, 1901 wurde in Texas das Spindletop-Ölfeld entdeckt, das an einem Tag mehr Öl förderte als alle anderen Ölfelder der Welt zu dieser Zeit zusammen. Mit Benzin- und Dieselmotoren konnte Öl in Bewegungsenergie umgewandelt werden. Ab 1908 verkaufte Henry Ford die ersten in Massenproduktion gefertigten, halbwegs erschwinglichen Automobile.

Langsam aber sicher lösten die USA Europa als Schwerpunkt der Weltwirtschaft ab, Öl wurde nach und nach zum zentralen Energieträger der Weltwirtschaft. Und es begann auch der Aufstieg einer zweiten Weltmacht: der UdSSR. Denn auch die Sowjetunion verfügte in Baku am Kaspischen Meer über bedeutende Ölreserven, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt waren. Der Ölboom, der die heutige Hauptstadt Aserbaidschans erfasst hatte, endete im Jahr 1905 aber jäh, als revoltierende Arbeiter die Förderanlagen zerstörten. Angeführt wurden die Streikenden von einem gewissen Jossif Wissarrionowitsch Dschugaschwili - Josef Stalin.

Im Zweiten Weltkrieg waren die Ölquellen um Grosnyj in Tschetschenien und Baku am Kaspischen Meer das wichtigste Kriegsziel Adolf Hitlers nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Immerhin deckten die dort gelegenen Ölquellen 1940 rund siebzig Prozent des Ölbedarfs der UdSSR ab. Doch Stalins Truppen verteidigten Ende 1942 Baku und Grosnyj sowie die strategisch und symbolisch wichtige Stadt Stalingrad an der Wolga, im Jänner 1943 mussten Hitlers Soldaten, die eigentlich die sowjetischen Ölfelder im Kaukasus und am Kaspischen Meer einnehmen hätten sollen, kapitulieren.

Auch im Krieg im Pazifik spielte Öl eine sehr wichtige Rolle: Denn Japans Angriff auf Pearl Harbor war der Startschuss zu einem Eroberungsfeldzug der Ölfelder in Niederländisch-Ostindien, die ganz Japan versorgen konnten. Doch auch das Reich der aufgehenden Sonne scheiterte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte eine ganze Reihe von Kriegen um Öl: der Iran-Irak-Krieg (1980-1988), die irakische Invasion in Kuwait 1990 und der US-Angriff auf den Irak im Jahr 2003.

Im Ausbau erneuerbarer Energien liegt die Hoffnung, dass Energiekriege damit der Vergangenheit angehören könnten - denn wenn Energie überall örtlich produziert werden kann, dann wird die Energiewaffe stumpf. Von Kohle zu Öl zu Silizium - bringt der nächste Energie-Evolutionsschritt mehr Frieden? Die Hoffnung lebt.