Tagelang war es angekündigt worden, am Montag war es so weit: Mit dem Frachtschiff "Razoni" hat erstmals seit Kriegsbeginn ein Schiff mit Getreide einen ukrainischen Hafen verlassen. Der unter der Flagge von Sierra Leone fahrende Frachter hat 26.000 Tonnen Mais geladen und ist auf Kurs Richtung Libanon, wo im Moment großer Brotmangel herrscht: Getreide wird in dem Mittelmeerstaat derzeit wegen Lieferengpässen streng rationiert.

Am Dienstag gegen 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird die "Razoni" in Istanbul erwartet. Dort soll das Schiff vor der Weiterfahrt inspiziert werden - wie in dem Abkommen, das Russland und die Ukraine unter Vermittlung der Türkei und der UNO abgeschlossen haben, vereinbart. "Nach dem Ankern wird die gemeinsame Delegation es kontrollieren", sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar. Nach ukrainischen Angaben warteten am Montagnachmittag bereits 16 weitere Schiffe in ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer darauf, ablegen zu können.

Schlange stehen vor einer Bäckerei im Libanon. 
- © afp / Joseph Eid

Schlange stehen vor einer Bäckerei im Libanon.

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Ist damit die drohende internationale Lebensmittelkrise gelöst? Der Optimismus ist zumindest gestiegen - auf beiden Seiten: "Heute macht die Ukraine gemeinsam mit Partnern einen weiteren Schritt zur Verhinderung des Hungers in der Welt", teilte der ukrainische Infrastrukturminister Olexander Kubrakow über Facebook mit. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kulebha sprach von einem "Tag der Erleichterung für die Welt". Und auch die russische Führung begrüßte den ersten Getreidetransport per Schiff aus dem Hafen der ukrainischen Stadt Odessa. Dies sei eine "sehr positive Nachricht", erklärte das Präsidialamt in Moskau.

Vorwürfe von Getreidediebstahl

Dennoch könnte diese seltene Einigkeit täuschen, der Optimismus verfrüht sein. Schließlich ist Russland jederzeit für negative Überraschungen gut. So hatte Moskau nur einen Tag nach der Unterzeichnung des Getreideabkommens mit der Ukraine vor mehr als einer Woche den Hafen von Odessa bombardieren lassen - man erklärte, unter anderem Lager mit US-amerikanischen Waffen getroffen zu haben. Die Ukraine bestritt das und sprach von Getreide. Russland fürchtet zudem, dass die ukrainischen Getreidefrachter auch Waffen geladen haben könnten. In dem Abkommen ist daher vorgesehen, dass jene Frachter, die in die drei noch verbliebenen ukrainischen Häfen - Odessa, Juschnyj und Tschernomorsk - fahren, auf mögliche Waffenlieferungen kontrolliert werden.

Die Ukraine wiederum wirft Moskau Diebstahl von Getreide vor: Vergangene Woche forderte Kiew die Regierung des Libanon dazu auf, ein syrisches Schiff genauer unter die Lupe zu nehmen, das in den Hafen von Tripoli eingelaufen war. Kiew behauptete, das Schiff habe Gerste aus jenen ukrainischen Gebieten geladen, die von Russland besetzt wurden. Am Samstag ordnete der Libanon dann die Beschlagnahme des Schiffes an, bis der Fall geklärt ist. Solche Fälle könnten sich in Zukunft häufen.

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Trotz aller möglichen Schwierigkeiten gibt es aber auch genug Gründe für Russland, den Deal nicht platzen zu lassen: So setzt Moskau im neuen Kalten Krieg mit dem Westen auch auf die Unterstützung afrikanischer Staaten, wie die jüngste Reise von Außenminister Sergej Lawrow nach Ägypten, Uganda, Äthiopien und in die Republik Kongo zeigte. Lawrow ging es dabei auch darum, Russland in Afrika, das besonders stark von russischen und ukrainischen Getreidelieferungen abhängig ist, als verlässlichen Getreidelieferanten darzustellen.

Die Zeit drängt

Die beiden Staaten spielen für den internationalen Getreidemarkt eine enorm wichtige Rolle. Ein Viertel aller weltweiten Exporte von Weizen entfallen auf Russland und die Ukraine - und auch rund 17,5 Prozent des globalen Maisexports. In der Ukraine warten über 20 Millionen Tonnen Getreide aus der Vorjahresernte laut Kiewer Angaben noch auf die Ausfuhr. Die Zeit drängt: Die Silos müssen wegen der neuen Ernte dringend freigemacht werden.(leg/apa)