Bashar al-Assad hat Moskau viel zu verdanken: Als Russland im September 2015 in den Syrienkrieg eingriff, rettete das den Präsidenten vor der absehbaren Niederlage. Sollte Russland aufgrund des Ukrainekrieges nun aber gezwungen sein, Truppen aus Syrien abzuziehen, würde das unweigerlich zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse führen. Doch ist ein solches Szenario realistisch?

"Bisher musste Moskau seine Truppenpräsenz nicht reduzieren", sagt Hanna Notte vom Vienna Center for Disarmament and Non-Proliferation. Die Menge an russischem Militärgerät im Hafen Tartus und am Luftwaffenstützpunkt Hmeimin sei in den letzten beiden Jahren unverändert geblieben. Allerdings habe Russland kein Interesse, die Lage in Syrien weiter zu eskalieren, so Notte. Daher das deutliche Signal an die Türkei, dass Moskau keine neue Militäroperation in Nordsyrien sehen möchte.

Diese neue Militäroperation kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan bereits im Juni an. Ziel ist es, die kurdischen Volksbefreiungseinheiten (YPG), die Ankara als Terrororganisation bezeichnet, aus einem 30 Kilometer breiten Streifen jenseits der türkischen Grenze zu vertreiben. Dadurch soll Erdogans Plan einer türkischen Besetzung Nordsyriens vorangetrieben werden, den er in mehreren Offensiven seit 2016 umzusetzen versucht.

Doch beim Treffen in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan (früher Astana) Mitte Juli habe der russische Vertreter klargemacht, dass Moskau eine solche Offensive nicht unterstützen würde, sagt Notte. Die Expertin für russische Nahostpolitik glaubt nicht, dass Erdogan eine weitere Offensive in Syrien eigenmächtig und ohne Zustimmung Moskaus starten wird: "Die beiden Staaten sind aufeinander angewiesen, sie haben auch in Libyen, Nagorno-Karabach und am Schwarzen Meer miteinander zu tun." Hinzu komme, dass Erdogan sich im Ukrainekrieg als Mediator geben wolle. Den Sanktionen gegen Russland habe er sich daher nicht angeschlossen, gleichzeitig liefert Ankara aber Drohnen an die Ukraine. Dieser Drahtseilakt könnte durch eine Offensive entgegen dem Willen Moskaus gefährdet werden.

Syrische Söldner in Ukraine?

Anfang März berichtete unter anderen die britische Zeitung "The Guardian", Moskau rekrutiere in Syrien Söldner, um diese in der Ukraine einzusetzen. Hanna Notte kann diese Meldung nicht bestätigen. Möglicherweise war es am Beginn des Krieges tatsächlich Moskaus Plan, Syrer in Luhansk und Donezk einzusetzen, so Notte. "Mittlerweile befindet sich Russland aber in einer anderen Phase des Krieges und vermutlich sieht das russische Verteidigungsministerium jetzt weniger Einsatzmöglichkeiten für diese Kämpfer." Eine andere Erklärung wäre, dass Moskau die zurzeit recht stabile Lage in Syrien nicht gefährden möchte, indem es syrische Kämpfer abzieht, die Damaskus am Ende fehlen könnten.

Anders sieht es mit den Söldnern der Gruppe Wagner aus, die ebenfalls in Syrien stationiert sind. Um die Schlagkraft russischer Truppen in der Ukraine zu stärken, wurden dort ein bis zwei Monate nach Beginn der Offensive - der russische Nachrichten-Blog "Meduza" vermutet ab April - Wagner-Söldner eingesetzt, die zuvor aus Mali, Libyen und Syrien abgezogen wurden. Notte hält das für durchaus möglich, allerdings gebe es keine genauen Zahlen dazu. "Tatsache ist, dass die Bedeutung von Wagner in Syrien in den letzten Jahren abgenommen hat, weil die großen Kämpfe in Palmyra und im Osten des Landes, wo Russland involviert war, jetzt beendet sind", so Notte. Russland könnte daher Wagner-Söldner aus Syrien abziehen, ohne seine Mission zu gefährden.

Entscheidend für die Erfolge der syrischen Armee seit 2015 ist vor allem der Einsatz russischer Kampfflugzeuge und Hubschrauber. Waren die militärisch-strategischen Ziele einmal erreicht, wurden unter Führung des Kremls Waffenruhen ausverhandelt.

So etwa hält der von Russland und der Türkei ausverhandelte Waffenstillstand zwischen den Rebellen im Nordwesten Syriens und Damaskus seit zwei Jahre - wobei die syrische Regierung und Russland seit einer Woche wieder vermehrt Land- und Luftangriffe in der Region Idlib führen. Weitere Waffenstillstandslinien wurden unter Beteiligung Russlands, der USA, Türkei und Israels im Nordosten und im Süden Syriens geschlossen.

Umgekehrt bedeutet das aber, dass ein durch den Ukrainekrieg notwendiger Teilrückzug Russlands die Kräfteverhältnisse in Syrien deutlich verschieben und Waffenruhen gefährden würde. "Sollte Russland tatsächlich gezwungen sein, seine Präsenz zu reduzieren, würde Moskau am ehesten in der Region Daraa im Südwesten Syriens Abstriche machen", so Notte Das wiederum könnte proiranischen Gruppen mehr Spielraum an der syrisch-israelischen Grenze geben.

Russische Provokationen

Die Gefahr, dass die USA, die auch noch Truppen in Syrien stationiert haben, und der Kreml ihre offenen Rechnungen aus dem Ukrainekonflikt in Syrien begleichen könnten, sieht Notte nicht: "Im Februar, März und April war von Spannungen zwischen russischen und US-Truppen in Syrien nichts zu bemerken." Russland hatte sich offenbar völlig auf die Ukraine konzentriert. In den letzten Wochen habe sich das aber verändert. "Russische Truppen im Nordosten des Landes verhalten sich wieder unfreundlicher gegenüber US-Truppen." Es sei zu riskanten Manövern gekommen, Fahrzeuge gerieten aneinander. Diese Provokationen lassen darauf schließen, dass Russland sich in der Ukraine selbstbewusster fühlt. "Ich glaube aber nicht, dass es zu einer direkten Konfrontation zwischen den USA und Russland kommt", sagt Notte.

Beim Treffen des UN-Sicherheitsrates Mitte Juli drängten die USA und ihre Verbündeten auf eine Verlängerung der Hilfsmission für Syrien um ein Jahr. Aufgrund des Vetos von Moskau wurde diese grenzüberschreitende Hilfe allerdings nur um sechs Monate verlängert. Die dadurch anhaltende Gefahr einer humanitäre Krise und einer neuen Flüchtlingswelle Richtung Türkei und Europa ist ein deutliches Signal des Kremls Richtung Westen, dass Russland in Syrien nach wie vor die besseren Karten hat.